Eine Begegnungsgeschichte
Der erste Besuch
Monika besucht ihren Bruder zum ersten Mal und fühlt sich bei ihm wie ein fremder Gast.

Wer in dieser Geschichte vorkommt
Der erste Besuch
Schon auf der Stiege hatte Monika den Kuchen anders unter den Arm genommen, damit sie die rechte Hand frei bekam. Sie wusste nicht, ob ihr Bruder ihr zur Begrüßung die Hand reichen würde; bei ihren bisherigen Begegnungen war es jedes Mal ein wenig anders gewesen, und obwohl sie sich auf diesen Nachmittag gefreut hatte, blieb sie vor seiner Tür einen Augenblick stehen, um das Papier um den Kuchen glatt zu streichen. Dann klopfte sie, leise genug, dass sie beinahe noch einmal hätte klopfen müssen.
Benedikt öffnete sogleich. Er hatte ihren Schritt gehört und war bereits im Vorzimmer gewesen, wo ihr Mantel nun an einen freien Haken kam und ihr Schirm in einen Ständer, dessen Boden noch ganz trocken war. Während er ihr die Tür zum Wohnzimmer aufhielt, sah Monika die beiden Tassen auf dem gedeckten Tisch und einen kleinen Blumenstrauß, der so genau zwischen ihnen stand, dass keiner dem anderen beim Sprechen ins Gesicht sehen konnte, ohne sich ein wenig zur Seite zu neigen. Sie gab Benedikt den Kuchen und sagte, er sei ihr diesmal etwas dunkel geraten; er aber nahm ihn entgegen, als hätte sie etwas Kostbares gebracht, und bedankte sich so ausführlich, dass ihr die vertraute, beiläufige Antwort fehlte, auf die sie gehofft hatte.
Seit Monika erfahren hatte, dass ihr totgeglaubter Bruder noch lebte, waren einige Monate vergangen. Sie hatten einander geschrieben, und Benedikt war zweimal bei ihr gewesen, zuletzt schon ohne das Tagebuch, das zwischen ihnen gelegen hatte, als sie sich zum ersten Mal gegenübersaßen. Was er ihr über sein langes Schweigen gesagt hatte, konnte Monika nicht vergessen; dennoch hatte sie bei jedem seiner Besuche etwas an ihm entdeckt, das sie später vermisste. Einmal war es die Art gewesen, wie er beim Zuhören den Kopf ein wenig senkte, ein anderes Mal sein unerwartetes Lachen über eine Bemerkung, die ihr selbst gar nicht besonders lustig erschienen war. Als seine Einladung kam, hatte sie noch am selben Abend zugesagt.
Nun saß sie in dem Sessel, den er für sie an den Tisch gerückt hatte, und hielt ihre Tasche auf den Knien. Vom Fenster aus sah man über einen kleinen Hof auf die Rückseite der Nachbarhäuser; irgendwo wurde ein Teppich ausgeklopft, und durch die nicht ganz geschlossene Küchentür zog der Geruch gerösteter Zwiebeln. Monika hatte geglaubt, bei ihrem Bruder werde es vor allem nach Büchern riechen. Sie lächelte über diesen eigenen, sonderbaren Gedanken und wollte ihm davon erzählen, doch Benedikt war bereits aufgestanden, um den Kaffee zu holen. Als er zurückkam, fragte er nach Milch, nach Zucker und danach, ob sie am Fenster vielleicht friere. Monika verneinte alles und bemerkte erst, als er sich wieder setzte, dass sie ihren Kaffee nun schwarz würde trinken müssen.
Sie hätte ihn noch um Milch bitten können. Stattdessen nahm sie einen kleinen Schluck und lobte die schöne Tasse. Benedikt erklärte, er benutze das Service selten, weil gewöhnlich niemand zum Kaffee komme, und zeigte ihr die dünne Stelle am Henkel, die man beim Abwaschen besonders vorsichtig anfassen müsse. Monika stellte die Tasse behutsam zurück. Zu Hause trank sie aus einem schweren Becher, dessen Glasur am Rand einen Sprung hatte; hier wagte sie kaum, den Löffel auf die Untertasse zu legen. Als sie ihm von dem Markt nahe ihrem neuen Zimmer erzählte, hörte er mit einer Aufmerksamkeit zu, die sie zunächst freute. Doch bald wartete sie darauf, dass er sie unterbrechen, selbst etwas erzählen oder ihr widersprechen würde. Er ließ ihr jeden Satz zu Ende sprechen und stellte danach eine passende Frage, bis sie sich beim Suchen nach einer Antwort ertappte, die seine Mühe auch verdiente.
Benedikt merkte wohl, dass das Gespräch langsamer wurde. Er hatte sich diesen Besuch seit Tagen vorgestellt, und in keiner seiner Vorstellungen war Monika mit der Tasche auf den Knien vor ihm gesessen. Am Vormittag hatte er die Zeitung vom Tisch genommen, die Bücher neben dem Sessel aufgeräumt und eine alte Weste, die über der Lehne hing, ins Schlafzimmer getragen. Selbst den zweiten Sessel hatte er vom Fenster fortgerückt, damit sie beim Kaffee bequemer sitzen konnte. Nun sah er sie in dem ungewöhnlich ordentlichen Zimmer an und fand nichts von all dem, was er ihr hatte erzählen wollen. Er bot ihr ein zweites Stück Kuchen an; als sie dankend ablehnte, schob er den Teller näher, als könnte sie es sich bei genauerem Hinsehen noch überlegen.
Monika fragte, ob er hier gewöhnlich lese, und zeigte auf den freien Platz am Fenster. Benedikt nickte und holte das Buch, das er eigens vor ihrer Ankunft weggelegt hatte. Es war eine Sammlung von Reisebeschreibungen, mit einer ausklappbaren Karte des Reisewegs. Monika beugte sich vor, denn auf der ersten Seite hatte sie kleine Bleistiftstriche am Rand bemerkt. Ob er sich damit merke, was ihm gefalle, wollte sie wissen. Benedikt blickte auf seine Anmerkungen, unter denen sich ein ziemlich unfreundliches Urteil über den Verfasser befand, und lächelte verlegen. Es seien nur flüchtige Notizen, sagte er, nichts, was sich zu lesen lohne. Dann begann er, ihr die Karte zu zeigen.
Sie hörte ihm noch eine Weile zu, ohne nach einem der eingezeichneten Wege zu fragen. Gerade an seinen Notizen hätte sie Freude gehabt, an etwas, das er für sich geschrieben und nicht für ihren Besuch zurechtgelegt hatte. Aber sie wollte nicht aufdringlich sein, und so zog sie sich in dieselbe Höflichkeit zurück, unter der sie bei ihm litt. Als Benedikt das Buch schloss, strich sie den Rock über ihren Knien glatt und sagte, sie habe ihn nun lange genug von seinem Nachmittag abgehalten. Es war noch nicht vier Uhr. Im Hof hatte das Klopfen aufgehört, und in der plötzlichen Stille hörte sie, wie er den Einband auf den Tisch legte.
Er fragte, ob sie schon gehen müsse. Monika hätte nur zu verneinen brauchen; stattdessen antwortete sie, sie wolle ihm nicht den ganzen Tag nehmen. Benedikt stand auf und rückte ihren Sessel zurück, damit sie leichter aufstehen konnte. Diese kleine, tadellose Hilfsbereitschaft traf sie stärker als alles, was er hätte sagen können. Sie erhob sich, nahm ihre Tasche an sich und ging mit ihm ins Vorzimmer, wo er nach ihrem Mantel griff. Während er ihn vom Haken hob, fiel ihr Blick durch die Küchentür. Neben dem Herd lagen geschälte Erdäpfel in einer Schüssel, und auf dem kleinen Küchentisch standen zwei tiefe Teller.
Monika blieb stehen. „Du erwartest noch jemanden?“
Benedikt folgte ihrem Blick und hielt den Mantel weiterhin in beiden Händen. Nein, sagte er, sonst komme niemand; er habe nur gedacht, sie würden später vielleicht noch zusammen essen. Bei dem Wort vielleicht sah Monika ihn wieder an. Der sorgfältig gedeckte Kaffeetisch, die Blumen und die dünnen Tassen waren für sie gewesen, aber offenbar auch dieser Topf auf dem Herd, von dem er mit keinem Wort gesprochen hatte. „Warum sagst du mir das erst jetzt?“, fragte sie, und weil ihre Stimme dabei schärfer klang, als sie gewollt hatte, fügte sie leiser hinzu: „Ich hatte mir für heute nichts anderes vorgenommen.“
Er legte ihren Mantel über den Arm. Beim Mittagessen allein, erzählte er, sei ihm eingefallen, dass sie vielleicht bis zum Abend bleiben könnte. Deshalb habe er mehr vorbereitet; dann aber habe sie so aufrecht im Sessel gesessen und ihre Tasche nicht abgelegt, und er habe gefürchtet, sie mit einer weiteren Einladung zu bedrängen. Monika sah auf ihre Hände, die den Taschenbügel noch immer fest umschlossen. „Du hast mich behandelt, als müsstest du aufpassen, dass mir nichts an dir missfällt“, sagte sie. Benedikt hob den Blick nicht gleich. Erst als sie schon glaubte, er werde wieder etwas Höfliches antworten, sagte er: „Das habe ich auch.“
Monika ließ den Bügel los. Durch das Papier, in das sie den Kuchen gewickelt hatte, war am Nachmittag ein kleiner Fettfleck gedrungen; beim Auspacken hatte sie ihn rasch nach innen geschlagen, damit Benedikt ihn nicht sah. Nun fiel ihr wieder ein, wie sie vor seiner Tür mit dem Papier hantiert hatte, statt einfach anzuklopfen. Sie nahm ihm den Mantel ab und hängte ihn selbst wieder an den Haken. Dann ging sie ins Wohnzimmer zurück, stellte die Tasche neben den Sessel und sagte, einen Kaffee würde sie noch trinken, diesmal allerdings mit Milch.
„Auch vorhin schon?“, fragte Benedikt von der Küchentür aus. Monika bejahte es und musste lächeln, obwohl ihr noch nicht ganz leicht zumute war. Benedikt ging in die Küche, um frischen Kaffee aufzusetzen. Durch die offene Tür erzählte er ihr, dass ihm der Erdäpfelgulasch gelegentlich zu scharf gerate und dass er beim Kochen nicht immer so genau wisse, wann er aufhören müsse, noch etwas dazuzugeben. Monika sagte, dann solle er heute lieber nichts mehr hineintun, und er ging tatsächlich zum Herd, um nachzusehen.
Als sie später in der kleinen Küche aßen, stand der Topf zwischen ihnen auf einem gefalteten Tuch. Benedikt hatte das Brot zu dick geschnitten, und Monika teilte ihre Scheibe, ohne eine Bemerkung darüber zu machen. Sie sprachen nicht mehr über den missglückten Beginn des Nachmittags, und auch von den verlorenen Jahren war nicht die Rede. Einmal, während er ihr Wasser nachgoss, kam ihr der schmerzliche Gedanke, wie oft sie einander so hätten gegenübersitzen können. Sie behielt ihn für sich und schob ihm den Brotkorb hin, den er von seinem Platz aus nur schwer erreichen konnte.
Nach dem Essen holte Benedikt das Buch aus dem Wohnzimmer. Er schlug es an der Seite mit seinen Anmerkungen auf und drehte es so, dass Monika mitlesen konnte. Neben einer ausführlichen Schilderung eines beschwerlichen Fußmarsches stand in seiner kleinen, festen Schrift: Das hätte er auch vom Wirtshausfenster aus sehen können. Monika las den Satz ein zweites Mal, dann lachte sie, und Benedikt begann ihr zu erklären, was ihn an diesem Reisenden so ärgerte. Diesmal ließ sie ihn nicht ausreden.