Wollwesen
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Gritli von Ahlen

Die Spaziergängerin

Gritli möchte ihren wortkargen Nachbarn kennenlernen. Doch als Herr Kern endlich mit ihr spricht, ist sie noch gekränkt.

Gritli von Ahlen

Der alte Herr Kern

Wem wir hier begegnen

Der alte Herr Kern wohnte hinter einer niedrigen Mauer und wollte seine Ruhe haben. Das hatte er Gritli zwar nicht gesagt, aber sie hatte es inzwischen begriffen. Auf ihren Spaziergängen kam sie jeden Tag an seinem Garten vorbei. Wenn sie ihn grüßte, nickte er; wenn sie stehen blieb, fand er etwas zu tun. Einmal hatte sie ihm gesagt, sein Birnbaum sei schön. Er hatte geantwortet, die Birnen seien hart. Danach war ihr nichts mehr eingefallen, und das nahm sie ihm besonders übel.

Gritli beschloss, künftig nur noch zu grüßen. An dieses Vorhaben hielt sie sich zwei Tage. Am dritten fragte sie, ob die Amseln nicht sämtliche Früchte auffräßen. Herr Kern sagte, das wäre ihm recht. Gritli ging weiter und ärgerte sich über ihn, über die Birnen und am meisten darüber, dass sie schon wieder versucht hatte, mit ihm zu reden. Sie war weder langweilig noch aufdringlich. Jedenfalls hatte ihr das bisher niemand gesagt.

Eines Morgens stand Herr Kern am Gartentor. Als Gritli vorbeikam, sagte er, der Birnbaum sei ihm seinerzeit als Apfelbaum verkauft worden. Er lächelte dabei ein wenig, und Gritli wusste, dass jetzt etwas von ihr erwartet wurde: eine Frage, ein Lachen, wenigstens ein erstauntes Gesicht. Sie hätte gern erfahren, wie das zugegangen war. Aber er hatte so oft kein Gespräch gewollt, dass sie plötzlich fand, nun sei er an der Reihe. »Ich habe heute keine Zeit«, sagte sie und ging weiter. Nach wenigen Schritten hörte sie das Gartentor zufallen. Sie hatte sich diesen Augenblick angenehmer vorgestellt.

Gritli geht nach dem abgewiesenen Gespräch am Garten des Nachbarn vorbei.

Am Nachmittag nahm Gritli einen anderen Weg. Das war umständlich und gefiel ihr nicht. Außerdem war es ein schlechter Spaziergang: Sie sah kaum etwas von den Gärten, weil sie immerzu an das kleine Lächeln des Nachbarn dachte. Herr Kern hatte ihr zum ersten Mal etwas erzählen wollen. Sie hatte es bemerkt und war trotzdem weitergegangen. Zu Hause überlegte sie, ob sie ihm einen Brief schreiben sollte. Ein Brief hätte ihr erspart, beim Entschuldigen vor ihm zu stehen. Aber sie wusste nicht, ob er Briefe beantwortete, und sie wollte ihn wiedersehen.

Zu Hause denkt Gritli in einem alten grünen Samtsessel über eine Entschuldigung nach.

Am nächsten Morgen läutete sie bei ihm. Als er öffnete, sagte Gritli, sie habe gestern sehr wohl Zeit gehabt. Sie sei nur beleidigt gewesen, weil er nie mit ihr sprechen wollte. Jetzt tue ihr leid, dass sie nicht zugehört habe. Herr Kern sah sie eine Weile an. Dann sagte er, er möge nicht immer reden. »Das müssen Sie auch nicht«, antwortete Gritli. Sie war gekommen, um sich zu entschuldigen, und hatte es getan. Dennoch blieb sie noch einen Augenblick stehen. Herr Kern fragte, ob sie etwas vergessen habe. Gritli sagte Nein und verabschiedete sich.

Zwei Tage später rief er sie ans Gartentor. Er hatte den Baum auf einem Markt gekauft, erzählte er, und erst nach Jahren die erste Birne daran entdeckt. Gritli musste lachen. Sie fragte, weshalb er den Baum nicht ausgegraben habe. Zuerst sei er zu bequem gewesen, sagte Herr Kern, und später sei der Baum zu groß geworden. Nun sitze er gern in seinem Schatten. Gritli wollte schon fragen, ob die Birnen gekocht besser schmeckten, als ihr einfiel, dass sie sich nicht wieder festreden sollte. Sie sagte, sie wolle ihn nicht länger aufhalten. Herr Kern fragte, ob sie einen Tee mit ihm trinken wolle. Gritli sagte Ja und vergaß für eine Weile ihre Frage nach den Birnen.

Gritli trinkt mit dem alten Herrn Kern Tee im Garten.

Von da an tranken sie manchmal zusammen Tee im Garten. Es gab weiterhin Tage, an denen Herr Kern nur nickte. Gritli grüßte dann und ging ihres Weges. Eines Nachmittags aber kam sie später als gewöhnlich. Unter dem Birnbaum standen zwei Stühle. Herr Kern saß auf dem einen; über dem anderen lag ein zusammengefaltetes Tuch. »Der war noch nass«, sagte er. »Ich habe ihn für Sie abgetrocknet.« Gritli setzte sich. Sie hatte an diesem Tag viel erlebt und unterwegs schon überlegt, was sie zuerst erzählen würde. Nun brauchte sie eine kleine Weile, ehe sie anfangen konnte.

Gritli sitzt auf dem für sie abgetrockneten Stuhl unter dem Birnbaum.

Ende