Anno von Eichenfels sitzt mit einem Buch in einem Sessel

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Anno von Eichenfels

Der Leser an der Schwelle

Anno liebt Bücher, weil jedes Unglück darin einen Rand aus Papier besitzt. Ein unvollendetes Buch zwingt ihn, die sichere Seite zu verlassen und einer wirklichen Spur zu folgen.

Das Buch, das ihn nicht gehen ließ

Anno von Eichenfels lebte zwischen Büchern. Er las beim Frühstück, im Sessel, auf der Fensterbank und manchmal noch im Flur, wenn er auf dem Weg von einem Zimmer ins andere einen Satz fand, den er nicht verlassen konnte. Die Leute nannten ihn den stillen Buchfreund. Niemand wusste, dass Anno nicht nur aus Liebe las. Er las auch, weil in Büchern jedes Unglück einen Rand aus Papier hatte.

Seit sein älterer Bruder im Frühjahr fortgegangen war und nicht zurückgekehrt war, mied Anno alle Wege, die weiter als bis zum Gartentor führten. Im Dorf sagte man, der Bruder habe eine andere Gegend gesucht. Andere behaupteten, er sei im Moor verschwunden. Anno fragte nicht nach. Stattdessen las er Abenteuergeschichten, in denen jeder Verlorene im letzten Kapitel gefunden wurde.

Eines Abends entdeckte er in der Bibliothek ein schmales grünes Buch ohne Titel. Darin stand die Geschichte eines Hauses im Winterwald. An seinem Fenster wartete ein junger Mann auf jemanden, dessen Name nicht genannt wurde. Anno las bis zu der Stelle, an der der Wartende eine Laterne nahm und in den Wald ging. Die nächste Seite war leer.

Anno suchte nach einem zweiten Band, fand aber keinen. In der folgenden Nacht war auf der leeren Seite ein neuer Satz erschienen: Der Weg beginnt dort, wo du das Buch schließt. Anno schlug es sofort wieder zu. Als er am Morgen erneut hineinsah, lag zwischen den Seiten ein feuchtes Buchenblatt. Es roch nach dem Moor.

Drei Tage lang versuchte Anno, die Geschichte durch Lesen fortzusetzen. Er stellte Fragen an den Rand, hielt das Buch ans Fenster und ließ es sogar über Nacht offen. Nichts geschah. Erst als er das Blatt neben die Landkarte seines Bruders legte, erkannte er dieselbe gezackte Form. Auf der Rückseite der Karte war ein Weg eingezeichnet, den er nie beachtet hatte.

Anno wollte im Dorf Hilfe holen. Doch er schämte sich, weil so viel Zeit vergangen war. Vielleicht, dachte er, würden die anderen fragen, warum er nicht früher gesucht hatte. Vielleicht würde der Weg nur bestätigen, was er nicht wissen wollte. Da fiel das grüne Buch vom Tisch. Es schlug bei der leeren Seite auf. Nun stand dort: Angst vor der Wahrheit schützt nicht vor ihr. Sie sorgt nur dafür, dass du ihr allein begegnest.

Zum ersten Mal erzählte Anno den Nachbarn von der Karte. Noch am selben Nachmittag gingen vier Wollwesen mit Laternen ins Moor. Anno führte sie, obwohl seine Knie bei jedem Schritt zitterten. Der Weg endete nicht an einem Abgrund, sondern bei einer verlassenen Hütte. Darin fanden sie den Rucksack seines Bruders und ein Bündel Briefe. Der Bruder war weitergereist. Er hatte geschrieben, er müsse ein Leben suchen, in dem er nicht immer nur der Mutige für alle anderen sei. Die Briefe waren nie abgeschickt worden.

Anno war erleichtert und verletzt zugleich. Er hatte gehofft, ein Unglück zu verhindern. Stattdessen musste er begreifen, dass sein Bruder gegangen war, ohne ihm zu vertrauen. Am letzten Brief stand: Sag Anno, dass Bücher Türen sind. Aber auch durch eine offene Tür muss man selbst gehen.

Als Anno heimkam, war die Geschichte im grünen Buch vollständig. Der junge Mann im Winterwald fand nicht den Menschen, auf den er gewartet hatte. Er fand dessen Spuren, wurde traurig und ging weiter. Anno las den Schluss zweimal. Dann stellte er das Buch ins Regal und öffnete am nächsten Morgen das Gartentor.

Er blieb ein langsamer Leser. Er liebte noch immer die sicheren Ränder einer Seite. Doch einmal in der Woche ging er einen Weg, den er nicht aus einem Buch kannte. Manchmal kam er enttäuscht zurück, manchmal froh. Immer brachte er etwas mit, das in keiner Geschichte gestanden hatte: ein Stück wirklich gelebtes Leben.

Ein Buch muss die Axt seinfür das gefrorene Meer in uns.
Franz Kafka