Der Anfang der Wollwesen

Die Nacht, in der der Faden sprach

Lange bevor das erste Wollwesen einen Namen trug, gab es eine Nacht, in der Imaneona lernen musste, dass Liebe nicht festhält.

Imaneona sitzt mit offenen blonden Haaren von hinten an einem dunklen Holztisch und arbeitet im Licht einer kleinen Lampe an einem Wollwesen

Damals kannte niemand den Namen Imaneona. Im Dorf nannte man sie nur die Frau im Haus hinter den Weiden. Sie lebte dort, wo der Weg schmal wurde und der Wald begann. Tagsüber kamen Menschen zu ihr, wenn ein Ärmel gerissen, eine Decke dünn oder ein Kinderhandschuh verloren gegangen war. Imaneona besserte alles aus. Sie setzte Masche an Masche, bis kaum noch zu erkennen war, an welcher Stelle etwas zerbrochen gewesen war.

Nur Gesichter machte sie nie. Kein Auge, keinen Mund, nicht einmal eine Andeutung davon. Wer sie nach dem Grund fragte, bekam dieselbe Antwort: Ein Gesicht sieht zurück. Dann lächelte sie, als wäre dies ein Scherz. Aber es war keiner.

Vor vielen Jahren hatte Imaneona jemanden geliebt, der eines Morgens aufgebrochen und nicht zurückgekehrt war. Niemand wusste, ob ein Unglück geschehen war oder ob er ein anderes Leben gewählt hatte. Imaneona wusste nur, dass ein Abschied ohne letzte Worte im Herzen weitergeht. Er sitzt dort wie eine angelehnte Tür. Bei jedem Wind meint man, sie müsse sich nun endlich öffnen.

Deshalb reparierte sie die Dinge der anderen. Es beruhigte sie, dass ein gerissener Faden ein sichtbares Ende hatte. Man fand die beiden Seiten, verband sie und wusste, was zu tun war. Mit Menschen war es anders. Manche verschwanden, obwohl man ihre Hand festgehalten hatte. Manche blieben und waren doch nicht mehr erreichbar.

In jener Nacht kam ein Sturm aus den Bergen. Er drückte den Regen gegen die Scheiben und fuhr heulend durch den Kamin. Imaneona hatte die Fensterläden geschlossen und saß bei einer einzigen Kerze am Tisch. Vor ihr stand eine Tasse Tee. Daneben lag ein Korb mit den Resten vieler Arbeiten: ein Stück Braun, ein wenig Altrosa, Wolle in der Farbe von Milch und ein grüner Faden, den sie für zu schön hielt, um ihn wegzuwerfen.

Als sie in den Korb griff, fand sie zwischen den Wollresten einen Faden, den sie noch nie gesehen hatte. Er war fein wie Haar und schimmerte mattgolden im Kerzenlicht. Imaneona zog daran. Der Faden schien kein Ende zu haben. Er glitt durch ihre Finger, warm, beinahe lebendig, und blieb schließlich an ihrem kleinen Finger liegen, als hätte er sich dort entschieden.

Imaneona wollte ihn zurück in den Korb legen. Doch ihre Hand machte eine Schlaufe. Aus der Schlaufe wurde eine Masche, aus der Masche eine zweite. Sie nahm die braune Wolle dazu, dann die helle. Bald lagen zwei lange Beine auf ihrem Schoß. Sie gab ihnen grüne Schuhe, weil Grün die Farbe der Wege war, auf denen im Frühling etwas wiederkehrte.

Sie arbeitete ohne Anleitung. Ihre Hände wussten mehr als sie. Das Wesen wuchs bis zur Brust, dann hielten ihre Finger inne. Noch fehlte der Kopf. Noch gab es kein Gesicht. Auf einmal war das Heulen des Sturms verstummt. Das Haus wurde so still, dass Imaneona das leise Knacken der Dochte hörte.

Aus dem Dunkel unter dem Tisch kam ein Geräusch. Kein Klopfen, kein Schritt – eher das vorsichtige Einatmen eines Wesens, das nicht weiß, ob es willkommen ist. Imaneona hob die Kerze. Unter dem Tisch war nichts. Als sie sich wieder aufrichtete, hatte sich der goldene Faden gespannt. Er führte von ihrer Hand zu der offenen Stelle, an der das Herz des unfertigen Wesens hätte liegen müssen.

Da hörte Imaneona eine Stimme. Sie kam weder aus dem Zimmer noch von draußen. Sie war so leise, dass sie ebenso gut eine Erinnerung hätte sein können.

„Wenn du mich vollendest, wirst du mich verlieren.“

Imaneona fuhr zurück. Die Nadel fiel auf den Boden. Sofort sprang einer der Fensterläden auf, obwohl der Riegel vorgeschoben war. Wind stürzte herein, riss den Vorhang hoch und löschte die Kerze. Im selben Augenblick rollte das unfertige Wesen vom Tisch.

Imaneona fing es auf, bevor es den Boden berührte. Es war nur Wolle. Und doch hielt sie es an sich wie etwas, das sich fürchtete. Unter ihren Händen spürte sie kein Herz schlagen. Aber sie spürte die Stelle in ihrem eigenen Herzen, die sie seit Jahren verschlossen hatte.

„Dann bleibst du eben unfertig“, flüsterte sie. „Was nicht vollendet ist, kann mich nicht verlassen.“

Der goldene Faden wurde kalt. Imaneona hielt das Wesen fester. Da geschah etwas Seltsames: Masche um Masche begann sich zu lösen. Erst an der Brust, dann an den Beinen. Ein grüner Schuh fiel zu Boden. Das Wesen wurde kleiner, während sie es zu bewahren versuchte.

Imaneona verstand. Sie hatte viele Jahre geglaubt, Verlust beginne dort, wo man loslässt. Nun sah sie, dass auch Festhalten etwas zerstören kann. Wer aus Angst nichts vollendet, verliert es langsam, noch während er es in den Händen trägt.

Sie zündete die Kerze wieder an, setzte sich und nahm die Nadel auf. Ihre Finger zitterten. Trotzdem schloss sie die gelösten Maschen, formte einen Kopf und gab dem Wesen ein Gesicht. Es wurde kein vollkommenes Gesicht. Ein Auge saß ein wenig höher als das andere, und der Mund war nur ein winziger dunkler Strich. Aber zum ersten Mal sah etwas, das Imaneona geschaffen hatte, zu ihr zurück.

Das Wesen sah sie lange an. Dann wandte es den Kopf zur Tür.

Imaneona weinte nicht. Noch nicht. Sie nähte den letzten Faden ein, wärmte die kleinen grünen Schuhe zwischen ihren Händen und wartete auf den Morgen. Kurz vor Sonnenaufgang träumte sie im Sitzen von einem großen dunklen Haus. Hinter vielen Fenstern brannten Lichter. Vor jeder Tür stand ein Mensch, der etwas verloren hatte und so tat, als brauche er es nicht mehr.

Als Imaneona erwachte, kannte sie den Namen des Wesens. Er war alt, freundlich und ein wenig feierlich. Sie sprach ihn leise aus. Das Wollwesen neigte den Kopf, als hätte es den Namen schon lange getragen und nur darauf gewartet, dass jemand ihn hörte.

Noch am selben Vormittag klopfte eine Frau an Imaneonas Tür. Sie brachte keinen zerrissenen Ärmel und keine dünne Decke. Sie stand einfach da, durchnässt vom Regen, und sagte, sie habe den falschen Weg genommen. Während Imaneona Wasser für Tee aufsetzte, fiel der Blick der Fremden auf das Wollwesen.

Die Frau nahm es nicht in die Hand. Sie fragte nicht nach seinem Wert. Sie setzte sich nur davor und wurde still. In ihrem Gesicht veränderte sich etwas, kaum sichtbar, wie Schnee, der zu tauen beginnt. Das Wollwesen streckte einen grünen Schuh über die Tischkante.

Imaneona wusste, dass die Stunde gekommen war, vor der die Stimme sie gewarnt hatte. Alles in ihr wollte das Wesen zurücknehmen. Sie hatte es in einer Nacht geschaffen, in der es ihr selbst das Leben gerettet hatte. Es fortgehen zu lassen fühlte sich an, als müsste sie die alte Tür in ihrem Herzen ein zweites Mal öffnen.

Doch diesmal gab es letzte Worte. Imaneona strich über den kleinen Kopf und sagte: „Du gehörst nicht mir, nur weil du durch meine Hände gekommen bist.“

Die Fremde hob das Wollwesen behutsam an sich. Als sie über die Schwelle trat, spannte sich der goldene Faden noch einmal zwischen Imaneonas Finger und dem kleinen Rücken. Dann löste er sich lautlos. Er riss nicht. Er tat nicht weh. Ein kurzes Stück blieb um Imaneonas kleinen Finger liegen und leuchtete dort wie ein schmaler Ring.

Erst als die Frau hinter den Weiden verschwunden war, weinte Imaneona. Sie weinte um den Menschen, der nie zurückgekommen war. Sie weinte um das Wollwesen, das gerade gegangen war. Und sie weinte um all die Jahre, in denen sie geglaubt hatte, ein verschlossenes Herz sei ein unverletztes Herz.

Am Abend stellte sie wieder eine Tasse Tee auf den Tisch. Im Korb lag ein neuer Faden. Diesmal war er rot wie eine Hagebutte im ersten Frost. Imaneona lächelte, nahm die Nadel und wartete, bis ihre Hände wussten, wer kommen wollte.

Seit jener Nacht entstehen die Wollwesen nicht nach einem Plan. Manche kommen rasch und entschlossen. Andere verbergen ihr Gesicht bis zur letzten Masche. Einige tragen Heimweh in sich, andere Übermut, Eifersucht, Sehnsucht oder einen Mut, den sie selbst noch nicht kennen. Imaneona drängt keines. Sie hört dem Faden zu, bis ein Name aus der Stille tritt.

Keines ihrer Wollwesen hätte Imaneona je verkauft. Was unter ihren Händen erwachte, hatte keinen Preis. Es durfte nur zu jenem Menschen gehen, bei dem es bleiben wollte. Und wenn eines von ihnen seinen Menschen erkennt, hält Imaneona es nicht zurück. Sie weiß nun: Etwas fortzugeben bedeutet nicht, dass es aus dem eigenen Leben verschwindet. Liebe bleibt nicht dadurch bestehen, dass man eine Tür verschließt. Sie bleibt, weil man sie hindurchgehen lässt.

Für den Weg

Was wir aus Liebe erschaffen, wird nicht kleiner, wenn wir es loslassen. Manches kann seinen eigenen Weg erst beginnen, wenn wir aufhören, es aus Angst festzuhalten.

Wenn Imaneonas Tee heute kalt wird, weiß sie: Irgendwo hat sich wieder ein Fenster erhellt.