Fräulein von Buddenbrock vor der alten Spiegelwand von Dornheim

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Fräulein von Buddenbrock

Die Hüterin der Gegenwart

In Dornheim bewahrt Fräulein von Buddenbrock dreiundvierzig Spiegel. Einer von ihnen zeigt keine Vergangenheit, sondern eine Tür, hinter der Sehnsucht gefährlich werden kann.

Das Zimmer hinter dem Spiegel

In Dornheim gab es dreiundvierzig Spiegel. Fräulein von Buddenbrock kannte jeden blinden Fleck, jeden Sprung im Glas und jeden dunklen Goldrahmen. Sie wusste, welcher Spiegel ein Gesicht milder erscheinen ließ und welcher so unerbittlich war, dass selbst ein fröhlicher Mensch darin einen Augenblick lang an sich zweifelte. Nur über den hohen Spiegel im westlichen Flur sprach sie nie. Er zeigte nicht den Raum, der vor ihm lag, sondern eine geschlossene Tür, die es im Haus nicht gab.

An einem Novemberabend kam eine Frau namens Leonore nach Dornheim. Sie trug einen nassen Mantel und hielt ein kleines Medaillon so fest umschlossen, dass die Kanten Abdrücke in ihrer Hand hinterließen. Vor einem Jahr war ihre Schwester verschwunden. Seitdem hatte Leonore in Fenstern, dunklen Teichen und selbst in blanken Löffeln nach ihrem Gesicht gesucht. Man hatte ihr erzählt, die Spiegel von Dornheim gäben Verlorenes zurück. Fräulein von Buddenbrock widersprach nicht. Sie nahm Leonores Mantel und stellte zwei Tassen auf den Tisch.

In der ersten Nacht zeigte keiner der Spiegel etwas. In der zweiten erschien in einem Glas die Hand der Schwester, wie sie früher Kirschen entsteinte. Leonore weinte vor Glück. Am dritten Abend sah sie ihr Lachen. Danach wollte sie Dornheim nicht mehr verlassen. Sie ging von Spiegel zu Spiegel, schlief kaum und aß nur, wenn Fräulein von Buddenbrock ihr etwas brachte. Je mehr Bilder sie fand, desto blasser wurde ihr eigenes Gesicht.

Fräulein von Buddenbrock kannte diesen Hunger. Viele Jahre zuvor hatte sie selbst vor den Spiegeln gesessen und auf jemanden gewartet, der nicht zurückgekehrt war. Sie hatte gelernt, dass Erinnerung zuerst tröstet, dann aber zu einem Zimmer werden kann, dessen Tür von innen verschlossen ist. Trotzdem wagte sie lange nicht, Leonore die Spiegel zu verhängen. Sie fürchtete, ihr damit den letzten Rest der Schwester zu nehmen.

In der siebten Nacht hörten beide ein Klopfen aus dem westlichen Flur. Der hohe Spiegel zeigte noch immer die fremde Tür, nun aber stand sie offen. Dahinter brannte Licht. Leonore rief den Namen ihrer Schwester und trat so nahe an das Glas, dass ihre Stirn es berührte. Aus dem Spiegel kam eine Stimme: Nur noch einen Schritt. Fräulein von Buddenbrock erkannte den Ton. Es war nicht die Stimme eines Menschen. Es war das Echo jener Sehnsucht, die jedes Wort so lange nachspricht, bis es wie Wahrheit klingt.

Als Leonore die Hand ausstreckte, schlug Fräulein von Buddenbrock ihr weiches Putztuch über das Glas. Die Stimme verstummte. Leonore fuhr herum und sagte, Fräulein von Buddenbrock habe ihr die Schwester ein zweites Mal genommen. Der Satz traf die Hausherrin genau an der alten Stelle ihres eigenen Schmerzes. Dennoch ließ sie das Tuch hängen. Sie setzte sich auf den Boden und sagte: Ich weiß, dass du sie liebst. Aber wenn sie dich liebte, würde sie dich nicht aus deinem Leben fortlocken.

Sie blieben bis zum Morgen im Flur. Leonore erzählte von der letzten Begegnung mit ihrer Schwester, von einem Streit am Bahnhof und einem Abschied, bei dem sie aus Stolz nicht gewinkt hatte. Hinter ihrer Suche lag nicht nur Liebe, sondern Schuld. Fräulein von Buddenbrock hörte zu, ohne ihr die Schuld auszureden. Manche Dinge lassen sich nicht ungeschehen machen. Aber ein versäumter Abschied, sagte sie, darf nicht auch noch den Rest deines Lebens fordern.

Bei Tagesanbruch nahm Leonore das Medaillon aus der Hand und öffnete es. Darin lag kein Bild, sondern ein gefalteter Zettel. Ihre Schwester hatte ihn Jahre zuvor hineingelegt: Komm, wenn du wieder lachen kannst. Leonore las den Satz zweimal. Dann öffnete sie selbst die Vorhänge. Das Morgenlicht fiel auf den verhängten Spiegel, und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft sah sie nicht zurück.

Später ließ Fräulein von Buddenbrock den hohen Spiegel nicht zerstören. Sie verschloss ihn hinter einer schlichten Holztür. Wer in Dornheim eine Erinnerung suchte, durfte sie ansehen. Doch niemand blieb allein davor. Leonore kam im Frühling noch einmal zurück. Sie brachte einen Kirschzweig und lachte, als sie ihn in eine Vase stellte. Im westlichen Flur blieb es still. Das Haus hatte nichts vergessen. Aber es hielt niemanden mehr fest.

Du musst dein Leben ändern.
Rainer Maria Rilke