Bärlinde von Biehlefelt vor einem goldenen Spiegel

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Bärlinde von Biehlefelt

Die Freundin im Spiegel

Im Salon von Hans und Michi sieht Bärlinde täglich Menschen in den Spiegel blicken. Eines Tages zeigt das Glas nicht das heutige Gesicht, sondern eine jüngere Gestalt, die alles zurückzuversprechen scheint.

Die Frau, die ihr Spiegelbild zurückließ

Bärlinde von Biehlefelt war über Kärnten im Wohnmobil von Hans und Michi nach Kassel gekommen. Im Salon bekam sie einen Platz zwischen zwei goldenen Spiegeln. Sie liebte den Duft von Kaffee, das Klappern der Scheren und den Augenblick, in dem ein Mensch nach dem Frisieren den Kopf hob und sich selbst wieder freundlich ansah.

An einem regnerischen Dienstag kam eine Frau namens Clara herein. Sie trug einen großen Schal und sagte, sie wolle aussehen wie früher. Hans fragte, welches Früher sie meine. Clara zeigte ein altes Foto: eine junge Frau mit dunklem Haar und einem sorglosen Lachen. Seit ihr Mann sie verlassen hatte, betrachtete Clara dieses Bild jeden Morgen. Sie war überzeugt, er sei gegangen, weil sie nicht mehr die Frau auf dem Foto war.

Michi schnitt behutsam, Hans brachte Kaffee. Doch als Clara in den Spiegel sah, erschrak sie. Im Glas erschien nicht ihr neues Haar, sondern das junge Gesicht vom Foto. Es lächelte vollkommen. Clara hob die Hand; das Spiegelbild tat es nicht. Es streckte die Arme aus, als wolle es sie ins Glas ziehen.

Bärlinde sprang von ihrem Platz auf die Ablage. Auch sie sah nun im zweiten Spiegel eine frühere Version von sich: frisch von der Reise, Schleife tadellos, voller Erwartung. Das Bild flüsterte, Hans und Michi würden sie nur lieben, solange sie freundlich, hübsch und leicht zu haben sei. Bärlinde spürte, wie tief dieser Gedanke auch in ihr verborgen lag.

Clara stand bereits dicht vor dem Spiegel. Wenn ich wieder sie werde, sagte sie, kommt vielleicht alles zurück. Bärlinde stellte sich zwischen Clara und das Glas. Sie war klein, doch ihre rosa Schleife leuchtete wie ein Zeichen. Wer zurückkommt, weil du dich selbst verlässt, ist nicht zu dir zurückgekommen, sagte sie.

Das junge Spiegelbild wurde wütend. Es zeigte Clara alle Augenblicke, in denen sie sich müde, alt oder verlassen gefühlt hatte. Bärlindes Spiegel zeigte gleichzeitig jedes Mal, wenn sie im Salon nur gelächelt hatte, um niemandem zur Last zu fallen. Beide verstanden: Der Spiegel ernährte sich nicht von Eitelkeit, sondern von der Angst, nur in einer angenehmen Gestalt liebenswert zu sein.

Clara nahm das alte Foto aus ihrer Tasche. Sie betrachtete die junge Frau lange. Dann sagte sie: Ich war sie. Aber sie wusste noch nicht, was ich alles überleben würde. Sie legte das Bild mit der Vorderseite nach unten. Im Spiegel erschien ihr heutiges Gesicht, verweint und wirklich.

Bärlinde löste ihre rosa Schleife und band sie neu, nicht ganz gerade. Ihr jüngeres Spiegelbild verschwand. Hans drehte den goldenen Spiegel zur Wand, bis Michi das alte Glas später austauschen ließ. Clara ging nicht plötzlich glücklich nach Hause. Doch sie trug den Schal offen und vereinbarte keinen Termin, um wieder wie früher auszusehen.

Von da an achtete Bärlinde im Salon nicht nur auf das Lächeln nach dem Schnitt. Sie achtete auch auf die Menschen, die nicht lächeln konnten. Niemand musste bei Hans und Michi schöner, jünger oder fröhlicher werden, um willkommen zu sein. Manchmal genügte es, sich im Spiegel zu erkennen, ohne sich dafür zu verlassen.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.
Johann Wolfgang von Goethe