Eine Begegnungsgeschichte
Die zweite Probe
Ferdinand will einer Pianistin helfen und verkennt, weshalb sie bei ihrer Probe keinen Kritiker wünscht.
Geschichten mit diesen Wollwesen

Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Graf Ferdinand
- Fräulein Josephine
- Mara FeldmannPianistin.
- Dr. Clemens RiedelMusikkritiker.
Die zweite Probe
Graf Ferdinand und Fräulein Josephine machten auf der Rückreise in einem kleinen Hotel Halt. Das Haus lag an einer stillen Straße, hatte einen guten Speisesaal und ein Musikzimmer, das so ordentlich gehalten war, als erwarte es jeden Abend Gäste.
Josephine sah den Flügel, als sie zum Tee ging. Er stand am Fenster, und seine Oberfläche war von den vielen Jahren matt geworden. Dennoch war er sorgfältig gestimmt. Jemand hatte die Noten für den Abend bereits aufgeschlagen.
Die Wirtin erklärte, eine Pianistin namens Mara Feldmann werde später proben. Am folgenden Tag sollte sie in der nahegelegenen Stadt einen kleinen Klavierabend geben. Es wäre ihr erster öffentlicher Auftritt nach einer langen Unterbrechung.
Ferdinand fragte, ob man zuhören dürfe. Die Wirtin schüttelte den Kopf. Mara habe nur zwei frühere Schülerinnen gebeten zu kommen. Sie wolle vor dem Konzert prüfen, ob die Reihenfolge der Stücke und die Übergänge funktionierten.
„Das ist ein sehr vernünftiger Grund für eine Probe“, sagte Josephine.
Ferdinand nickte. Er war mit ihr einverstanden, und doch blieb sein Blick auf dem Flügel liegen.
Am Abend traf ein Herr mit einer kleinen Ledertasche ein. Er hieß Dr. Clemens Riedel und suchte für eine Nacht ein Zimmer. Beim Eintragen bemerkte er die Noten im Musikzimmer. Die Wirtin erwähnte Mara Feldmanns Namen.
Riedel kannte sie. Vor Jahren, sagte er, habe sie in zwei großen Konzerten gespielt. Sie habe eine besondere Klarheit besessen und sich nie durch Beifall aus dem Takt bringen lassen. Danach sei ihr Name kaum noch auf Programmen erschienen.
Ferdinand freute sich über den Zufall. Er stellte sich vor und erzählte von der Probe. Riedel sagte, er würde gern zuhören, aber nur mit Maras ausdrücklicher Zustimmung.
Ferdinand antwortete zu rasch. Eine Künstlerin freue sich doch über einen Kenner, der ihre Rückkehr ernst nehme. Er werde Mara selbst fragen.
Josephine wartete, bis Riedel in sein Zimmer gegangen war. Dann sagte sie, dass ein Kritiker auch dann als Kritiker wahrgenommen werde, wenn er nur zuhöre.
Ferdinand erwiderte, er wolle Mara nichts zumuten. Er wolle ihr nur zeigen, dass ihr Abend Bedeutung habe.
„Vielleicht hat sie ihren Grund, die Probe klein zu halten“, sagte Josephine.
Mara Feldmann war im Musikzimmer mit den Noten beschäftigt. Sie hatte eine ruhige, entschlossene Art und ließ sich auch durch Ferdinands freundliche Begrüßung nicht aus ihrer Arbeit bringen. Erst als sie die letzte Seite geordnet hatte, fragte sie, was er wünsche.
Ferdinand erzählte ihr von Dr. Riedel. Er betonte, der Kritiker habe um Erlaubnis gebeten und wolle keine Besprechung erzwingen. Ein aufmerksamer Zuhörer, sagte Ferdinand, könne einer Probe sogar Sicherheit geben.
Mara sah ihn an. Dann fragte sie, ob Ferdinand selbst vor einer Sache, die ihm wichtig sei, einen Fremden hören lassen wolle, ob sie ihm gelinge.
Ferdinand lächelte zuerst. Dann merkte er, dass es keine scherzhafte Frage war.
Mara erklärte, sie habe nicht aufgehört zu spielen, weil sie sich für zu schlecht gehalten habe. Sie hatte viele Jahre eine kleine Musikschule aufgebaut und für andere Menschen gearbeitet. Nun habe sie selbst entschieden, wieder einen Abend zu geben. Das sei genug Veränderung für einen Tag.
Die Probe solle ihr zeigen, ob sie das Programm tragen könne. Die beiden Schülerinnen wüssten, an welchen Stellen sie unsicher werde, und würden ihr nicht nachsehen, ob sie noch dieselbe Pianistin wie früher sei. Genau diese Freiheit brauche sie.
Ferdinand sagte, er verstehe. Tatsächlich verstand er erst, dass seine Überraschung den Abend in etwas verwandelt hätte, das Mara gerade vermeiden wollte.
Er versprach, Riedel abzusagen.
Mara nickte. Sie dankte ihm, doch sie war noch nicht wieder bei ihren Noten. Ferdinand hatte dem Kritiker ihren Namen genannt und ihm eine Erwartung gegeben. Das konnte er nicht ungeschehen machen.
Josephine sagte, er müsse es auch nicht mit einer großen Erklärung ungeschehen machen. Es genüge, Riedel zu sagen, dass die Probe nicht öffentlich sei und dass seine Einladung ein Fehler gewesen sei.
Ferdinand ging in die Halle. Dr. Riedel hörte ihn ohne Ärger an. Er sagte nur, er habe selbst gezögert, weil eine private Probe kein Platz für einen Kritiker sei. Nun sei er froh, nicht in eine Rolle geraten zu sein, die niemand für ihn bestimmt hatte.
Ferdinand bat ihn um Entschuldigung. Riedel nahm sie an und fügte hinzu, der morgige Konzertabend werde auch ohne seine Anwesenheit stattfinden. Das sei vermutlich die vernünftigste Form von Interesse.
Als Ferdinand zurückkam, waren die beiden Schülerinnen bereits da. Josephine saß nicht in der ersten Reihe, sondern auf einem Stuhl nahe der Tür. Sie hatte sich den Platz gewählt, von dem aus sie gehen konnte, falls Mara die Probe nur mit ihren Schülerinnen fortsetzen wollte.
Mara sah sie und bat sie mit einer kleinen Geste zu bleiben. Dann spielte sie das erste Stück. Es begann klar, geriet in der Mitte kurz ins Stocken und fand wieder zu seinem Anfang zurück.
Die Schülerinnen sagten nach dem Ende nicht, ob es schön gewesen sei. Eine fragte nach der Übergangsstelle, die andere nach dem zweiten Tempo. Mara probierte beides noch einmal. Beim dritten Versuch war sie zufrieden.
Ferdinand hörte zu, ohne nach einem größeren Sinn zu suchen. Er bemerkte nur, wie sorgfältig Mara arbeitete und wie wenig ihre Ruhe mit Unsicherheit zu tun hatte.
Nach der Probe trank man im kleinen Salon Tee. Mara sagte, sie werde am nächsten Tag spielen. Der Ablauf der Probe habe ihr gezeigt, dass ihr Programm für den Konzertabend bereit sei.
Ferdinand antwortete, genau das habe er ihr von Anfang an wünschen wollen. Josephine sah ihn an, und er fügte hinzu, dass ein guter Wunsch noch kein Recht gebe, ihn für andere in die Tat umzusetzen.
Mara lachte. Sie sagte, das sei eine nützliche Erkenntnis für einen Menschen, der gern Gäste empfange.
Am nächsten Morgen reisten Ferdinand und Josephine früh ab. In der Halle sah Ferdinand Dr. Riedel mit seiner Tasche. Beide Männer nickten einander zu, ohne über den Abend zu sprechen.
Josephine fragte Ferdinand in der Kutsche, ob ihn die Absage noch beschäftige.
Er sagte, dass er künftig niemanden mehr zu einer privaten Probe einladen werde, ohne vorher die betroffene Person zu fragen.
Weitere Figuren
- Mara FeldmannPianistin.
- Dr. Clemens RiedelMusikkritiker.