Fräulein Josephine im Galerieporträt

Aus der Galerie

Fräulein Josephine

Die Reisegefährtin

Fräulein Josephine begleitet Graf Ferdinand seit vielen Jahren als Lebens- und Reisegefährtin. Warmherzig, sprachsensibel und ausgezeichnet im Rechnen plant sie ihre gemeinsamen Reisen mit großer Sorgfalt.

Josephine teilt Ferdinands Leben und plant ihre gemeinsamen Reisen mit großer Sorgfalt.

Geschichten mit Fräulein Josephine

Die dritte Reisende

Wer in dieser Geschichte vorkommt
  • Fräulein Josephine
  • Graf Ferdinand
  • Adelheid von PlessenEine vornehme Hotelbekanntschaft, die sich durch widersprüchliche Behauptungen einer gemeinsamen Reise anschließen will.

Fräulein Josephine reiste seit vielen Jahren mit Graf Ferdinand. Sie kannte seine Vorliebe für alte Hotels, ruhige Speisesäle und gelegentliche Umwege. Ferdinand wusste, dass Josephine Fahrzeiten, Zimmer und Aufenthalte sorgfältig aufeinander abstimmte. Er vertraute ihren Plänen und überließ ihr meist die Reiseunterlagen.

Diesmal sollten sie zehn Tage unterwegs sein. Josephine hatte in drei Hotels Zimmer bestellt und zwischen den Aufenthalten genügend Zeit gelassen, damit Ferdinand weder auf ein spätes Abendessen noch auf ein Gespräch verzichten musste, das sich nicht nach der Uhr richten wollte. Am vierten Tag war ein Besuch in einem alten Gasthaus vorgesehen, dessen Besitzer Ferdinand seit Jahren kannte. Am siebenten wollten sie in einem kleinen Hotel übernachten, das erst vor wenigen Monaten wiedereröffnet worden war.

Am ersten Nachmittag trafen sie in einem vornehmen Haus ein, dessen Halle hoch und still war. Die Zimmer lagen nebeneinander, das Abendessen war für acht Uhr bestellt, und bis zur Weiterfahrt am übernächsten Morgen blieb ihnen ein ganzer freier Tag. Josephine war zufrieden, weil alle Absprachen eingehalten waren und bis zur Weiterfahrt ein freier Tag blieb.

Während Ferdinand am Empfang mit dem Direktor sprach, prüfte Josephine noch einmal die Abfahrtszeit. Als sie sich umwandte, stand eine Dame neben Ferdinand, die sie von einem früheren Hotelaufenthalt kannte. Adelheid von Plessen war von gepflegter Erscheinung und trat beiden sofort mit großer Vertrautheit entgegen.

Ferdinand begrüßte sie erfreut. Adelheid erklärte, sie habe kaum zu hoffen gewagt, beide hier anzutreffen. Danach legte sie Josephine beide Hände auf die Arme und dankte ihr für die Einladung.

Josephine glaubte zunächst, sich verhört zu haben.

Adelheid wandte sich wieder an Ferdinand. Sie sagte, Josephine habe alles mit bewundernswerter Umsicht vorbereitet. Ihr eigenes Zimmer sei bereits bestellt, und für die weitere Reise müsse nur noch eine Kleinigkeit geändert werden.

Ferdinand sah Josephine an. In seinem Blick lag Überraschung, aber kein Widerspruch. Josephine nahm deshalb an, er habe Adelheid eingeladen und es lediglich versäumt, ihr davon zu erzählen. Das war ungewöhnlich, jedoch nicht unmöglich. Ferdinand entschied oft aus einem warmen Augenblick heraus und vertraute darauf, dass Josephine dem Entschluss später eine vernünftige Form geben werde.

Adelheid erzählte, ihre bisherige Reisebegleitung habe kurzfristig absagen müssen. Graf Ferdinand sei so freundlich gewesen, ihr vorzuschlagen, sich ihnen anzuschließen. Er habe nur gebeten, aus der Sache kein Aufheben zu machen.

Josephine fragte, seit wann dieser Entschluss bestehe.

Adelheid antwortete, das sei erst am Morgen vereinbart worden. Ferdinand habe gewusst, dass Josephine eine unerwartete Änderung nicht schätze, und darum selbst mit ihr sprechen wollen.

Diese Erklärung gefiel Josephine nicht. Sie war nicht gekränkt, weil eine dritte Person mitreisen sollte. Sie war gekränkt, weil Ferdinand offenbar angenommen hatte, man müsse ihr eine vollendete Tatsache schonend beibringen. Dennoch sagte sie nichts. Wenn Adelheid wirklich ohne Begleitung dastand, wollte Josephine ihre Verlegenheit nicht vergrößern.

Noch vor dem Tee ließ sie sich am Empfang die Buchungen geben. Adelheid hatte ein Zimmer für zwei Nächte bestellt. Für die Weiterreise am übernächsten Morgen gab es jedoch nur zwei Plätze in der kleinen Reisekutsche. Drei Plätze waren nur bei einer Fahrt verfügbar, die drei Stunden früher aufbrach. Dadurch entfiel das Mittagessen in dem alten Gasthaus, auf das Ferdinand sich besonders freute.

Josephine rechnete die Fahrzeiten zweimal nach. Ein späterer Wagen hätte den Anschluss am Abend verfehlt. Zwei getrennte Kutschen waren möglich, aber unsinnig teuer, und Adelheid hatte bereits erklärt, sie wolle keinesfalls allein fahren. Schließlich strich Josephine den Besuch im Gasthaus aus ihrem Plan und bestellte drei Plätze für die frühere Abfahrt.

Beim Tee sprach Adelheid lebhaft über die gemeinsame Reise. Sie kannte das wiedereröffnete Hotel und behauptete, dort sei nur ein Aufenthalt von zwei Nächten lohnend. Ferdinand erwiderte, Josephine habe eine Nacht vorgesehen. Adelheid lächelte und sagte, Josephine werde gewiss eine Lösung finden.

Josephine erklärte, eine zweite Nacht würde den letzten Aufenthalt verkürzen.

Adelheid meinte, Graf Ferdinand werde darüber nicht unglücklich sein. Ein großes Haus könne man auch ein anderes Mal besuchen.

Ferdinand schwieg einen Augenblick. Dann sagte er, Josephine habe die Reise geplant, und er werde sich nach ihr richten.

Adelheid nahm diese Antwort als Zustimmung. Josephine bemerkte es, widersprach aber nicht. Sie wollte zuerst allein mit Ferdinand sprechen. Dazu kam es an diesem Nachmittag nicht. Adelheid begleitete sie durch das Hotel, setzte sich später zu ihnen in den Salon und blieb bis kurz vor dem Abendessen.

Als Josephine sich für wenige Minuten zurückzog, sagte Adelheid zu Ferdinand, Josephine habe ihr schon vor Wochen geschrieben. Sie habe damals erklärt, eine dritte Reisende werde die langen Fahrten angenehmer machen. Adelheid fügte hinzu, Josephine sei zu taktvoll, um von den persönlichen Gründen zu sprechen, aus denen sie diese Einladung ausgesprochen habe.

Ferdinand fragte nicht weiter. Er wusste, dass Josephine fremde Angelegenheiten niemals ausplauderte. Wenn sie Adelheid aus Rücksicht eingeladen hatte, wollte er sie nicht durch neugierige Fragen in Verlegenheit bringen.

Am Abend saßen die drei an einem kleinen Tisch im Speisesaal. Adelheid erzählte von Hotels, in denen sie den Direktor beim Namen kannte, und von Zimmern, die man ihr auch dann freihielt, wenn sie nicht sicher war, ob sie kommen würde. Josephine hörte freundlich zu. Währenddessen bemerkte sie, dass Ferdinand ungewöhnlich still war.

Nach dem Essen legte Adelheid ihm die geänderte Abfahrtszeit vor. Ferdinand las sie und fragte, weshalb das alte Gasthaus nicht mehr im Plan stehe.

Adelheid erklärte, Josephine habe den Besuch gestrichen, damit alle gemeinsam reisen könnten.

Ferdinand sah zu Josephine. Er sagte, das sei nicht nötig gewesen.

Josephine antwortete, mit drei Reisenden lasse sich die ursprüngliche Verbindung nicht einhalten.

Ferdinand faltete das Blatt zusammen. Er nahm die Änderung hin, doch Josephine wusste, wie sehr er sich auf den Besuch gefreut hatte. Sie empfand zum ersten Mal nicht nur Unbehagen, sondern Ärger. Ihre Rücksicht hatte bereits eine Folge, die niemand außer Adelheid gewollt hatte.

Später suchte Josephine Adelheid in der Halle auf. Sie sagte ruhig, zwischen den Einladungen müsse ein Missverständnis entstanden sein. Ferdinand habe ihr gegenüber nie erwähnt, dass Adelheid mitreisen werde.

Adelheid zeigte keine Verlegenheit. Sie erklärte, Ferdinand habe gerade deshalb geschwiegen, weil er Josephine nicht vor einer Fremden widersprechen wolle. Im Übrigen habe Josephine selbst vor Wochen geschrieben.

Josephine erwiderte, sie habe keinen solchen Brief geschrieben.

Daraufhin lächelte Adelheid nur müde. Vielleicht, sagte sie, sei es keine förmliche Einladung gewesen. Josephine habe beim letzten Zusammentreffen erwähnt, wie angenehm eine Reise zu dritt sein könne. Adelheid habe das als freundlichen Wunsch verstanden. Nun sei es wohl kleinlich, jedes Wort nachträglich zu prüfen.

Josephine erinnerte sich an das frühere Zusammentreffen. Sie hatte von einer Fahrt mit Ferdinand und dessen damaligem Butler erzählt. Adelheid war dabei gewesen. Von einer gemeinsamen Reise war nicht die Rede gewesen.

Josephine hätte nun zu Ferdinand gehen können. Stattdessen ließ sie sich noch einmal die Unterlagen des Hotels zeigen. Sie wollte sicher sein, ehe sie Adelheid einer bewussten Täuschung beschuldigte. Das zusätzliche Zimmer war am selben Morgen von Adelheid selbst bestellt worden. Dabei hatte sie erklärt, zu der Reisegesellschaft des Grafen zu gehören. Eine Nachricht von Josephine oder Ferdinand lag nicht vor.

In ihrem Zimmer ordnete Josephine die Zeiten. Adelheid hatte ihr gesagt, Ferdinand habe die Einladung am Morgen ausgesprochen. Ferdinand war am Morgen jedoch die ganze Zeit mit Josephine unterwegs gewesen. Sie hatten gemeinsam gefrühstückt, die Abrechnung des vorherigen Hotels geprüft und anschließend zwei Stunden in der Kutsche gesessen. Kein Brief war gebracht, kein längeres Gespräch geführt worden. Adelheid wiederum hatte Ferdinand erzählt, Josephines Einladung liege Wochen zurück.

Josephine stellte fest, dass Adelheid ihr und Ferdinand unterschiedliche Gründe genannt hatte. Keine der beiden Behauptungen konnte stimmen.

Josephine schlief wenig. Sie ärgerte sich über Adelheid, aber noch mehr über sich selbst. Sie hatte jede Abfahrtszeit und jede Rechnung geprüft, das notwendige Gespräch mit Ferdinand jedoch vermieden. Dadurch hatte Adelheids Täuschung einen ganzen Tag fortbestehen können.

Am nächsten Morgen bat Josephine Ferdinand und Adelheid nach dem Frühstück im kleinen Salon zu bleiben. Auf dem Tisch lagen der ursprüngliche Reiseplan und die geänderte Fassung. Josephine blieb zunächst stehen. Dann stellte sie Adelheid die Frage, die sie am Vortag zu lange zurückgehalten hatte.

Josephine fragte Adelheid, von wem sie zur Weiterreise eingeladen worden sei.

Adelheid antwortete, die Einladung sei von beiden gekommen. Vielleicht habe jeder geglaubt, der andere werde die Einzelheiten erklären.

Josephine sagte: „Von uns beiden ist keine Einladung gekommen.“

Ferdinand blickte von Josephine zu Adelheid. Nun fragte er Josephine, ob sie Frau von Plessen geschrieben habe.

Josephine antwortete, sie habe weder geschrieben noch eine Einladung ausgesprochen. Adelheid habe ihr am Vortag erklärt, Ferdinand habe die Reise am Morgen vorgeschlagen. Zu Ferdinand habe sie dagegen gesagt, Josephine habe sie schon vor Wochen eingeladen.

Adelheid wandte ein, es müsse nicht jedes freundliche Wort schriftlich bestätigt werden.

Josephine erklärte, ihre frühere Bemerkung über angenehme Reisen zu dritt sei keine Einladung zu dieser Reise gewesen. Adelheid habe ihr Zimmer selbst bestellt, sich der Reisegesellschaft des Grafen zugeordnet und darauf vertraut, dass weder Ferdinand noch Josephine vor dem anderen widersprechen werde.

Ferdinand fragte Adelheid, ob dies zutreffe.

Adelheid schwieg lange. Dann gab sie zu, dass ihre Begleiterin abgesagt hatte. Sie hatte nicht allein weiterreisen wollen. Ferdinand war für seine Gastfreundschaft bekannt, und Josephine vermochte selbst schwierige Wege zu ordnen. Adelheid hatte geglaubt, wenn sie erst bei ihnen sei, werde keiner von beiden sie fortschicken.

Adelheid wirkte nun erschöpft. Josephine empfand Mitleid, hielt aber an ihrer Entscheidung fest.

Josephine erklärte, Adelheid könne den Tag und den Abend mit ihnen verbringen. Auch beim Hotel werde sie ihr helfen, eine angenehme Weiterreise zu finden. Mit Ferdinand und ihr werde sie jedoch nicht abreisen.

Adelheid fragte, ob Josephine ihr diese Beschämung wirklich zumuten wolle.

Josephine antwortete, sie werde im Hotel nichts über die Täuschung erzählen und Adelheid bei der weiteren Reise helfen. Mitnehmen könne sie sie jedoch nicht.

Ferdinand widersprach ihr nicht. Er sagte Adelheid, dass Josephine in dieser Sache für sie beide gesprochen habe.

Adelheid erhob sich. An der Tür blieb sie stehen und fragte, ob das gemeinsame Abendessen noch gelte. Josephine sagte, es gelte, sofern Adelheid kommen wolle.

Nachdem sie gegangen war, setzte Ferdinand sich wieder. Er gestand, er habe geglaubt, Josephine wolle Adelheid aus einem persönlichen Grund mitnehmen. Aus Achtung vor ihrer Verschwiegenheit habe er nicht gefragt.

Josephine erklärte, dass sie ebenfalls aus Rücksicht nicht gefragt hatte. Beide vereinbarten, künftige Änderungen ihrer Reisepläne unmittelbar miteinander zu klären.

Ferdinand fragte, ob der Besuch im alten Gasthaus noch möglich sei.

Die beiden ursprünglich vorgesehenen Plätze waren noch verfügbar. Josephine ließ die drei Plätze der früheren Fahrt freigeben und stellte den alten Reiseplan wieder her. Für Adelheids Weiterreise am folgenden Nachmittag fand sie eine bequeme Verbindung, bei der diese nur einmal umsteigen musste.

Beim Abendessen war Adelheid zurückhaltender als am Vortag. Sie entschuldigte sich nicht noch einmal. Ferdinand führte das Gespräch, ohne die gemeinsame Reise zu erwähnen. Als Adelheid sich verabschiedete, bedankte sie sich bei Josephine für die neue Verbindung und sagte, sie werde künftig nicht wieder voraussetzen, eingeladen zu sein.

Am folgenden Morgen warteten Josephine und Ferdinand allein in der Halle. Ferdinand fragte, ob er unterwegs einen kleinen Umweg vorschlagen dürfe.

Josephine wollte wissen, wie klein er sei.

Ferdinand nannte die zusätzliche Strecke. Josephine rechnete die Fahrzeit aus und erklärte, sie könnten den Umweg nehmen, wenn Ferdinand bereit sei, das Mittagessen eine halbe Stunde später einzunehmen.

Ferdinand war dazu bereit. Bevor er in die Kutsche stieg, fragte er Josephine dennoch, ob auch sie den Umweg wünsche.

Josephine sagte, diesmal wünsche sie den Umweg ebenfalls. Danach fuhren sie ab. Das alte Gasthaus erreichten sie eine halbe Stunde später als ursprünglich geplant.