
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Die Geschwister von Rosenau
Die Weggefährten auf eigenen Wegen
Albrecht will in Rosenau bleiben, Livia in die Welt hinaus. Als sie ihre gemeinsame Wiese erben, wird aus Verschiedenheit ein Streit um Treue, Heimat und das Recht auf ein eigenes Leben.
Die Bank zwischen zwei Wegen
Albrecht und Livia Rosenau waren einander nahe, seit sie denken konnten. Albrecht sprach wenig und kannte das Wetter. Livia stellte viele Fragen und kannte die Menschen. Oberhalb des Tales stand ihre Bank. Dort hatten sie als Kinder Haselnüsse geteilt, den Nebel beobachtet und einander versprochen, dass Rosenau immer ihr gemeinsamer Ort bleiben würde.
Als ihre Tante starb, hinterließ sie ihnen die Wiese mit der Bank. Albrecht wollte dort bleiben, die Hütte ausbessern und die alten Obstbäume pflegen. Livia hatte ein Angebot aus der Stadt erhalten. Sie wollte lernen, reisen und vielleicht jahrelang fortbleiben. Beiden war klar, dass die Wiese nicht geteilt werden konnte, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Albrecht sagte, er werde Livia ihren Anteil auszahlen. Livia hörte darin: Du gehörst nicht mehr hierher. Sie schlug vor, die Wiese zu verkaufen. Albrecht hörte: Unsere Kindheit ist dir gleichgültig. Aus zwei verschiedenen Wünschen wurden zwei Anklagen. Wochenlang sprachen sie nur noch über Grenzen, Zahlen und Unterschriften.
In der Nacht vor dem Verkauf zog ein Gewitter über Rosenau. Ein Blitz traf den alten Nussbaum neben der Bank. Am Morgen war der Weg hinauf verschüttet. Livia wollte dennoch zu der Bank. Albrecht folgte ihr. Sie fanden den Baum gespalten und die Bank unter einem Ast begraben.
Beim Freilegen entdeckten sie unter dem Sitz eine kleine Blechschachtel. Als Kinder hatten sie darin Zettel gesammelt. Auf einem stand in Livias Schrift: Ich werde in die Welt gehen. Auf einem anderen hatte Albrecht geschrieben: Ich werde hier sein, wenn du zurückkommst. Beide hatten ihre späteren Wünsche längst gekannt. Nur hatten sie geglaubt, Liebe müsse verhindern, dass sie wahr würden.
Livia setzte sich auf den umgestürzten Stamm. Sie gestand, dass sie Albrecht beneidete. Er schien genau zu wissen, wo er hingehörte. Albrecht sagte, er beneide ihren Mut zu gehen. Sein Bleiben sei nicht nur Liebe zur Wiese. Es sei auch Angst vor einer Welt, in der niemand ihn seit Kindertagen kannte.
Der Streit war damit nicht gelöst. Livia brauchte Geld für ihren Aufbruch. Albrecht konnte es nicht vollständig aufbringen. Sie mussten aufhören, die gerechte Lösung mit einer schmerzlosen zu verwechseln. Schließlich verkauften sie einen unteren Teil des Grundstücks, behielten die Wiese und schrieben beide Namen in das Grundbuch. Albrecht übernahm die Pflege. Livia verpflichtete sich, nicht nur Gast zu sein, wenn Arbeit anfiel.
Aus dem Holz des gespaltenen Nussbaums bauten sie eine neue Bank. Sie stand nicht genau am alten Platz, sondern zwischen dem Weg ins Tal und dem Pfad zur Stadt. Als Livia abreiste, versprach sie nicht, bald zurückzukommen. Albrecht sagte nicht, er werde immer warten. Sie umarmten einander ohne falsche Sicherheit.
Jahre später saßen sie wieder auf der Bank. Beide hatten sich verändert. Livia wusste nun, dass Heimkehr kein Anspruch ist. Albrecht wusste, dass Bleiben nicht Stillstand bedeuten muss. Sie waren nicht dieselben Kinder und wollten es auch nicht sein. Ihre Geschwisterliebe bestand nicht darin, denselben Weg zu wählen. Sie bestand darin, den Weg des anderen nicht als Verrat am eigenen zu behandeln.
Erst die Fremde lehrt uns,was wir an der Heimat besitzen.Theodor Fontane
