Freifrau Charlotte von Altenburg in einem alten Sessel im warmen Licht ihres Hauses

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Freifrau Charlotte von Altenburg

Die Hausherrin ihres eigenen Lebens

Charlotte hält Haus Altenburg für alle anderen offen. Im verschlossenen Nordflügel wartet jedoch das Leben, das sie aus Pflicht vor sich selbst verborgen hat.

Das Zimmer, das Charlotte vergaß

Haus Altenburg stand am Ende einer Lindenallee. Freifrau Charlotte kannte jedes Knarren der Stufen und jeden Luftzug unter den Türen. Sie wusste, welcher Gast ein zusätzliches Tuch brauchte und welcher lieber allein am Fenster saß. Für alles im Haus hielt sie einen Platz bereit. Nur für sich selbst hatte sie keinen.

Seit dem Tod ihrer Großmutter schlief Charlotte in einem kleinen Raum neben der Küche. Ihr früheres Zimmer im Nordflügel blieb verschlossen. Sie sagte, es werde für Gäste gebraucht. Tatsächlich erinnerte es sie an die junge Frau, die sie einmal hatte sein wollen: eine Frau, die reisen, zeichnen und nicht ihr ganzes Leben für ein Haus verantwortlich sein wollte.

In der längsten Schneenacht suchten viele Reisende Schutz in Altenburg. Charlotte ließ Feuer machen, Betten beziehen und Suppe kochen. Als alle versorgt waren, klingelte im Nordflügel eine alte Dienerglocke. Ein Kind fehlte. Die Spur kleiner Füße endete vor Charlottes verschlossenem Zimmer.

Der Schlüssel lag nicht an seinem Haken. Hinter der Tür hörte Charlotte das Kind weinen und noch ein zweites Geräusch: das Kratzen eines Stiftes über Papier. Ihre Großmutter hatte immer gesagt, der letzte Schlüssel liege dort, wo Altenburg zuerst den Morgen sehe. Am Ostfenster fand Charlotte eine schmale Lade. Darin lagen der Schlüssel und ihre alten Zeichnungen.

Sie öffnete die Tür. Das Kind saß auf dem Boden. Ringsum hingen Charlottes nie vollendete Bilder, obwohl sie geglaubt hatte, die Großmutter habe sie fortgeworfen. Auf dem Tisch lag ein neuer Bogen Papier. Darauf war das Haus gezeichnet, aber alle Fenster waren zugemauert. Eine Gestalt in Charlottes früherem Kleid stand davor und hielt den Stift.

Du hast jeden hereingelassen, nur dich nicht, sagte die Gestalt. Dann begann sie, auch die letzte Tür im Bild zuzumauern. Im wirklichen Zimmer wurde die Luft knapp. Charlotte nahm das Kind an die Hand und wollte fliehen. Doch die Tür ließ sich nicht mehr öffnen.

Charlotte sah ihre Zeichnungen an. Sie erinnerte sich, wie die Großmutter nach dem Tod der Eltern gesagt hatte, nun müsse Charlotte stark sein und Altenburg zusammenhalten. Charlotte hatte ihre Wünsche nicht verloren. Sie hatte sie aus Pflicht selbst eingeschlossen und später behauptet, es habe nie welche gegeben.

Sie nahm den Stift aus der Hand der Gestalt. Auf dem Bild zeichnete sie kein Fluchttor. Sie zeichnete ein Fenster in ihr altes Zimmer. Sofort fiel Morgenlicht durch die wirkliche Wand, obwohl draußen noch Nacht war. Die gemalte Gestalt wurde durchsichtig. Die Tür öffnete sich.

Am nächsten Tag gab Charlotte dem Kind ein warmes Zimmer. Ihr eigenes behielt sie. Sie ließ einen Tisch ans Fenster stellen, holte Farben und begann wieder zu zeichnen. Das Haus wurde dadurch nicht schlechter geführt. Einige Aufgaben mussten warten. Andere übernahmen Menschen, die Charlotte bisher nie darum gebeten hatte.

Charlotte blieb die Hausherrin von Altenburg. Aber sie verstand Verantwortung nun anders. Ein Zuhause, das allen Schutz gibt und diejenige verschlingt, die es bewahrt, ist kein gutes Zuhause. Fürsorge darf einen Menschen binden. Sie darf ihn nicht aus seinem eigenen Leben löschen.

Der Mensch ist nur da ganz Mensch,wo er spielt.
Friedrich Schiller