
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Livia Rosenau
Die kleine Schlafreisende
Die kleine Livia kann überall schlafen, solange sie weiß, dass ihr Bruder Albrecht zurückkommt. In einer Schneenacht muss sie lernen, was Sicherheit bedeutet, wenn ein Versprechen zu spät eintrifft.
Die Nacht, in der der Schlafsack leer blieb
Als Livia Rosenau klein war, reiste sie in einem warmen Wollschlafsack durch das ganze Haus. Hinter dem Sofa lagen für sie Berge, unter dem Tisch begann ein dunkler Wald, und die Fensterbank war ein Hafen. Ihr Bruder Albrecht machte ihr auf seiner Bank immer einen Platz frei. Solange sie wusste, wo er war, konnte Livia überall mutig sein.
Eines Winterabends musste Albrecht mit den Erwachsenen ins Nachbartal. Ein krankes Wollwesen brauchte Kräuter, bevor der Schneefall die Wege schloss. Livia wollte mitkommen, doch Albrecht sagte, sie sei noch zu klein. Er band ihr die Kordel des Schlafsacks zu und versprach, vor Mitternacht zurück zu sein.
Der Schnee wurde dichter. Mitternacht verging. Livia lag wach und hörte jedes Knacken im Haus. Sie stellte sich vor, Albrecht sei vom Weg abgekommen, habe sie vergessen oder beschlossen, ohne sie weiterzugehen. Kinderängste kennen keine vernünftige Größe. Sie füllen jedes dunkle Zimmer.
Da klopfte etwas gegen die Scheibe. Auf dem Fensterbrett saß eine winzige Schnecke. Ihr Haus war mit Eis überzogen. Livia öffnete das Fenster und nahm sie herein. Sie legte die Schnecke in den Wollschlafsack, doch kaum war sie warm, kroch sie wieder heraus und zog eine silberne Spur zur Tür.
Livia folgte ihr durch das Haus. Die Spur endete im Vorraum bei Albrechts rotem Halstuch. Darunter lag ein Zettel, den sie zuvor nicht gesehen hatte: Wenn wir später kommen, bleib bei Frau Mara. Ich komme zurück. Livia las die Worte mehrmals. Das Versprechen beseitigte den Sturm nicht. Aber es gab ihrer Angst einen Rand.
Sie nahm den leeren Schlafsack und ging zu Frau Mara in die Küche. Zum ersten Mal sagte sie nicht, sie sei mutig. Sie sagte: Ich habe Angst, dass Albrecht nicht wiederkommt. Frau Mara nahm sie auf den Schoß. Gemeinsam warteten sie. Die Schnecke schlief in einer Tasse neben dem Herd.
Kurz vor Morgen hörten sie Schritte im Schnee. Albrecht kam mit vereisten Ohren und müden Augen zurück. Livia wollte ihm um den Hals fallen und zugleich auf ihn einschlagen. Beides fühlte sich wahr an. Sie sagte, dass sein Versprechen zu groß gewesen sei. Albrecht kniete sich zu ihr und entschuldigte sich. Er hätte nicht versprechen dürfen, die Zeit zu beherrschen. Nur, dass er alles tun würde, um zurückzukehren.
Livia lernte in jener Nacht etwas, das sie viel später noch brauchte: Sicherheit bedeutet nicht, dass niemand fortgeht und jedes Versprechen genau erfüllt wird. Sicherheit bedeutet auch, eine Angst aussprechen zu dürfen, Hilfe zu suchen und zu wissen, dass ein Mensch nach seiner Rückkehr die Wahrheit aushält.
Am Morgen setzte sie die Schnecke in den Blumentopf. Ihr Schlafsack war leer. Livia kroch nicht sofort hinein. Sie saß erst mit Albrecht am Fenster und hielt seine Hand. Dann legte sie sich schlafen, während draußen der Schnee alle Wege neu zeichnete.
Willst du immer weiter schweifen?Sieh, das Gute liegt so nah.Johann Wolfgang von Goethe
