Fräulein Elodie von Winterfeld mit ihrem Buch auf einem dunkelblauen Samtsofa

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Fräulein Elodie von Winterfeld

Die Angekommene

Elodie kam von Imaneona zu Evita in eine große Stadt. Aus der fernen Besucherin ist längst Evitas vertraute Gefährtin geworden – und gerade darin zeigt sich, wie sicher sie angekommen ist.

Das Licht im Fenster der großen Stadt

Imaneona häkelte Elodie an einem stillen Abend. Sie gab ihr ein ruhiges Gesicht, zwei kleine Haarknoten und ein Buch, das genau in ihre Hände passte. Dann reiste Elodie zu Evita in eine große Stadt. Anfangs saß sie oft am Fenster und dachte an den Ort zurück, an dem ihre ersten Maschen entstanden waren.

Evita stellte Elodie nicht einfach auf ein Regal. Sie nahm sie mit ins Wohnzimmer, rückte ihr am Sofa ein Kissen zurecht und erzählte ihr von ihrem Tag. Morgens fiel das Licht der großen Stadt durch die Fenster, von unten drangen Stimmen und Schritte herauf, und aus der Küche kam der Duft von Kaffee. Elodie lernte die Geräusche des neuen Hauses, bis sie nicht mehr fremd klangen.

In ihrem Buch hielt sie zuerst jede Erinnerung an Imaneona fest. Sie fürchtete, eine neue Freude könnte etwas von der alten Verbundenheit wegnehmen. Wenn Evita sie besonders liebevoll ansah, bekam Elodie manchmal ein schlechtes Gewissen. Sie dachte, Dankbarkeit müsse bedeuten, immer gleich stark zurückzudenken.

Eines Nachmittags blieb ihr Buch offen am Fenster liegen. Ein Windstoß blätterte rückwärts durch die beschriebenen Seiten. Dann riss er eine leere Seite heraus und trug sie durch das Zimmer. Elodie folgte ihr. Das Blatt landete neben Evita, die gerade eine kleine Decke für sie faltete.

Auf der Seite erschien ein Satz: Wem gehört dein heutiger Tag? Elodie wollte Imaneonas Namen schreiben. Doch sie dachte an den Kaffee am Morgen, an Evitas Stimme, an das Kissen auf dem Sofa und an die Abende, an denen sie gemeinsam in die Dämmerung der großen Stadt sahen. Ehrlich wäre nur eine Antwort gewesen: Heute gehört zu Evita und mir.

Elodie erschrak darüber. In derselben Nacht träumte sie, Imaneona stehe auf einer Brücke über einem dunklen Fluss und warte traurig auf sie. Elodie lief hin, doch die Brücke wurde immer länger. Schließlich rief Imaneona: Warum kommst du zurück, wenn du doch angekommen bist?

Am Morgen saß Evita bei Elodie und strich ihr vorsichtig über das Kleid. Sie wusste nichts von dem Traum. Trotzdem sagte sie: Du musst niemanden vermissen, um zu beweisen, dass du ihn lieb hast. Elodie sah sie an. Da verstand sie, dass Evita sie nicht von jemandem weggenommen hatte. Sie hatte ihr einen neuen Platz gegeben.

Von diesem Tag an dachte Elodie seltener an Imaneona. Nicht weil die ersten Fäden bedeutungslos geworden waren, sondern weil ihr gegenwärtiges Leben sie trug. Sie kannte Evitas Schritte im Flur, die richtige Ecke auf dem Sofa und das Licht, das am späten Nachmittag über ihr Buch wanderte. Aus der Besucherin war eine Gefährtin geworden.

Manchmal schlug Elodie ihr Buch auf und sandte Imaneona in Gedanken ein kleines Zeichen. Dann schloss sie es wieder, sobald Evita ins Zimmer kam. Liebe, begriff Elodie, verlangt nicht, dass das Herz immer zurückblickt. Die großzügigste Liebe freut sich, wenn ein Wesen anderswo so geborgen ist, dass es nicht mehr fortwährend an seine Herkunft denken muss.

Abends stand Elodie am Fenster über der großen Stadt. Hinter ihr brannte Evitas Lampe. Vor ihr glitt die Stadt durch Licht und Schatten. Sie fühlte keine Entfernung. Sie fühlte sich zu Hause.

Nicht da ist man daheim,wo man seinen Wohnsitz hat,sondern wo man verstanden wird.
Christian Morgenstern