Florentine vom Silbersee im stillen Ballsaal

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Florentine vom Silbersee

Die Tänzerin ohne Spiegel

Florentine beherrscht jeden Schritt des alten Silberwalzers. Doch im Spiegel des Ballsaals wartet eine vollkommene Tänzerin, die von ihrer Angst vor dem sichtbaren Fehler lebt.

Der Walzer, den niemand hören durfte

Im Haus am Silbersee gab es einen Ballsaal, dessen Spiegel jede Bewegung verdoppelten. Florentine hatte dort tanzen gelernt. Ihr Lehrer sagte, ein Fehler werde erst dann sichtbar, wenn man versuche, ihn zu verbergen. Florentine hörte nur das Wort sichtbar. Von diesem Tag an übte sie so lange, bis ihre Füße schmerzten und selbst ihre Freude exakt wurde.

Für das Winterfest sollte sie den alten Silberwalzer tanzen. Das ganze Tal würde kommen. Am Morgen der Aufführung erhielt sie einen Brief ohne Namen. Darin stand: Wenn du heute den dritten Takt tanzt, wird der See zurückholen, was ihm gehört. Unter dem Satz war eine kleine schwarze Feder befestigt. Florentine erinnerte sich an die Geschichte ihrer Tante, die viele Jahre zuvor bei einem Fest verschwunden war. Auch sie hatte den Silberwalzer getanzt.

Florentine wollte absagen, doch niemand sollte ihre Angst sehen. Sie zog das rosafarbene Kleid an und übte weiter. Beim dritten Takt glaubte sie unter den Dielen Wasser rauschen zu hören. Je genauer sie tanzte, desto lauter wurde es. In den Spiegeln erschien hinter ihr eine zweite Tänzerin, bleich und vollkommen. Sie bewegte sich ohne einen einzigen Fehler.

Am Abend füllte sich der Saal. Kerzen brannten in den Kronleuchtern, draußen lag Nebel über dem See. Als die Musik begann, fühlte Florentine den Blick aller Gäste. Der erste Takt gelang. Der zweite ebenso. Beim dritten sah sie die bleiche Tänzerin im Spiegel. Eine kalte Hand schien nach ihrem Rücken zu greifen.

Florentine vergaß den nächsten Schritt. Der Saal wurde still. Für einen schrecklichen Augenblick dachte sie, ihr Leben sei mit diesem Fehler zu Ende. Dann sah sie am Rand des Parketts ein kleines Wollwesen, das heimlich die Bewegung mitmachte. Auch dieses Wesen stolperte. Es lachte erschrocken über sich selbst.

Florentine tat etwas, das sie noch nie gewagt hatte. Sie lachte ebenfalls. Dann setzte sie den falschen Fuß nach vorn, machte aus dem Stolpern eine Drehung und tanzte weiter, nicht nach der alten Folge, sondern nach dem Klang, den sie wirklich hörte. Die Musiker zögerten. Einer nach dem anderen folgten sie ihr. Der Silberwalzer wurde rauer, wärmer und lebendiger.

In den Spiegeln verlor die bleiche Tänzerin ihre Vollkommenheit. Ihr Kleid wurde schwer, ihr Gesicht traurig. Florentine erkannte ihre Tante. Sie war nicht im See ertrunken. Sie war in dem Bild gefangen geblieben, das sie von sich hatte erfüllen müssen: schön, fehlerlos und für immer jung. Florentine blieb vor dem Spiegel stehen und reichte ihr die Hand, ohne das Glas zu berühren.

Du darfst aufhören, sagte sie. Die Tante schloss die Augen. Ein langer Riss lief durch den Spiegel, doch er zerbrach nicht. Dahinter zeigte sich nur der dunkle See. Das Wasser unter den Dielen verstummte. Die Musik spielte weiter.

Später fragten die Gäste, ob der neue Walzer geplant gewesen sei. Florentine sagte nein. Einige fanden ihn zu wild. Andere hatten Tränen in den Augen. Florentine zog die Tanzschuhe aus und ging barfuß über das Parkett. Zum ersten Mal fühlte sie nicht, wie sie aussah, sondern wo sie stand.

Seit jener Nacht lehrte sie im Saal keine vollkommene Schrittfolge mehr. Wer zu ihr kam, musste zuerst stolpern dürfen. Denn Florentine wusste nun: Scham hält einen Menschen im Spiegel fest. Bewegung beginnt dort, wo er es wagt, unvollkommen und trotzdem sichtbar zu sein.

Man muss noch Chaos in sich haben,um einen tanzenden Sterngebären zu können.
Friedrich Nietzsche