Florentine von Salis im Galerieporträt

Aus der Galerie

Florentine von Salis

Die Gesellschafterin

Florentine von Salis begleitet Damen auf Reisen und während längerer Hotelaufenthalte. Gebildet, warmherzig und sicher im Auftreten ordnet sie Einladungen, liest vor und sorgt für einen angenehmen Tag, ohne ihn an sich zu reißen.

Florentine begleitet Damen auf Reisen und sorgt mit feinem Gespür für ihr Wohl.

Geschichten mit Florentine von Salis

Die zweite Gesellschafterin

Wer in dieser Geschichte vorkommt
  • Florentine von Salis
  • Luise von PlessenEine verwitwete Dame, die Florentines Gesellschaft und deren unabhängiges Urteil schätzt.
  • Henriette von GersdorffEine jüngere Gesellschafterin, die aufgrund falscher Angaben glaubt, Luise habe sie als Florentines Nachfolgerin verlangt.

Florentine von Salis begleitete Luise von Plessen seit vier Jahren während ihrer winterlichen Aufenthalte in einem vornehmen Hotel. Sie bewohnte dort ein eigenes Zimmer, erhielt ein festes Honorar und bestimmte über ihre freie Zeit selbst. Luise hatte auf diesen Vereinbarungen bestanden. Sie wollte weder eine Dienerin noch eine Verwandte, die glaubte, besser als Luise selbst zu wissen, was diese wünsche.

Florentine las ihr am Vormittag vor, ordnete die Einladungen und begleitete sie zu Besuchen oder Spaziergängen. Vor allem aber sprach sie mit Luise wie mit einer Frau, die ihre Entscheidungen selbst treffen konnte. Wenn Luise sich über einen Gast ärgerte, stimmte Florentine ihr nicht aus Bequemlichkeit zu. Wenn sie einen stillen Nachmittag wollte, machte Florentine daraus keine Sorge. Mit der Zeit war zwischen beiden ein enges Vertrauen entstanden. Die klaren Vereinbarungen halfen ihnen, diese Nähe mit ihrer jeweiligen Selbstständigkeit zu verbinden.

Luises Familie hatte Florentine anfangs mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt. Seit Luise jedoch zwei längere Besuche auf dem Familiengut abgelehnt hatte, war der Ton kühler geworden. Man vermutete, Florentine bestärke sie in ihrer Eigenwilligkeit. Florentine hatte darauf nie geantwortet. Sie betrachtete es nicht als ihre Aufgabe, Luises Entscheidungen gegenüber deren Angehörigen zu erklären oder sich selbst gegen einen Einfluss zu verteidigen, den sie nicht ausübte.

An einem Dienstagmorgen, wenige Wochen nach ihrer Ankunft, brachte der Portier Florentine einen Brief. Er kam aus Luises Familie und war an Florentine persönlich gerichtet. Darin wurde ihr für die vergangenen Jahre gedankt. Luise wünsche künftig eine jüngere Gesellschafterin, die sie zu mehr Unternehmungen bewegen könne. Es falle ihr jedoch schwer, Florentine dies selbst mitzuteilen. Man bitte daher um Verständnis und werde ihr Honorar bis zum Ende des Monats selbstverständlich zahlen.

Florentine las den Brief zweimal. Der Ton war höflich, beinahe anerkennend, und gerade deshalb verletzte er sie. Sie hatte Luise niemals zu einem ruhigen Leben gedrängt. Im Gegenteil: Mehrmals war sie allein ins Theater gegangen, weil Luise einen Abend für sich haben wollte. Doch die Behauptung, sie halte eine ältere Dame von Unternehmungen ab, ließ Florentine plötzlich an den vergangenen Wochen zweifeln.

Luise frühstückte zu dieser Zeit im kleinen Speisesaal. Florentine hätte nur hinuntergehen und fragen müssen. Sie tat es nicht. Der Brief erklärte ausdrücklich, Luise bringe die Trennung nicht über sich. Florentine fürchtete, eine direkte Frage würde sie zwingen, etwas auszusprechen, das sie vermeiden wollte. Zudem wollte sie nicht um eine Stellung bitten, die man ihr nicht mehr freiwillig gab.

Sie antwortete der Familie noch am selben Vormittag. Sie werde zum Ende der Woche abreisen und verzichte auf die Zahlung für die restlichen Tage. Luise solle nicht mit einer langen Übergabe belastet werden. Danach bat Florentine das Hotel um eine Verbindung für ihre Rückreise und begann, ihre persönlichen Dinge zu ordnen.

Beim Mittagessen bemerkte Luise, dass Florentine stiller war als sonst. Florentine sagte, sie habe schlecht geschlafen. Sie wusste, dass dies nicht stimmte. Mit der Ausrede vermied sie die Frage, die sie Luise hätte stellen müssen.

Am Nachmittag traf Henriette von Gersdorff im Hotel ein. Sie war jünger als Florentine, trat sicher auf und hatte zwei große Koffer bei sich. An der Rezeption fragte sie nach Luise von Plessen und erklärte, sie werde künftig als deren Gesellschafterin im Hotel wohnen.

Da Luise zu einer Einladung gegangen war, bat der Portier Florentine in die Halle. Henriette begrüßte sie mit einer Offenheit, die jede Feindseligkeit ausschloss. Sie sagte, Luises Familie habe ihr mitgeteilt, Florentine werde bereits abreisen. Luise wünsche eine Begleiterin, die auch längere Ausflüge und abendliche Veranstaltungen mit ihr besuche. Henriette solle am besten sofort beginnen, damit die Veränderung nicht unnötig schwer werde.

Florentine empfand denselben Schmerz wie am Morgen, nur schärfer. Nun stand die Nachfolgerin vor ihr, jung, höflich und offenbar auf alles vorbereitet. Florentine hätte Henriette ablehnen oder auf Luises Rückkehr verweisen können. Stattdessen bat sie das Hotel, zunächst ein freies Zimmer bereitzuhalten.

Im kleinen Salon erklärte Florentine ihr den üblichen Tagesablauf. Luise frühstücke gern spät, beantworte Einladungen jedoch vor dem Mittag und wünsche an Tagen mit vielen Besuchen keine abendliche Gesellschaft. Henriette machte sich Notizen. Nach einer Weile fragte sie, weshalb Florentine schon am Ende der Woche abreise, wenn ihre Vereinbarung noch fast zwei Monate gelte.

Florentine antwortete, sie wolle nicht bis zum Vertragsende bleiben, wenn Luise ihre Begleitung nicht mehr wünsche.

Henriette sah sie überrascht an. Nach ihrer Information hatte Florentine selbst darum gebeten, früher gehen zu dürfen. Eine kranke Verwandte benötige sie zu Hause.

Florentine erklärte, sie habe keine kranke Verwandte.

Zum ersten Mal wurde Henriette unsicher. Sie nahm den Brief aus ihrer Tasche, den sie vor der Reise erhalten hatte. Darin stand, Luise habe nach einer jüngeren Begleiterin verlangt, wolle Florentine jedoch nicht kränken. Um den Abschied zu erleichtern, solle Henriette von einer familiären Verpflichtung Florentines ausgehen und darüber keine Fragen stellen.

Henriette hatte vor ihrer Zusage darum gebeten, wenigstens einmal mit Luise zu sprechen. Die Familie hatte ihr erklärt, ein solches Gespräch würde Luise überfordern. Alle Einzelheiten seien bereits geklärt, und im Hotel warte man auf ihre Ankunft. Henriette hatte diese Auskunft für Rücksicht gehalten. Nun erkannte sie, dass die Familie auch ihr ein Gespräch verweigert hatte, weil Luises Antwort ihren Plänen widersprochen hätte.

Bevor beide weiterreden konnten, kam Luise zurück. Sie fand Florentine und Henriette nebeneinander im Salon, auf dem Tisch Henriettes Notizen, und blieb an der Tür stehen.

Henriette stellte sich vor. Sie sagte, sie sei auf Wunsch von Luises Familie gekommen und hoffe, die Aufgabe zu deren Zufriedenheit zu erfüllen.

Luise fragte Florentine, was das bedeute.

Florentine antwortete, sie werde am Ende der Woche abreisen. Henriette könne ihre Stelle übernehmen.

Luise setzte sich nicht. Sie fragte, seit wann Florentine ihre Abreise beschlossen habe und weshalb sie davon durch eine fremde Frau erfahre.

Florentine erwähnte den Brief der Familie. Luise müsse sich nicht rechtfertigen. Eine solche Vereinbarung könne enden, und Florentine werde ihr daraus keinen Vorwurf machen.

Luise wurde nicht erleichtert. Sie wurde zornig. Sie erklärte, sie habe weder um eine jüngere Begleiterin gebeten noch Florentines Abreise gewünscht. Vor zwei Wochen habe ihre Familie angeregt, Florentine für einige Zeit zu entlasten. Luise habe geantwortet, sie benötige keine Einmischung.

Henriette reichte ihr den eigenen Brief. Luise las ihn und bat anschließend um den Brief, den Florentine erhalten hatte. Nachdem sie auch diesen gelesen hatte, sagte sie lange nichts.

Auch das Hotel hatte eine Nachricht erhalten. Darin wurde gebeten, Henriette ohne weitere Rückfrage in Florentines bisherigem Zimmer unterzubringen; Luise solle mit organisatorischen Fragen nicht behelligt werden. Der Direktor hatte vorsichtshalber noch nichts verändert. Luise ließ sich die Nachricht bringen. Nun war deutlich, dass nicht ein missverständlicher Satz, sondern eine vollständig vorbereitete Entscheidung vor ihnen lag.

Florentine glaubte, nun müsse nur noch eine praktische Lösung gefunden werden. Sie schlug vor, Henriette könne einige Tage bleiben. Während dieser Zeit werde Florentine ihr den Tagesablauf erklären. Danach möge Luise in Ruhe entscheiden, welche Begleitung sie bevorzuge.

Der Vorschlag klang vernünftig und verlangte kein sofortiges Urteil. Luise wies ihn dennoch zurück. Sie werde nicht zwischen zwei Frauen wählen, die ihre Familie ohne ihre Zustimmung gegeneinander ausgetauscht habe.

Dann wandte sie sich an Florentine. Weitaus mehr als die Einmischung der Familie verletze sie, dass Florentine den Brief geglaubt und die Abreise vorbereitet habe, ohne ein einziges offenes Wort mit ihr zu sprechen. Florentine habe ihr vier Jahre lang zugetraut, auch unangenehme Wahrheiten zu hören. Nun habe sie angenommen, Luise sei zu feige, eine Vereinbarung selbst zu beenden.

Florentine wollte widersprechen, doch sie konnte es nicht. Sie hatte ihr Schweigen Rücksicht genannt. In Wahrheit hatte sie gefürchtet, nach einer direkten Frage bleiben zu wollen und dabei ihre Würde zu verlieren. Indem sie dieser Furcht folgte, hatte sie Luise ein Einverständnis zugeschrieben, das nie bestanden hatte.

Henriette erklärte, auch sie wolle keine Stellung antreten, die Luise ihr nicht angeboten habe. Sie sei in gutem Glauben angereist, doch nun müsse die Familie ihre Rückreise bezahlen. Bis dahin werde sie ein gewöhnliches Zimmer nehmen und keine Aufgabe übernehmen.

Luise bat Henriette, wenigstens bis zum nächsten Morgen als ihr Gast zu bleiben. Henriette nahm an, da eine Abreise am selben Abend überstürzt gewesen wäre.

Nachdem Henriette in ihr Zimmer gegangen war, blieben Luise und Florentine im Salon zurück. Auf dem Flur wurden Türen geschlossen, unten spielte jemand leise Klavier, und im Zimmer nebenan wurde ein Tisch für das Abendessen gedeckt. Florentine stand am Fenster. Luise nahm endlich Platz.

Florentine sagte, sie habe nicht um die Stellung kämpfen wollen.

Luise antwortete, Florentine hätte nicht um ihre Stellung kämpfen müssen. Sie hätte sie lediglich fragen sollen, ob der Brief der Wahrheit entspreche.

Florentine erklärte, weshalb sie geschwiegen hatte. Sie fürchte, sich dort aufzudrängen, wo man sie nicht mehr wünsche. Der Brief habe genau diese Sorge geweckt. Deshalb habe sie sich zurückgezogen, bevor Luise ihr überhaupt sagen konnte, was sie selbst wollte.

Luise sagte, sie verstehe diese Sorge. Florentine dürfe aber nicht an ihrer Stelle entscheiden, nur um ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Ihre Vereinbarung sei gerade deshalb verlässlich gewesen, weil beide Veränderungen offen miteinander besprachen.

Florentine entschuldigte sich dafür, dass sie Luise nicht gefragt und Henriette beinahe in eine Stellung eingewiesen hatte, die Luise nie vergeben hatte. Luise räumte ein, ihrer Familie zu selten deutlich gesagt zu haben, wie sie ihren Alltag gestalten wolle. Sie hatte geglaubt, ein gelegentlicher Widerspruch genüge. Nun sah sie, dass ihre Angehörigen dies nicht ernst genommen hatten.

Am nächsten Morgen frühstückten die drei Frauen gemeinsam. Henriette berichtete, die Familie habe ihr ein gutes Honorar und einen Aufenthalt bis zum Frühjahr zugesagt. Sie habe eine andere Stellung abgelehnt, um sofort anreisen zu können. Luise sagte, dieser Schaden müsse ersetzt werden. Sie werde selbst dafür sorgen, falls ihre Familie sich weigere.

Florentine schlug vor, Henriette könne das Hotel als Auftraggeberin nennen, falls sie rasch eine neue Stellung suche. Mehrere langjährige Gäste beschäftigten zeitweise Gesellschafterinnen. Henriette dankte ihr, wollte aber erst nach ihrer Rückkehr in Ruhe überlegen, wie sie weiter vorgehen werde.

Noch vor Henriettes Abreise schrieb Luise ihrer Familie. Sie stellte klar, dass weder eine neue Gesellschafterin noch eine Veränderung ihrer Reisepläne in ihrem Namen vereinbart werden dürfe. Henriettes Kosten seien vollständig zu tragen. Florentine las den Brief nicht. Luise berichtete ihr nur, was darin stand.

Am Nachmittag ergänzten Luise und Florentine ihre Vereinbarung um zwei Punkte. Luise würde jeden Wunsch nach einer Veränderung selbst aussprechen. Florentine würde nicht abreisen, bevor sie Luise gefragt hatte, ob eine Nachricht tatsächlich von ihr stamme. Beide konnten die Zusammenarbeit weiterhin mit der vereinbarten Frist beenden.

Florentine blieb für den restlichen Winter im Hotel. Am folgenden Tag nahm sie ihre Reiseverbindung zurück und packte die bereits geordneten Dinge wieder aus. Luise wartete damit nicht im Zimmer. Sie ging allein zum Mittagessen und ließ Florentine Zeit.

Später trafen sie sich in der Halle zu einem Spaziergang. Luise fragte, ob Florentine den Weg durch den Park oder die längere Strecke am Fluss bevorzuge. Florentine entschied sich für den Park, weil am Abend Gäste erwartet wurden. Luise nahm die Antwort an, ohne einen besseren Vorschlag zu machen.