Gerhild vom Jakobshof beim Kochen in der alten Küche

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Gerhild vom Jakobshof

Die Bewahrerin des offenen Hauses

Auf dem Jakobshof stehen die Türen offen, im Garten duften die Kräuter und Freunde finden immer einen Platz. Nur Richards Atelier bleibt in jenem Herbst verschlossen.

Das Bild im verschlossenen Atelier

Drei Jahre waren vergangen, seit Gerhild und Richard die Stadt verlassen und den Jakobshof wieder zum Leben erweckt hatten. Im Garten wuchsen Minze, Salbei und Ringelblumen in einer Ordnung, die nur Gerhild verstand. Freunde kamen über den Kiesweg, setzten sich an den langen Tisch und blieben meist länger als geplant. Hauskater Otto lag darunter und tat, als gehe ihn all das nichts an.

Richard malte im nördlichen Zimmer. Seine Bilder von Bergen, Favelas, Menschen und Tieren reisten in Ausstellungen, während er selbst am liebsten auf dem Hof blieb. Doch in jenem Herbst schloss er die Ateliertür. Zuerst sagte er, eine Leinwand müsse ruhen. Dann sagte er gar nichts mehr. Morgens saß er mit Farbe an den Händen am Tisch, obwohl er seit Tagen keinen Pinsel berührt hatte.

Gerhild versuchte, das Haus heller zu machen. Sie lud Freunde ein, kochte reichlich, stellte Weintrauben und Brot auf den Tisch und erzählte Geschichten, sobald eine Pause entstand. Je stiller Richard wurde, desto geschäftiger wurde sie. Niemand sollte merken, dass sich mitten in ihrem offenen Haus eine Tür geschlossen hatte.

Eines Abends fand Gerhild vor dem Atelier ein Bündel vertrockneter Mohnkapseln. Sie hatte sie im Sommer gesammelt und vergessen. Als sie sich bückte, hörte sie drinnen ein Geräusch, als würde jemand über eine Leinwand streichen. Richard saß jedoch unten bei den Gästen. Otto stand neben ihr, den Rücken gekrümmt, und fauchte die Tür an.

In der Nacht zog Nebel über die Wiese. Gerhild erwachte, weil Otto nicht mehr am Fußende lag. Auch Richard war fort. Die Ateliertür stand offen. Auf der Staffelei lehnte ein Bild, das Gerhild nie gesehen hatte: ein leerer Tisch in der Stadtwohnung, an dem Richards ältester Freund saß. Der Freund war im Frühjahr gestorben. Richard hatte niemandem erzählt, dass ihr letzter Abschied im Streit geendet hatte.

Auf der noch feuchten Leinwand führte ein gemalter Weg aus dem Zimmer in weißen Nebel. Gerhild sah darin Richards Fußspuren. Sie nahm die Laterne und ging hinaus. Am Gartentor lagen zerdrückte Minzblätter, weiter oben ein gebrochener Salbeizweig. Sie folgte dem Duft, wie sie es immer tat, wenn im Nebel eine Richtung fehlte.

Sie fand Richard am alten Obstgarten. Otto saß an seine Beine gedrückt. Richard hielt einen Brief in der Hand, den er nie abgeschickt hatte. Er sagte, er habe den Freund um Verzeihung bitten wollen. Nun sei jeder Satz zu spät. Gerhild wollte antworten, dass nichts seine Schuld sei, dass das Leben weitergehe und auf dem Hof Menschen auf ihn warteten. Sie kannte all diese tröstlichen Sätze. Keiner war wahr genug.

Also setzte sie sich ins nasse Gras. Nach einer Weile sagte sie: Ich kann dir den Abschied nicht abnehmen. Aber du musst ihn nicht allein tragen. Richard sagte lange nichts. Schließlich legte er den Brief zwischen sie ins Gras und ließ Gerhild an seiner Trauer teilhaben. Gerhild blieb. Sie machte den Schmerz nicht kleiner. Sie sorgte nur dafür, dass er einen Zeugen hatte.

Am Morgen verbrannte Richard den Brief nicht. Er legte ihn neben das Bild. Gerhild sagte die geplante Jause nicht ab, aber sie füllte auch nicht jede Stille. Als die Freunde kamen, erzählte Richard selbst von dem Verstorbenen und von ihrem Streit. Einer erinnerte sich an sein Lachen, eine andere an seine Ungeduld. Nach und nach wurde aus dem ungesagten Namen wieder ein ganzer Mensch.

Das Bild blieb unvollendet. Richard ließ den weißen Weg darin offen. Später hing es im Flur des Jakobshofs. Wer danach fragte, bekam keine kunstvolle Erklärung. Gerhild stellte Tee auf den Tisch, Richard setzte sich dazu, und manchmal erzählten sie, wie ein Zuhause auch jene Trauer aufnehmen muss, die nicht geheilt werden kann.

Von da an öffnete Gerhild die Türen des Hofes weiterhin weit. Doch sie wusste nun, dass Bewahren nicht bedeutet, alle Menschen warm, satt und fröhlich zu halten. Manchmal heißt es, neben einer verschlossenen Tür zu warten, ohne sie aufzubrechen, und bereit zu sein, wenn der Mensch dahinter endlich herauskommt.

Wo gehen wir denn hin?Immer nach Hause.
Novalis