
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Oda, Mädchen aus Brunau
Die Hüterin der rechten Worte
Oda bewahrt einen Liebesbrief sieben Winter lang, weil sie auf den richtigen Augenblick wartet. Als Laurenz zurückkehrt, muss sie herausfinden, ob ihre alte Wahrheit noch lebt.
Der Brief, der sieben Winter wartete
Oda aus Brunau sammelte gute Sätze. In der kleinen Tasche ihres rosa Pullovers bewahrte sie ein Danke, ein Bleib noch und manches Du fehlst mir auf, das sich niemand auszusprechen traute. Sie glaubte, jedes Wort habe einen richtigen Augenblick. Deshalb wartete sie oft sehr lange.
Als Oda jung war, liebte sie den Briefträger Laurenz. Er kam jeden Donnerstag über die Brücke, stellte seine Tasche ab und trank bei ihr Tee. Beide sprachen über Wetter, Wege und die Menschen, für die er Briefe trug. Nie über sich. Oda fürchtete, ein Liebesgeständnis könne ihre vertrauten Nachmittage zerstören.
Eines Winters erhielt Laurenz eine Stelle in einer fernen Stadt. Beim Abschied stand er lange in Odas Küche. Er sagte: Wenn es einen Grund gäbe zu bleiben, müsste ich ihn heute hören. Oda hielt den Satz Ich liebe dich bereits in der Hand. Doch sie dachte, Liebe dürfe einen Menschen nicht festhalten. Sie wünschte ihm eine gute Reise.
Noch am selben Abend schrieb sie einen Brief. Darin erklärte sie alles. Sie brachte ihn jedoch nicht zur Post. Erst wollte sie sicher sein, dass Laurenz sich in der neuen Stadt eingelebt hatte. Dann schien der Frühling ungeeignet, später der Sommer zu leicht. Aus Rücksicht wurde Aufschub, aus Aufschub Angst. Sieben Winter lang lag der Brief in ihrer Tasche.
Im achten Jahr kehrte Laurenz nach Brunau zurück. Er war nicht allein. Neben ihm ging eine Frau, und zwischen ihnen lief ein kleines Kind. Oda spürte zuerst Schmerz, dann Scham über den Schmerz. Sie hieß die Familie willkommen und versteckte den alten Brief tiefer.
Am Abend klopfte Laurenz noch einmal an. Er sagte, die Frau sei seine Schwester und das Kind seine Nichte. Dann fragte er, warum Oda ihn damals habe gehen lassen. Auch er hatte gehofft, sie würde sprechen. Später hatte er geglaubt, ihre Freundlichkeit sei nie Liebe gewesen.
Oda nahm den Brief aus der Tasche. Das Papier war weich geworden. Laurenz las ihn nicht sofort. Er fragte: Ist das noch wahr, oder gibst du mir nur etwas, das damals wahr war? Oda hatte sieben Jahre lang auf diesen Augenblick gewartet und bemerkte, dass eine alte Wahrheit nicht automatisch eine gegenwärtige ist.
Sie bat ihn um Zeit. Nicht aus Feigheit, sondern weil sie ehrlich sein wollte. In den folgenden Wochen lernten sie einander neu kennen. Laurenz war nicht mehr der junge Briefträger. Oda war nicht mehr das Mädchen, das jeden Satz aufbewahrte. Sie stritten über verlorene Jahre, über falsche Rücksicht und darüber, wie leicht Schweigen edel aussehen kann.
Im Frühling las Laurenz den Brief. Danach legte Oda ein neues Blatt daneben. Darauf stand nur: Ich liebe nicht mehr den Mann, der damals ging. Ich liebe den, der heute hier sitzt. Wenn du willst, beginnen wir nicht dort, wo wir aufgehört haben, sondern hier.
Laurenz blieb nicht wegen dieses Satzes in Brunau. Er blieb, weil er selbst bleiben wollte. Ihre Liebe wurde nicht zur Belohnung für langes Warten. Sie wurde möglich, weil beide endlich aufhörten, dem anderen die Entscheidung durch Schweigen abzunehmen.
Oda bewahrte weiterhin gute Worte. Aber sie prüfte nicht mehr nur, ob der Augenblick richtig war. Sie fragte auch, ob ihr Warten vielleicht bloß Angst in einem schönen Kleid sei. Manche Sätze brauchen Reife. Andere verlieren ihr Leben, wenn man sie zu lange schützt.
Bereit sein ist viel, warten können ist mehr,doch erst den rechten Augenblicknützen ist alles.Arthur Schnitzler
