Hildegard von Falkenfels mit ihrem Kräuterkorb vor einem alten Haus

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Hildegard von Falkenfels

Die Weggefährtin am Falkenpfad

Hildegard kennt für jeden Menschen den nächsten sicheren Schritt. Auf dem Falkenpfad begegnet sie jener Schuld, vor der sie selbst seit Jahren stehen geblieben ist.

Der Pfad, der keinen Namen trug

Hildegard von Falkenfels kannte jeden Weg zwischen dem Tal und den hohen Weiden. Wenn jemand zögerte, zeigte sie auf den nächsten Stein und sagte: Nur bis dorthin. Niemand ging beschämt von ihr fort. Hildegard wusste, wie man fremde Angst kleiner machte. Nur für ihre eigene hatte sie keine Worte.

Seit dem Tod ihres Vaters mied sie den alten Falkenpfad. Dort war er in einem plötzlichen Wettersturz verunglückt. Die Leute im Tal glaubten, Hildegard gehe nicht hinauf, weil der Weg gefährlich sei. In Wahrheit fürchtete sie einen Gedanken, den sie niemandem anvertraute: Am Morgen des Unglücks hatte sie den dunklen Wolkenrand gesehen und geschwiegen. Ihr Vater war erfahren gewesen. Sie hatte nicht gewagt, ihn zu warnen.

Eines Tages verschwand ein Junge aus dem Tal. Man fand seinen Korb am Beginn des Falkenpfades. Nebel lag über dem Berg, und die anderen warteten auf Hildegards Entscheidung. Sie kannte den sicheren Umweg. Doch im Korb lag eine gelbe Blume, wie sie nur an der Quelle oberhalb der Unglücksstelle wuchs. Hildegard begriff, dass der Junge den alten Pfad genommen hatte.

Sie band ein Seil um die Hüfte und stieg hinauf. Bei jedem Stein kehrte eine Erinnerung zurück: die roten Schnürsenkel ihres Vaters, sein Lachen, sein Rücken im Morgennebel. Kurz vor der Schlucht blieben ihre Füße stehen. Hildegard, die immer wusste, was der nächste Schritt war, konnte keinen mehr tun.

Da hörte sie unterhalb des Weges ein Wimmern. Der Junge saß auf einem schmalen Absatz und klammerte sich an eine Wurzel. Hildegard warf das Seil, doch es reichte nicht. Sie hätte allein absteigen können. Stattdessen tat sie etwas, das ihr schwerer fiel als jeder Klettergriff. Sie blies dreimal in die Notpfeife und rief um Hilfe.

Die Antwort kam aus dem Nebel. Zwei Hirten, denen Hildegard oft den Weg gezeigt hatte, waren ihr gefolgt. Gemeinsam sicherten sie das Seil. Hildegard stieg zum Jungen hinab. Er schämte sich und sagte, er habe beweisen wollen, dass er keine Angst habe. Hildegard antwortete: Angst verschwindet nicht, wenn man sie verleugnet. Sie wird nur einsamer.

Während sie auf die Bergung warteten, erzählte Hildegard ihm von ihrem Vater. Zum ersten Mal sagte sie laut, dass sie die Wolken gesehen hatte. Einer der Hirten, der damals dabei gewesen war, hörte es. Dein Vater hat sie auch gesehen, sagte er. Er ging trotzdem, weil er glaubte, noch rechtzeitig zurück zu sein. Du warst ein Kind. Du warst nicht für seine Entscheidung verantwortlich.

Die Worte nahmen Hildegard die Trauer nicht. Aber sie lösten die Schuld aus ihr, die sich jahrelang als Pflicht verkleidet hatte. Sie hatte jedem helfen wollen, weil sie glaubte, nie wieder ein Zeichen übersehen zu dürfen. Nun verstand sie, warum sie selbst dabei keinen Fehler und keine Schwäche zeigen konnte.

Als sie ins Tal zurückkehrten, legte Hildegard die gelbe Blume auf den Tisch. Später brachte sie am Falkenpfad ein kleines Schild an. Darauf stand kein Verbot. Es stand dort: Geh nicht allein, wenn dein Herz dich warnt. Seitdem führte Hildegard auch über diesen Weg. Manchmal blieb sie an der Schlucht stehen. Dann wartete sie, bis ihr Mut nachkam, und ließ jemanden ihre Hand halten.

Courage ist gut,aber Ausdauer ist besser.
Theodor Fontane