
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Josephine von Bergen und Graf Ferdinand von Clagenfurth
Die Bewahrer der freien Nähe
Josephine und Ferdinand haben einander nie festgehalten. Als aus ihrer vertrauten Stille ein gefährlicher Abstand wird, müssen sie lernen, dass auch eine freie Liebe ihre Sehnsucht aussprechen darf.
Der Platz, den keiner einnahm
Josephine von Bergen und Graf Ferdinand von Clagenfurth hatten einander nie mit großen Versprechen geliebt. Ihre Liebe zeigte sich in genau geschnittenen Äpfeln, in einem Stuhl am richtigen Fenster und in der stillen Gewissheit, dass der andere heimkehren würde. Viele Jahre genügte ihnen das. Dann kam ein Winter, in dem die Stille zwischen ihnen ihre Bedeutung veränderte. Sie war nicht mehr vertraut. Sie wurde zu einem dritten Wesen, das mit am Tisch saß.
Josephine hatte ein Angebot erhalten, für ein Jahr in einer fernen Stadt alte Häuser einzurichten. Sie trug den Brief seit Wochen in der Tasche. Ferdinand hatte ihn längst gesehen, fragte aber nicht danach. Er glaubte, Liebe bedeute, niemanden festzuhalten. Josephine deutete sein Schweigen als Gleichgültigkeit. Sie wollte nicht um Erlaubnis bitten, aber sie wollte vermisst werden. So wartete jeder auf einen Satz, den der andere aus Angst vor der falschen Antwort nicht sprach.
Am Abend vor Josephines Entscheidung gingen sie ins Stadttheater. Tosca stand auf dem Spielplan. Es war dieselbe Oper, bei der sie einander vor vielen Jahren zum ersten Mal bewusst angesehen hatten. Im Parkett blieb der Sitz zwischen ihnen leer, weil Josephine ihren Mantel daraufgelegt hatte. Ferdinand bemerkte es. Er sagte nichts. Während auf der Bühne Liebe, Eifersucht und Verrat immer lauter wurden, saßen sie nebeneinander wie zwei Menschen, die gelernt hatten, jeden Raum zu ordnen, nur nicht den zwischen sich.
In der Pause fand Josephine unter dem leeren Sitz einen silbernen Schlüssel mit der Zahl siebzehn. Der alte Platzanweiser erkannte ihn. Er führte sie hinter die Logen zu einer niedrigen Tür, die fast vollständig von rotem Samt verdeckt war. Dahinter lag ein schmaler Raum mit zwei Stühlen. Auf dem ersten lag ein ungeöffneter Brief. Der zweite stand am Fenster zur Bühne.
Der Brief war an niemanden adressiert. Darin schrieb eine Frau, sie habe den Menschen verlassen, den sie liebte, weil beide sich aus Rücksicht alles Wesentliche verschwiegen hätten. Sie hätten einander Freiheit geben wollen und dabei so getan, als brauche keiner den anderen. Erst viele Jahre später habe sie verstanden: Nicht Besitz zerstöre die Liebe, sondern manchmal auch die Feigheit, einen Wunsch auszusprechen. Die letzte Zeile lautete: Ich wollte gehen dürfen. Aber ich wollte auch hören, dass mein Fortgehen etwas kostet.
Josephine legte den Brief auf den Tisch. Ferdinand sah nicht zur Bühne. Er sagte, er habe geschwiegen, weil er befürchtete, seine Angst könne wie eine Forderung klingen. Dann gestand er, dass er jeden Morgen den Kalender betrachtete und sich vorstellte, wie lange ein Jahr ohne sie sei. Josephine antwortete, sie habe den Brief in ihrer Tasche behalten, weil sie gehofft habe, er werde sie endlich fragen. Ihre Stimme zitterte vor Zorn und Erleichterung. Zum ersten Mal seit Wochen stritten sie ehrlich.
Die Glocke rief zum zweiten Akt. Sie blieben im kleinen Raum. Josephine sagte, sie wolle die Arbeit annehmen. Ferdinand sagte, er wolle nicht, dass sie darauf verzichte. Dann fügte er hinzu: Ich werde dich vermissen. Ich werde ungerecht traurig sein. Und ich möchte, dass wir einander trotzdem nicht verlieren. Es war kein schöner Satz. Gerade deshalb glaubte Josephine ihm.
Sie rückten die beiden Stühle ans Fenster und hörten die Oper von dort zu Ende. In der letzten Szene griff Josephine nicht nach Ferdinands Hand. Sie legte ihre auf die Lehne zwischen ihnen. Ferdinand legte seine daneben. Der Abstand blieb sichtbar, aber er war nicht mehr leer. Er war ein Raum, den beide gemeinsam aushielten.
Josephine ging im Frühling fort. Jeden Sonntag kochten sie zur gleichen Stunde dasselbe Gericht und telefonierten, während in zwei Küchen Messer über Bretter glitten. Sie stritten über Kleinigkeiten, schrieben schlechte Briefe und gute, besuchten einander und lernten, dass Sehnsucht keine Krankheit ist, die geheilt werden muss. Sie ist der Preis dafür, dass ein anderer Mensch im eigenen Leben einen wirklichen Platz hat.
Nach einem Jahr kehrte Josephine zurück. Nicht weil sie gescheitert war und nicht weil Ferdinand sie zurückgerufen hatte. Sie kam, weil aus ihrer Freiheit eine Entscheidung geworden war. Am ersten Abend gingen sie wieder ins Theater. Der Platz zwischen ihnen blieb diesmal frei. Auf ihm lag kein Mantel. Nur ihre beiden Hände ruhten dort, nebeneinander, als der Vorhang sich hob.
Liebe besteht darin,dass zwei Einsamkeiten einanderschützen, grenzen und grüßen.Rainer Maria Rilke
