
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Die Gesellschaft von Dämmerhain
Die Gesellschaft ohne Masken
Amalias vierter Stuhl heißt jeden Fremden willkommen. In einer Sturmnacht nimmt dort ein Gast Platz, der hinter die freundlichen Rollen der Gesellschaft sehen kann.
Die vierte Hand
Im Dämmerhain wurde es früher dunkel als anderswo. Im Haus der Amalia brannte deshalb jeden Abend eine Lampe im Fenster. Livia Rosenau und Severin von Abendblatt kamen donnerstags zum Kartenspiel. Amalia schenkte Tee ein, Livia bemerkte, was niemand sagte, und Severin kannte jede Regel. Auf dem vierten Platz lag stets ein unbenutztes Gedeck. Es sollte bedeuten, dass ein Fremder willkommen war.
An einem stürmischen Abend klopfte es kurz vor Mitternacht. Vor der Tür stand eine Frau in einem grauen Mantel. Sie nannte ihren Namen nicht und bat nur um Wärme. Amalia gab ihr den vierten Stuhl. Severin teilte die Karten aus. Die Fremde legte ihre erste Karte verdeckt auf den Tisch und sagte: Heute spielen wir nicht um Geld. Wir spielen um das, was jeder von euch verborgen hält.
Severin wollte lachen, doch die Türen des Hauses fielen gleichzeitig ins Schloss. Auf seiner Karte erschien ein schwarzes Zeichen. Die Fremde erklärte die Regel: Wer log, verlor eine Erinnerung. Wer die Wahrheit sagte, durfte eine Frage stellen. Amalia versuchte aufzustehen. Ihr Stuhl hielt sie fest.
Die erste Frage traf Livia: Warum kommst du jeden Donnerstag? Livia antwortete, sie liebe die Gesellschaft. Die Kerze vor ihr erlosch, und plötzlich konnte sie sich nicht mehr an das Gesicht ihrer Mutter erinnern. Erschrocken korrigierte sie sich. Sie kam, weil sie die Abende allein nicht ertrug und sich schämte, das zuzugeben. Das Gesicht der Mutter kehrte zurück.
Severin wurde gefragt, warum er jede Niederlage in einen Scherz verwandle. Er sagte, Spiele müssten leicht bleiben. Eine Erinnerung verschwand: der letzte Nachmittag mit seinem Bruder. Severin legte beide Hände auf den Tisch. Dann sagte er die Wahrheit. Sein Bruder hatte ihn im Streit einen Versager genannt. Seitdem ließ Severin niemanden merken, wie wichtig ihm das Gewinnen war. Die Erinnerung kam zurück, aber auch der Schmerz, den er jahrelang hinter Regeln versteckt hatte.
Amalia erhielt die letzte Frage: Warum hältst du einen Platz für Fremde frei? Sie sagte, aus Güte. Diesmal erloschen alle Lampen. Im Dunkeln hörten sie Amalia weinen. Vor vielen Jahren hatte sie selbst an einer Tür im Dämmerhain gestanden. Niemand hatte geöffnet. Seitdem deckte sie den vierten Platz, nicht nur aus Güte, sondern aus Angst, jemand könne ihre damalige Verlassenheit wiederholen. Sie half anderen, damit sie nicht fühlen musste, wie sehr auch sie noch immer Trost brauchte.
Als Amalia die Wahrheit ausgesprochen hatte, lösten sich die Stühle. Nur die Fremde blieb sitzen. Livia stellte nun die Frage, die ihnen zustand: Wer bist du? Die Frau zog den grauen Mantel aus. Darunter war nichts als Schatten. Ich bin der Platz, den ihr freihaltet, sagte sie. Ich komme, wenn Willkommen nur eine schöne Sitte geworden ist und keiner mehr wagt, selbst bedürftig zu sein.
Der Schatten griff nach der letzten Karte. Severin war schneller. Er legte seine Hand darauf und sagte: Dann bleib heute du nicht. Gemeinsam drehten sie die Karte um. Sie war leer. Amalia öffnete die Haustür. Der Sturm fuhr durch das Zimmer und trug den Schatten hinaus. Draußen zwischen den Bäumen hörten sie ihn lachen, bis das Geräusch im Wind verschwand.
Am nächsten Donnerstag stand der vierte Stuhl wieder am Tisch. Doch diesmal setzte Amalia sich darauf. Livia schenkte ihr Tee ein. Severin ließ eine Runde aus, ohne einen Scherz zu machen. Erst später klopfte ein Reisender an, und sie rückten zusammen, statt Amalia ihren Platz nehmen zu lassen.
Von da an hieß ihre wichtigste Regel: Niemand muss sich sein Willkommen verdienen, indem er immer der Starke, der Lustige oder der Hilfreiche ist. Die Gesellschaft von Dämmerhain blieb gastfreundlich. Aber sie lernte, dass echte Nähe erst beginnt, wenn auch die Gastgeber ihre Masken ablegen dürfen.
Es muss von Herzen kommen,was auf Herzen wirken soll.Johann Wolfgang von Goethe
