
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Susanne Löwenstein
Die Hüterin des geteilten Lichts
Susanne verschenkt Licht, bis ihre Taschen und ihre Kräfte leer sind. An einem grauen Morgen muss die Sonnenfadenhüterin zulassen, dass andere für sie eine Kerze tragen.
Der Tag, an dem Susanne kein Licht fand
Susanne Löwenstein sammelte an hellen Tagen Sonnenfäden. Sie trug sie in den Taschen ihrer orangefarbenen Latzhose und verschenkte sie an müde Hummeln, traurige Kinder und Fenster, hinter denen lange niemand gelacht hatte. Bald glaubten alle, Susanne könne jeden grauen Tag heller machen.
Sieben Tage lang regnete es. Am ersten Tag teilte Susanne ihre Vorräte großzügig. Am dritten gab sie den letzten goldenen Faden einer Nachbarin, die nicht aufstehen wollte. Am fünften war ihre Tasche leer. Trotzdem klopften weiterhin Menschen an ihre Tür. Susanne lächelte und tat so, als finde sie irgendwo noch Licht.
Am siebten Morgen konnte sie selbst das Bett nicht verlassen. Ihr Körper fühlte sich schwer an, und jedes freundliche Wort klang wie eine Aufgabe. Als es klopfte, versteckte sie sich unter der Decke. Draußen sagte jemand: Susanne, wir brauchen dich. Sie schämte sich. Eine Sonnenfadenhüterin durfte doch nicht dunkel sein.
Im Zimmer wurde es kälter. Auf dem Tisch lag ein kleines Glas, in dem sie früher besonders helle Fäden aufbewahrt hatte. Susanne hoffte auf einen vergessenen Rest. Als sie den Deckel öffnete, stieg schwarzer Rauch daraus. Er nahm die Gestalt eines Vogels an und sagte: Gib ihnen auch den letzten Teil von dir. Dann werden sie dich niemals verlassen.
Susanne erkannte die Stimme. Sie hatte sie oft gehört, wenn sie müde gewesen war. Es war die Angst, nur geliebt zu werden, solange sie etwas Helles brachte. Der Vogel wurde größer und setzte sich auf ihre Brust. Susanne bekam kaum Luft.
Da öffnete sich die Tür. Das kleine Wollwesen aus dem Haus gegenüber trat ein. Susanne hatte ihm einst einen Sonnenfaden geschickt. Nun trug es eine einfache Kerze. Sie leuchtet nicht sehr weit, sagte es. Aber für dieses Zimmer reicht sie.
Susanne wollte sich entschuldigen. Das Wesen ließ sie nicht. Es setzte sich neben das Bett und erzählte nichts Fröhliches. Es blieb einfach da. Nach einer Weile kamen weitere Nachbarn. Einer brachte Suppe, eine andere schloss das Fenster, ein dritter sagte offen, dass er Susannes Hilfe manchmal für selbstverständlich gehalten hatte.
Der schwarze Vogel schrumpfte. Er verschwand nicht ganz. Susanne verstand, dass jene Angst wiederkommen konnte. Aber sie musste ihr nicht mehr gehorchen. Zum ersten Mal ließ sie andere das Licht tragen, ohne sofort etwas zurückzugeben.
Als nach vielen Tagen die Sonne erschien, ging Susanne nicht hinaus, um alle Strahlen einzusammeln. Sie setzte sich ans Fenster und ließ einen über ihre eigenen Hände wandern. Erst später teilte sie ihn. Seitdem wusste im Tal jeder: Auch eine Hüterin des Lichts darf einen dunklen Tag haben. Wer immer nur gibt, verwandelt Liebe unbemerkt in eine Prüfung, die niemand bestehen kann.
Wer spricht von Siegen?Überstehn ist alles.Rainer Maria Rilke
