
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Edda Schönfeld
Die Hüterin des roten Fadens
Edda kann jeden gerissenen Faden wieder aufnehmen. Nur die Freundschaft, die sie selbst durch einen Vertrauensbruch zerstört hat, lässt sich nicht mit einem hübschen Knoten heilen.
Der rote Faden im verschlossenen Haus
Edda Schönfeld glaubte, jeder gerissene Faden lasse sich wieder aufnehmen. Sie strickte langsam und ließ sichtbare Knoten stehen. Die Leute brachten ihr Schals, Decken und manchmal auch Geschichten, die an einer schwierigen Stelle auseinandergegangen waren. Edda hörte zu und sagte oft: Wir finden das Ende.
Nur mit ihrer Freundin Mathilde sprach sie seit drei Jahren kein Wort. Edda hatte ein Geheimnis weitererzählt, weil sie geglaubt hatte, damit zu helfen. Mathilde verließ daraufhin das Dorf. Edda schrieb ihr viele Briefe, aber in jedem erklärte sie zuerst, warum sie so gehandelt hatte. Keine Antwort kam zurück.
Eines Tages führte ein roter Wollfaden von Eddas Korb durch die offene Tür und über die Straße. Er lief bis zum verlassenen Haus Mathildes. Obwohl der Schlüssel fehlte, öffnete sich die Tür, sobald Edda den Faden berührte. Drinnen war alles mit rotem Garn verspannt. Jeder Faden führte zu einem Augenblick ihrer Freundschaft.
Edda sah, wie Mathilde ihr einst vertraut hatte, dass sie ihr Elternhaus verkaufen müsse. Sie hörte sich selbst versprechen, niemandem davon zu erzählen. Dann sah sie den Marktplatz, auf dem sie die Neuigkeit weitergab, damit andere angeblich rechtzeitig helfen könnten. Was sie damals Fürsorge genannt hatte, zeigte sich nun als etwas anderes: Edda hatte es nicht ertragen, mit einem Geheimnis allein zu sein. Sie hatte ihren eigenen Druck erleichtert und Mathilde den Preis dafür zahlen lassen.
Im letzten Zimmer saß eine Gestalt aus roter Wolle. Sie hatte Mathildes Gesicht und Eddas Stimme. Sie sagte: Knüpfe uns zusammen, dann wird alles wie früher. Vor ihr lagen zwei zerrissene Fadenenden. Edda nahm sie auf. Ein einziger Knoten hätte genügt. Doch sie spürte, dass dieser Knoten nicht heilen, sondern nur verbergen würde.
Edda legte die Enden nebeneinander. Ich kann nicht verlangen, dass es wieder wie früher wird, sagte sie. Ich kann nur anerkennen, was ich getan habe. Die Wollgestalt begann sich aufzulösen. Der rote Faden im Haus fiel zu Boden.
Unter der Tür lag ein Brief von Mathilde. Darin stand: Ich habe jede deiner Erklärungen gelesen. Keine davon fragte, was dein Handeln mit mir gemacht hat. Wenn du mir noch einmal schreibst, verteidige dich nicht.
Edda ging nach Hause und schrieb einen kurzen Brief. Sie nannte keine gute Absicht. Sie bat nicht um Verzeihung. Sie schrieb: Ich habe dein Vertrauen gebrochen. Ich verstehe, dass du Abstand brauchtest. Wenn du mir sagen willst, was ich dir genommen habe, werde ich zuhören.
Monate später kam eine Antwort. Mathilde wollte Edda nicht wieder so nah an sich heranlassen wie früher. Aber sie war bereit, mit ihr einen Spaziergang zu machen. Edda weinte, als sie den Brief las. Es war nicht die vollständige Versöhnung, die sie sich gewünscht hatte. Es war etwas Wahreres: ein neuer Faden, dünn und vorsichtig, der nicht so tat, als hätte es den Riss nie gegeben.
Seitdem sagte Edda nicht mehr, jeder Faden lasse sich reparieren. Manche Beziehungen werden anders, nachdem Vertrauen verletzt wurde. Doch Verantwortung kann verhindern, dass aus einem Riss eine Lüge wird. Edda strickte weiter. Ihre sichtbarsten Knoten waren nun nicht Zeichen des Durchhaltens allein, sondern der Erinnerung, dass Heilung ohne Wahrheit nur ein hübsches Muster ist.
Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden;es ist nicht genug zu wollen,man muss auch tun.Johann Wolfgang von Goethe
