
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Fräulein von Altendorff
Die Hüterin des vierten Tellers
In der Kupferküche am Feuerbach hält Fräulein von Altendorff einen Teller für ihre verstorbene Großmutter frei. Ein Gast zeigt ihr, dass neue Nähe den Toten keinen Platz wegnimmt.
Der vierte Teller
Im Haus am Feuerbach hatte Fräulein von Altendorff von ihrer Großmutter gelernt, wie wenig es manchmal braucht, um einen Menschen zu wärmen: Erdäpfel, eine Zwiebel, Kräuter und einen Platz am Tisch. Nach dem Tod der Großmutter stellte sie den vertrauten Teller weiterhin gegenüber von sich. Er war kein Irrtum. Er war die Form, die ihre Trauer angenommen hatte.
Am ersten Schneetag klopfte Marlen aus dem Haus am Weidenweg. Ihr Sohn war vor zwei Jahren gestorben. In den Händen hielt sie seinen roten Schal. Heute wäre sein Geburtstag, sagte sie. Seit seinem Tod kochte sie an diesem Tag nichts mehr. Fräulein von Altendorff bat sie herein und stellte einen dritten Teller auf den Tisch.
Während die Suppe dampfte, erzählte Marlen, ihr Sohn habe beim Backen immer so viel Mehl verschüttet, dass die Küche wie ein Winterfeld aussah. Sie lachte. Das Lachen erschreckte sie. Sofort legte sie den Löffel hin und sagte, eine Mutter dürfe an seinem Geburtstag nicht fröhlich sein.
Fräulein von Altendorff kannte diesen Gedanken. Auch sie hatte lange geglaubt, jeder gute Augenblick sei ein Verrat an der Großmutter. Sie wollte Marlen trösten, doch bevor sie sprechen konnte, klopfte es ein zweites Mal. Draußen stand ein fremder Mann mit durchweichten Schuhen. Er hatte sich am Feuerbach verirrt.
Fräulein von Altendorff zögerte. Der vierte Teller war der letzte aus dem alten Geschirr ihrer Großmutter. Er hatte immer unbenutzt im Schrank gestanden. Marlen sah zum Fenster und sagte: Heute kann ich keinen Fremden ertragen. Der Mann wollte schon gehen.
Da hörte Fräulein von Altendorff den alten Satz der Großmutter: Es reicht oft für einen mehr, wenn man nicht zu früh nachzählt. Sie holte den vierten Teller. Der Fremde setzte sich still. Erst nach einer Weile erzählte er, dass er Arzt gewesen war. In der Nacht, in der Marlens Sohn starb, hatte ein anderer Arzt Dienst gehabt. Dennoch kannte er den Fall. Der Junge hatte am Ende nicht allein gelegen.
Marlen griff nach dem roten Schal. Sie wollte jedes Einzelne wissen und zugleich nichts. Der Mann sagte nicht, der Tod sei friedlich gewesen. Er sagte nur die Wahrheit: Eine Pflegerin hatte seine Hand gehalten und ihm aus einem Buch vorgelesen. Sein letzter wacher Satz war gewesen, seine Mutter solle nicht vergessen, am Geburtstag Mehl auf den Tisch zu streuen.
Marlen weinte so heftig, dass die Suppe kalt wurde. Dann stand sie auf, nahm eine Handvoll Mehl aus dem Schrank und warf sie über den Küchentisch. Der fremde Mann lachte zuerst, dann Fräulein von Altendorff. Schließlich lachte auch Marlen, mitten im Weinen. Niemand hielt das für Heilung. Aber für einen Augenblick durfte Liebe mehr sein als Schmerz.
Später stellte Fräulein von Altendorff den Teller der Großmutter nicht mehr jeden Abend auf den Tisch. Manchmal blieb er im Schrank. Manchmal deckte sie ihn bewusst. Trauer, verstand sie, braucht Rituale, aber keine Gefangenschaft.
Der vierte Teller blieb für Gäste bereit. Er erinnerte sie daran, dass ein leerer Platz nicht gefüllt werden muss, um den Verstorbenen zu ersetzen. Ein neuer Mensch nimmt einem geliebten Toten nichts weg. Das Herz ist kein Tisch mit zu wenigen Stühlen.
Wer je gelebt in Liebesarmen,der kann im Leben nie verarmen.Theodor Storm
