Siegfried von Stein zwischen den alten Mauern im Nebel

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Siegfried von Stein

Der Hüter der offenen Mauer

Siegfried errichtet eine Mauer, die das Tal schützen soll. Doch jede Nacht wächst sie höher, bis Sicherheit und Gefangenschaft nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.

Die Mauer, die nachts wuchs

Siegfried von Stein kannte die Sprache alter Mauern. Er wusste, welcher Riss Gefahr bedeutete und welcher nur zeigte, dass ein Haus geatmet hatte. In seiner Tasche trug er einen runden Kiesel, den Wasser und Zeit geglättet hatten. Wenn jemand von Stärke sprach, legte Siegfried den Stein in dessen Hand. Fast immer wurde der Mensch dann still.

Nach einem Überfall auf das Tal beschlossen die Bewohner, eine Schutzmauer zu errichten. Siegfried entwarf Tore, durch die Wagen, Licht und Besucher weiterhin eintreten konnten. Doch in der ersten Nacht wuchs die Mauer von selbst. Am Morgen war sie eine Handbreit höher. Am zweiten Tag waren die Fensteröffnungen verschwunden. Am dritten ließ sich das Nordtor kaum noch bewegen.

Die Bewohner waren erleichtert. Je höher die Mauer wurde, desto sicherer fühlten sie sich. Nur Siegfried hörte nachts ein Schaben im Stein, als würde etwas von innen weiterbauen. Er schlug eine kleine Öffnung hinein. Bis zum Morgen hatte sie sich geschlossen.

Bald fiel kein Sonnenlicht mehr ins Tal. Die Gärten wurden blass, die Menschen misstrauisch. Wer vor dem Tor stand, galt als Gefahr. Auch Briefe wurden nicht mehr hereingelassen. Siegfried fand einen davon zwischen den Steinen. Er stammte von seiner Schwester, mit der er seit Jahren nicht gesprochen hatte. Sie bat ihn, zu ihrer Hochzeit zu kommen.

Siegfried steckte den Brief ungelesen ein. Er sagte sich, jetzt sei nicht die Zeit. In Wahrheit fürchtete er ihre Frage, warum er damals fortgegangen war, ohne sich zu verabschieden. In derselben Nacht wuchs die Mauer bis über den Kirchturm. Da verstand Siegfried: Sie wurde nicht nur von der Angst des Tales genährt. Auch seine eigene unausgesprochene Schuld lag in jedem Stein.

Er rief die Bewohner zusammen und verlangte, ein Tor zu öffnen. Niemand wollte ihm helfen. Sicherheit, sagten sie, habe ihren Preis. Siegfried antwortete: Was uns vor allem schützt, sperrt uns am Ende auch von allem ab. Dann begann er allein, Steine aus der Mauer zu lösen.

Mit jedem Stein kam eine Erinnerung zum Vorschein, die jemand hatte einschließen wollen: ein alter Verrat, eine Krankheit, ein Abschied, ein fremdes Gesicht. Die Bewohner sahen, dass die Mauer aus ihren Ängsten gebaut war. Einige liefen fort. Andere nahmen Werkzeuge. Bis zum Abend entstand eine schmale Öffnung.

In der Nacht drückte die Mauer von beiden Seiten dagegen. Siegfried stellte sich in den Spalt und hielt den Bogen, während die anderen das erste Tor einsetzten. Der runde Kiesel fiel aus seiner Tasche. Ein Kind hob ihn auf und legte ihn in die unterste Fuge. Das Schaben verstummte.

Am Morgen trat der erste Lichtstrahl durch das neue Tor. Siegfried setzte sich davor und las den Brief seiner Schwester. Dann schrieb er eine Antwort. Er erklärte nicht alles. Er schrieb nur die Wahrheit: Ich bin fortgegangen, weil ich mich schämte. Ich möchte kommen, wenn du mich noch sehen willst.

Die Mauer blieb stehen, aber sie wuchs nicht mehr. Sie hatte Tore, Fenster und einen Weg für jene, die anklopften. Siegfried wusste nun: Schutz ist notwendig. Doch eine Grenze, die niemals geöffnet werden darf, ist kein Schutz mehr. Sie ist ein Gefängnis, das Angst für Vernunft hält.

Das Alte stürzt,es ändert sich die Zeit,und neues Leben blüht aus den Ruinen.
Friedrich Schiller, Wilhelm Tell