
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Sophie Sidonie von Eibenruh
Die Hüterin der sieben Lichter
Im Eibenwald sammelt etwas die Stimmen der Toten. Sophie folgt einer alten Familienregel – bis sie erkennt, dass nicht nur ausgesprochene Namen, sondern auch verschwiegenes Leid die Dunkelheit nährt.
Die siebte Kerze von Eibenruh
Am Rand des Eibenwaldes stand ein Haus, in dem während der ersten Frostnacht sieben Kerzen brannten. Nach dem letzten Glockenschlag durfte niemand einen Namen aussprechen. Wer aus dem Wald gerufen wurde, musste schweigen. In Sophie Sidonies Familie galt diese Regel seit Jahrhunderten. Niemand erklärte sie. Angst, die oft genug vererbt wird, braucht irgendwann keine Begründung mehr.
Als Kind hatte Sophie einmal die Stimme ihrer Mutter zwischen den Bäumen gehört, obwohl die Mutter neben ihr im Zimmer schlief. Am nächsten Morgen fehlte im Familienbild das Gesicht einer Tante. Niemand sprach darüber. Die Großmutter hängte das Bild ab und sagte nur: Sechs Kerzen sind für die Lebenden. Die siebte ist für das, was unseren Namen will.
Viele Jahre später kehrte Sophie nach Eibenruh zurück. Das Haus war leer, doch auf dem Tisch standen sieben neue Kerzen. Im verschlossenen Westzimmer fand sie die Tagebücher der Frauen ihrer Familie. Jede hatte vom Wald geschrieben. Jede hatte ein Kind, eine Schwester oder einen Geliebten verloren. In keinem Tagebuch stand, was danach mit den Überlebenden geschah. Die Seiten endeten stets dort, wo die Scham begann.
In der ersten Frostnacht verschwand Jonas, ein Junge aus dem Dorf. Seine Spuren führten zum alten Brunnen unter den Eiben. Sophie nahm die Kerzen und den rostigen Schlüssel ihrer Großmutter. Als sie den Wald betrat, rief zunächst ihre Mutter. Dann ihr Vater. Schließlich hörte sie ihre eigene Kinderstimme: Du hast gesehen, wie die Tante fortging. Du hast geschwiegen.
Sophie blieb stehen. Die Erinnerung kehrte zurück. Damals hatte die Tante am Fenster geklopft und um Einlass gebeten. Die Erwachsenen hatten Sophie verboten zu öffnen. Am Morgen war sie verschwunden. Sophie hatte sich ihr Leben lang eingeredet, Gehorsam habe sie unschuldig gemacht. Nun wusste der Wald von ihrer Schuld.
Am Brunnen saß Jonas in einem Kreis aus schwarzen Pilzen. Hinter ihm stand eine Gestalt ohne Gesicht. Sie sprach mit den Stimmen aller Verlorenen. Sag deinen vollständigen Namen, flüsterte sie, dann gebe ich dir den Jungen und auch deine Tante zurück. Sophie stellte die sieben Kerzen auf den Stein. Eine nach der anderen entzündete sie.
Die Gestalt zeigte ihr die Tante im Westzimmer, jung und frierend. Sie sagte: Deine Familie hat mich nicht gerettet, weil sie ihre Regel mehr liebte als mich. Sophie wusste nicht, ob sie eine Erinnerung, eine Lüge oder beides sah. Das war das Grauen des Waldes: Er erfand nichts. Er verdrehte nur das Wahre, bis Schuld jede Richtung nahm.
Sechs Flammen erloschen. Die siebte blieb. Sophie hätte schweigen können, wie es die Familie verlangte. Doch sie begriff, dass das Schweigen den Wald ebenso genährt hatte wie die Namen. Er lebte von allem, was aus Angst nicht ausgesprochen wurde.
Sophie sagte nicht ihren Namen. Sie sagte die Namen der Verlorenen. Einen nach dem anderen las sie aus den Tagebüchern vor. Bei jedem Namen schrie die Gestalt mit einer anderen Stimme. Die Eiben bogen sich, und aus dem Brunnen stieg ein Geruch nach kalter Erde. Jonas kroch auf das siebte Licht zu.
Als Sophie den Namen ihrer Tante nannte, erschien deren Gesicht in der Dunkelheit. Es war nicht jung. Es war gezeichnet von den Jahren, die ihr genommen worden waren. Sie sagte: Du warst ein Kind. Aber jetzt bist du diejenige an der Tür. Öffne sie.
Sophie schlug den Schlüssel gegen den Brunnenstein. Der Deckel sprang nicht zu, sondern auf. Unter ihm lagen keine Gebeine. Dort lagen Hunderte gestohlener Stimmen, zusammengerollt wie schwarzer Rauch. Sie schossen in den Himmel, fuhren durch die Bäume und kehrten zu den Namen zurück, denen sie gehört hatten. Die gesichtslose Gestalt brach in sich zusammen.
Sophie führte Jonas heim. Im Haus öffnete sie das Westzimmer und hängte die Familienbilder wieder auf, auch jene mit den verschwundenen Gesichtern. Von da an brannten in Eibenruh noch immer sieben Kerzen. Doch die neue Regel lautete: Nach Mitternacht antwortet niemand einer Stimme aus dem Wald. Am Morgen aber werden alle Namen ausgesprochen.
Manche Frostnächte sind seither still. In anderen hört Sophie tief zwischen den Eiben ihre eigene Stimme. Sie sagt dann Dinge, die nur Sophie wissen kann. Die siebte Flamme neigt sich, obwohl kein Wind im Zimmer ist. Sophie antwortet nicht. Sie wartet auf den Morgen. Denn sie weiß nun: Mut besteht nicht darin, ohne Angst zu leben. Er besteht darin, der Angst weder die eigene Stimme noch die Wahrheit zu überlassen.
Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.Johann Wolfgang von Goethe
