Theodor von Frauenstein auf einem Bergpfad im Abendlicht

AUS DER WELT DER WOLLWESEN

Theodor von Frauenstein

Der Finder des eigenen Weges

Theodor zeigt anderen den nächsten sicheren Schritt. Für sein eigenes Leben sucht er jedoch einen Weg, auf dem keine Entscheidung etwas kostet.

Die Karte mit dem fehlenden Weg

Theodor von Frauenstein besaß Karten von fast jedem Berg. Er kannte Quellen, Schutzhütten und jene Stellen, an denen ein Weg nach Regen unzuverlässig wurde. Die Menschen kamen zu ihm, wenn sie nicht wussten, wohin sie gehen sollten. Theodor zeigte ihnen den nächsten sicheren Schritt. Dabei bemerkte niemand, dass er selbst seit Jahren an derselben Weggabelung stand.

Zwei Täler hatten ihm eine Aufgabe angeboten. Im einen sollte er die alten Pfade bewahren. Im anderen neue Wege erschließen. Theodor fürchtete, mit jeder Entscheidung ein mögliches Leben zu verlieren. Deshalb erklärte er sich noch nicht bereit, prüfte weiter Karten und nannte sein Zögern Sorgfalt.

Eines Morgens erschien auf seiner ältesten Karte ein Weg, der am Vorabend nicht dort gewesen war. Er führte über den Abendgrat und endete an einer weißen Stelle. Daneben stand: Hier findest du, was du nicht wählen willst. Theodor nahm seinen roten Umhang und machte sich auf den Weg.

Der neue Pfad war zunächst leicht. Dann teilte er sich. Links sah Theodor ein Haus voller vertrauter Bücher und Menschen, die ihn brauchten. Rechts lag ein offenes Tal, in dem niemand seinen Namen kannte. Beide Wege wirkten vollkommen. Theodor setzte sich zwischen sie und wartete auf ein Zeichen.

Die Dämmerung kam. Die schönen Bilder begannen zu verblassen. Das Haus links wurde zu einem Raum, in dem alle Entscheidungen von Theodor abhingen. Das Tal rechts verwandelte sich in eine endlose Ebene ohne Bindung. Da erkannte er, dass die Karte nicht seine Möglichkeiten zeigte, sondern seine Ängste: auf der einen Seite gefangen zu sein, auf der anderen bedeutungslos.

Hinter ihm löste sich der Rückweg im Nebel auf. Theodor musste wählen. Er nahm den linken Pfad, weil er ihm vertrauter war. Nach wenigen Schritten brach der Boden ein. Er rutschte in eine Felsspalte und verlor die Karte. Sein roter Umhang blieb an einem Ast hängen und leuchtete weit über den Grat.

Eine junge Hirtin sah das Rot und fand ihn. Sie zog ihn nicht sofort heraus. Zuerst fragte sie, warum er allein auf einem unmarkierten Weg unterwegs sei. Theodor schämte sich. Dann erzählte er von seiner Entscheidung. Die Hirtin sagte: Du suchst einen Weg, der dir nichts nimmt. Einen solchen Weg gibt es nicht.

Gemeinsam stiegen sie aus der Spalte. Die Karte war fort. Theodor sah zum ersten Mal nicht auf das Papier, sondern in die wirkliche Landschaft. Er wusste plötzlich, welches Tal er wählen wollte. Nicht weil es sicherer war, sondern weil er dort etwas lernen konnte, das er noch nicht beherrschte.

Am nächsten Tag sagte Theodor dem alten Tal ab und dem neuen zu. Die Enttäuschung der einen und seine eigene Trauer über den Abschied machten die Entscheidung nicht falsch. Sie machten sichtbar, dass sie etwas bedeutete. Theodor nahm den roten Umhang mit. Die Karten ließ er nicht zurück. Doch an ihrer ersten Seite schrieb er: Ein Wegweiser kann dir zeigen, wohin ein Pfad führt. Er kann dir nicht abnehmen, welches Leben du wählen willst.

Der Worte sind genug gewechselt,lasst mich auch endlich Taten sehn!
Johann Wolfgang von Goethe