
AUS DER WELT DER WOLLWESEN
Ulrike von Bergheim
Die Wolkenleserin
Ulrike liest die Zeichen des Himmels. Nach einer falschen Vorhersage muss sie lernen, Verantwortung zu tragen, ohne aus Unsicherheit eine Gewissheit zu machen.
Der Himmel, der nicht gehorchte
Ulrike von Bergheim las Wolken, Wind und das Verhalten der Schwalben. Die Bewohner fragten sie, bevor sie Heu einbrachten, Feste planten oder einen Bergweg nahmen. Ulrike sagte stets, sie könne den Himmel nicht beherrschen. Dennoch merkten sich die Menschen vor allem jene Tage, an denen ihre Vorhersage stimmte.
Vor dem großen Sommerfest sah Ulrike einen silbernen Rand unter den Wolken. Sie roch nassen Stein und hörte Wind aus der Schlucht. Sie ließ die Tische in die Scheune tragen. Am Abend fiel kein Tropfen. Der Himmel wurde klar, und einige Bewohner spotteten, Ulrike habe ihnen den schönsten Festplatz verdorben.
Im nächsten Monat plante ein Bauer die Heuernte. Wieder sah Ulrike Zeichen für Regen. Diesmal schwieg sie länger. Sie wollte nicht noch einmal die Ängstliche sein. Schließlich sagte sie, der Tag werde halten. Kurz nach Mittag brach ein Gewitter los. Ein Teil des Heus wurde zerstört, und der jüngste Helfer verletzte sich auf dem nassen Hang.
Ulrike gab sich die ganze Schuld. Sie schloss ihr Wetterheft weg und beantwortete keine Fragen mehr. Ohne ihre Hinweise gingen die Bewohner eigene Risiken ein. Manche warfen ihr nun vor, sie lasse das Dorf im Stich. Ulrike fühlte sich in beiden Rollen schuldig: wenn sie sprach und wenn sie schwieg.
Eines Abends zog eine dunkle Wolkenwand über den Grat. Ein kleines Wollwesen war noch oben, um eine Wimpelkette zu holen. Alle sahen Ulrike an. Sie kannte die Zeichen, aber sie wusste nicht, wie schnell das Gewitter kommen würde. Früher hätte sie eine sichere Behauptung gemacht. Nun sagte sie: Ich weiß es nicht genau. Ich sehe Gefahr. Wir gehen mit Seil und drei Leuten.
Sie fanden das Wesen unter einem Felsvorsprung. Der Wind war stark, doch das Gewitter zog seitlich am Tal vorbei. Auf dem Rückweg sagte einer der Helfer: Also war es wieder falscher Alarm. Ulrike blieb stehen. Nein, sagte sie. Eine Gefahr, die nicht eintritt, beweist nicht, dass Vorsicht falsch war.
In der Scheune öffnete sie ihr Wetterheft. Sie trug auch den Tag der misslungenen Heuernte ein. Daneben schrieb sie nicht Versagen, sondern: Ich wusste zu wenig und wollte trotzdem sicher klingen. Das war ihr wirklicher Fehler.
Von da an gab Ulrike keine Vorhersagen mehr ohne Unsicherheit. Sie sagte: Ich halte Regen für wahrscheinlich. Oder: Die Zeichen widersprechen einander. Die Bewohner mussten selbst entscheiden, welches Risiko sie tragen wollten. Anfangs mochten viele diese Antworten nicht. Sie hatten lieber eine Gewissheit, selbst wenn sie falsch war.
Mit der Zeit lernten sie, dass Klugheit nicht darin besteht, immer recht zu haben. Sie besteht darin, aufmerksam zu beobachten, Zweifel auszusprechen und dennoch rechtzeitig zu handeln. Ulrike blieb Wolkenleserin. Aber sie trug den Himmel nicht mehr allein auf ihren Schultern.
Wo aber Gefahr ist,wächst das Rettende auch.Friedrich Hölderlin, Patmos
