Eine Begegnungsgeschichte

Der Ehrengast

Albrecht kehrt als Ehrengast in sein früheres Hotel zurück und beansprucht plötzlich seine alte Autorität.

Geschichten mit diesen Wollwesen
Albrecht von Bredow und Theodor von Frauenstein sprechen nachts am Empfang des Hotels.
Wer in dieser Geschichte vorkommt

Der Ehrengast

Als Albrecht von Bredow am frühen Freitagabend vor dem Hotel aus dem Wagen stieg, standen sechs Angestellte in einer Reihe vor dem Eingang. Der Direktor begrüßte ihn mit einer kleinen Ansprache, die zwei Mal das Wort Tradition und drei Mal das Wort unvergessen enthielt. Hinter ihm hielt ein junger Page ein Kissen, auf dem ein alter Zimmerschlüssel lag. Am Schlüssel hing eine goldene Quaste, die so groß war, dass sie vermutlich ein eigenes Zimmer benötigt hätte.

Albrecht nahm die Begrüßung mit vollkommener Haltung entgegen. Er war einundachtzig Jahre alt und hatte dieses Haus beinahe fünfzig Jahre lang geführt. Vor seinem Ruhestand hatte er gewusst, welche Treppenstufe im zweiten Stock knarrte, welcher Stammgast die Zeitung nur las, wenn sie bereits gebügelt war, und welcher Kellner bei einer Beschwerde stets ein wenig zu freundlich wurde. Nun wohnte Albrecht seit einiger Zeit freiwillig in einem vornehmen Haus am Rand eines Parks. Er war mit seinem neuen Leben zufrieden. Gerade deshalb wollte er nicht behandelt werden, als sei er aus einer entfernten Vergangenheit angereist.

Das Hotel feierte an diesem Wochenende sein hundertjähriges Bestehen. Die neue Direktion hatte Albrecht als Ehrengast eingeladen und ihm versprochen, er werde nichts tun müssen, außer sich verwöhnen zu lassen. Dies war freundlich gemeint und daher schwer abzulehnen. Albrecht hatte zugesagt, weil er das Haus wiedersehen wollte, nicht weil er sich nach einer goldenen Quaste sehnte.

In der Halle bemerkte Albrecht sofort, dass man die Möbel nach einer alten Fotografie umgestellt hatte. Die großen Sessel standen wieder in jenem Halbkreis, den Albrecht vor dreißig Jahren hatte auflösen lassen, weil darin jeder Gast mit jedem anderen sprechen musste, mochte er nun wollen oder nicht. Auf dem Empfangstisch lag ein Gästebuch, obwohl die Anmeldungen längst am Bildschirm vorgenommen wurden. Sogar die kleine Glocke war zurückgekehrt, die früher nur deshalb so oft geläutet hatte, weil niemand sie rechtzeitig fortnahm.

Die Angestellten nannten ihn Herr Direktor. Albrecht korrigierte den ersten, überhörte den zweiten und lächelte beim dritten so verbindlich, dass der junge Mann augenblicklich verstummte.

Die Direktion hatte dem Personal eingeschärft, an diesem Wochenende jeden Wunsch des Ehrengastes zu erfüllen. Ein solcher Auftrag klingt großzügig, bis der Ehrengast den ersten unvernünftigen Wunsch äußert.

Nur der Nachtportier, der seinen Dienst ungewöhnlich früh angetreten hatte, sagte: „Willkommen, Herr von Bredow.“

Theodor von Frauenstein stand hinter dem Empfang und trug den dunklen Rock des Hauses. Er war seit zwölf Jahren für die Nachtstunden zuständig und hatte Albrecht nie als Vorgesetzten erlebt. Wegen der Jubiläumsfeier hatte er seinen Dienst an diesem Abend zwei Stunden früher begonnen. Sein Gruß war höflich, aber ohne jene feierliche Wärme, die den anderen an diesem Abend so sichtbar Mühe bereitete. Theodor reichte Albrecht die Schlüsselkarte für die Ehrengastsuite und legte den alten Schlüssel mit der Quaste daneben.

Albrecht betrachtete beides. Er fragte, welches davon die Tür öffne.

Theodor deutete auf die Karte. Der Schlüssel sei für die Erinnerung vorgesehen, erklärte er.

„Dann wird er vermutlich besser verwahrt als benutzt“, sagte Albrecht.

Theodor nahm den Schlüssel samt Kissen an sich. Zum ersten Mal an diesem Abend hatte Albrecht das Gefühl, einen Satz nicht eigens für die Feier sprechen zu müssen. Dennoch missfiel ihm die Ruhe des Nachtportiers. Ein wenig Anteilnahme, dachte Albrecht, wäre auch ohne einstudierte Erinnerungen möglich gewesen.

Die Ehrengastsuite lag im ersten Stock. Auf dem Tisch standen die Blumen, die Albrecht früher für besondere Gäste hatte bestellen lassen. Im Kasten hing ein dunkelgrüner Morgenrock in seiner Größe. Neben dem Bett lag die damalige Hausordnung in einem neuen Ledereinband. Selbst die Seife duftete nach jener Sorte, die man vor vielen Jahren verwendet hatte und die Albrecht schon damals für zu aufdringlich gehalten hatte.

Er öffnete das Fenster. Unten im Hof schob ein Küchenjunge eine Reihe leerer Kisten zur Seite. Aus der Wäscherei kam eine Frau mit einem Korb frischer Tücher. Das Hotel arbeitete weiter, unbeachtet von der Feier, und dieser Anblick beruhigte ihn mehr als alles, was man für ihn vorbereitet hatte.

Beim Abendessen setzte sich Albrecht an den Tisch, der früher für die Direktion reserviert gewesen war. Der Speisezettel enthielt ausschließlich Gerichte aus seiner Zeit. Ein Kellner empfahl ihm mit unsicherer Stimme die Suppe, die Albrecht vor fünfundzwanzig Jahren aus dem Angebot genommen hatte. Als er nach dem Grund fragte, antwortete der Mann beinahe wörtlich mit einer Formulierung aus dem gedruckten Festprogramm.

Albrecht bestellte die Suppe. Sie war ausgezeichnet, was ihn auf eine Weise ärgerte, die er sich selbst nicht erklären wollte.

Nach dem Essen wurde in der Halle ein kleines Orchester erwartet. Während die Angestellten Notenständer aufstellten, erschien ein älteres Ehepaar am Empfang. Die beiden waren am Nachmittag angereist und wollten in ihr Zimmer zurückkehren. Ihre Karte öffnete die Tür jedoch nicht. Das Gepäck stand noch neben dem Empfang, wo der Page auf eine klare Zimmerangabe wartete.

Theodor überprüfte die Buchung und stellte fest, dass die Karte nicht richtig codiert worden war. Er stellte eine neue aus und nannte dem Pagen das im aktuellen System verzeichnete Zimmer.

Albrecht hatte das Gespräch von seinem Sessel aus verfolgt. Die Verwechslung war klein, doch sie traf ihn an einer empfindlichen Stelle. Den ganzen Abend hatte man seine frühere Ordnung gefeiert; nun schien ausgerechnet an seinem Wochenende nicht einmal eine Zimmerkarte verlässlich zu sein. Er trat an den Empfang und sah auf den historischen Zimmerplan, der neben dem Bildschirm lag.

Zu seiner Zeit, erklärte Albrecht, habe die betreffende Nummer zum größeren Zimmer am Ende des Ganges gehört. Wenn man schon die alte Ordnung wiederherstelle, müsse man sie auch einhalten. Er wies den Pagen an, das Gepäck dorthin zu bringen.

Theodor sagte, das Zimmer am Ende des Ganges sei noch nicht hergerichtet.

Albrecht erwiderte, dann könne das Ehepaar einstweilen im Salon warten.

„Der alte Plan beherbergt Erinnerungen“, sagte Theodor. „Unsere Gäste wohnen im heutigen Hotel.“

Albrecht hörte den feinen Widerspruch, doch hinter ihm warteten das Ehepaar und zwei weitere Gäste. Er bestand darauf, dass seine frühere Einteilung die bessere sei. Der Page erinnerte sich an die Anweisung der Direktion, nahm die Koffer und trug sie zum Ende des Ganges.

Wenige Minuten später kam er zurück. Das Zimmer war noch nicht gereinigt, die Betten waren nicht bezogen, und auf dem Tisch standen die Blumen für den Empfang des nächsten Tages. Das ältere Ehepaar wurde unruhig. Der Direktor eilte herbei. Zwei Angestellte begannen gleichzeitig zu erklären, wie die alte Nummerierung mit der neuen zusammenhing.

Theodor unterbrach niemanden. Er gab dem Ehepaar die neue Karte und ließ das Gepäck in jenes Zimmer bringen, das von Anfang an für sie vorgesehen gewesen war. Die Sache dauerte sieben Minuten. Sie hätte drei gedauert, wenn Albrecht sich nicht eingemischt hätte.

Der Direktor versicherte ihm, der Fehler habe nichts mit seinen früheren Anweisungen zu tun. Gerade diese Versicherung machte alles schlimmer. Albrecht kehrte in seinen Sessel zurück und hörte dem Orchester zu. Die Musiker spielten Stücke, die er angeblich besonders geliebt hatte. Zwei davon kannte er nicht.

Kurz nach Mitternacht ging Albrecht hinunter in die Halle. Das Fest war beendet, auf mehreren Tischen warteten leere Gläser, und die letzten Musiker hatten das Haus verlassen. Theodor arbeitete allein. Er ordnete die Weckaufträge für den Morgen und prüfte die Anreisen des nächsten Tages.

Albrecht blieb vor dem Empfang stehen. Er sagte, Theodor habe ihn am Abend vor den Gästen zurechtgewiesen.

Theodor schloss das Verzeichnis. Er antwortete, er habe verhindern wollen, dass Gepäck in ein nicht hergerichtetes Zimmer gebracht werde.

Albrecht erklärte, darum gehe es nicht. Theodor habe sich seit seiner Ankunft geweigert, an der Ehrung teilzunehmen. Er habe den alten Schlüssel fortgelegt, keine Erinnerung erzählt und bei jeder Gelegenheit gezeigt, wie wenig er von der Veranstaltung halte.

Theodor sah ihn ruhig an. Dann sagte er, er könne sich an Albrechts Zeit in diesem Haus nicht erinnern, weil er damals nicht hier gearbeitet habe. Man habe ihm am Vormittag drei Begebenheiten aufgeschrieben, die er dem Ehrengast erzählen sollte. Zwei davon hätten andere Männer erlebt. Die dritte sei nachweislich nie geschehen.

Albrecht fragte, weshalb Theodor das nicht früher gesagt habe.

„Weil Sie als Gast gekommen sind“, antwortete Theodor. „Nicht als Verbündeter gegen Ihre eigene Feier.“

Theodor erklärte, die Direktion habe das ganze Wochenende nach alten Dienstplänen, Speisezetteln und Fotografien eingerichtet. Niemand habe gefragt, ob Albrecht diese Zeit zurückhaben wolle. Man habe nur angenommen, ein alter Mann müsse sich über alles freuen, was noch älter sei als er.

Albrecht setzte sich in den nächsten Sessel.

Theodor blieb hinter dem Empfang. Er sprach weder tröstend noch anklagend. Er sagte lediglich, das Haus habe sich verändert. Manche Veränderungen seien vernünftig gewesen, andere nicht. Albrecht dürfe sie beurteilen. Aber solange man ihm nur zeige, was er früher selbst angeordnet habe, könne er das heutige Hotel nicht sehen.

Albrecht betrachtete die leeren Gläser. Er dachte an die Suppe, an die eingeübten Sätze und an das Gepäck, das auf sein Wort hin durch den Gang getragen worden war. Die Angestellten hatten ihn den ganzen Tag behandelt, als besitze er noch immer jede Vollmacht. Er hatte sich darüber geärgert und sie beim ersten Fehler dennoch benutzt.

Er fragte Theodor, ob die Zimmerverwechslung ohne ihn rascher gelöst worden wäre.

Theodor antwortete, die Wahrheit sei in Hotels selten unhöflich, solange man sie leise ausspreche. Dann bestätigte er, dass drei Minuten genügt hätten.

Albrecht nickte. Mehrere Menschen hatten ihm an diesem Tag versichert, er habe nichts falsch gemacht. Theodor war der Erste, der ihm damit eine wirkliche Höflichkeit erwies.

Auf dem Empfang lag das Programm für den nächsten Morgen. Nach einem Frühstück nach historischem Vorbild sollte Albrecht eine Ansprache halten. Anschließend war eine Führung vorgesehen, bei der ihm jene Räume gezeigt werden sollten, die er selbst viele Jahre lang täglich betreten hatte.

Albrecht nahm das Blatt und strich mit dem Finger über die einzelnen Punkte. Er sagte, er werde die Ansprache halten. Theodor hob den Blick, äußerte sich jedoch nicht.

Am nächsten Morgen waren die Tische wieder nach der alten Ordnung gedeckt. Der Direktor stand neben einem kleinen Rednerpult, und die Angestellten hatten sich im hinteren Teil des Saales versammelt.

Albrecht trat vor das Pult. Er dankte für die Sorgfalt, mit der man seine frühere Zeit im Haus wiederhergestellt habe. Danach erklärte er, diese Zeit sei vorüber. Die alten Speisen dürften bleiben, sofern die Küche sie gern zubereite. Die alten Zimmernummern sollten noch vor dem Mittagessen verschwinden. Niemand müsse ihn Herr Direktor nennen, und die vorbereitete Führung falle aus. Er wolle stattdessen das Hotel so sehen, wie es heute geführt werde.

Im Saal wurde es still. Der Direktor setzte zu einer Antwort an, doch Albrecht bat ihn, zuerst die wartenden Gäste frühstücken zu lassen. Ein Hotel, sagte er, sei kein Denkmal für seine früheren Leiter. Es sei ein Haus für Menschen, die gerade angekommen seien.

Damit verließ er das Pult und setzte sich an einen freien Tisch am Fenster. Noch während des Frühstücks wurden die historischen Zimmerpläne entfernt. Die Angestellten legten ihre eingeübten Erinnerungen beiseite und sprachen wieder in ihren eigenen Sätzen.

Theodor beendete um neun Uhr seinen Nachtdienst. Bevor er ging, trat er an Albrechts Tisch und fragte, ob nun alles in Ordnung sei. Albrecht sah in die Halle, wo die Angestellten ohne Festprogramm arbeiteten. Dann erklärte er, das Hotel werde den Vormittag vermutlich auch ohne einen früheren Direktor und einen übernächtigten Nachtportier überstehen. Theodor wünschte ihm einen angenehmen Aufenthalt und ging.

Danach bestellte Albrecht die Suppe für das Abendessen noch einmal. Sie war schließlich ausgezeichnet, und ein vernünftiger Mensch durfte seine Meinung ändern, ohne deshalb gleich seine Grundsätze aufzugeben.