Eine Begegnungsgeschichte

Der Besuchsplan

Fräulein von Altendorff sagt heimlich Albrechts Besuche ab, um ihn vor Erschöpfung zu schützen.

Geschichten mit diesen Wollwesen
Albrecht von Bredow und Fräulein von Altendorff sprechen im dunklen Salon über den Besuchsplan
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Der Besuchsplan

Albrecht von Bredow war einundachtzig Jahre alt, als er beschloss, in das vornehme Haus am Rand eines großen Parks zu ziehen. Er tat es freiwillig und sagte dies jedem, der ihn nicht danach fragte. Ein Mann, der beinahe fünfzig Jahre lang ein Hotel geführt hatte, wollte nicht den Eindruck erwecken, jemand habe über seine Unterbringung entschieden.

Er bezog zwei helle Zimmer im ersten Stock, eines zum Schlafen und eines zum Empfangen. Schon am zweiten Tag ließ er den kleinen Tisch näher ans Fenster stellen, verlangte dünnere Kaffeetassen und erklärte dem Hausmeister, die Lampe im Vorzimmer beleidige jeden Menschen, der unter ihr warten müsse. Der Hausmeister wechselte die Glühbirne. Albrecht bedankte sich mit jener ruhigen Höflichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass er die Änderung ohnehin erwartet hatte.

Fräulein von Altendorff leitete damals zum ersten Mal die Pflege eines ganzen Stockwerks. Sie war eine schlanke, aufrechte Dame, deren zurückhaltende Freundlichkeit leicht mit Nachgiebigkeit verwechselt wurde. Dieser Irrtum dauerte gewöhnlich nicht lange. Sie achtete darauf, dass die Bewohner selbst bestimmten, wann ihre Türen offen standen, welche Hilfe sie annahmen und wen sie empfingen. Gerade deshalb bemerkte sie früh, wie wenig Albrecht von Bredow imstande war, einem Besucher die Tür zu weisen.

Zunächst kamen frühere Angestellte seines Hotels. Danach erschienen frühere Gäste, die von seinem neuen Aufenthalt gehört hatten. Eine verwitwete Dame wollte wissen, ob sie eine langjährige Haushälterin entlassen dürfe, die sie nicht mehr ertrug, aber täglich vermisste, sobald diese frei hatte. Ein ehemaliger Oberkellner bat um Rat wegen seines Sohnes. Zwei Schwestern, die ein kleines Gasthaus führten, stritten über die Speisekarte und gingen mit einer neuen Aufgabenverteilung fort. Albrecht hörte jedem aufmerksam zu. Er stellte wenige Fragen, vergaß keine Antwort und besaß die seltene Gabe, einen Menschen auf einen Irrtum hinzuweisen, ohne ihm das Vergnügen zu nehmen, ihn selbst entdeckt zu haben.

Nach einer Woche war sein Besuchsplan beinahe ganz gefüllt.

Fräulein von Altendorff fand Albrecht eines Abends noch im Empfangszimmer. Der Kaffee war kalt geworden, das Abendessen stand unberührt auf einem Beistelltisch, und Albrecht begleitete gerade einen früheren Gast zur Tür. Er wartete, bis die Schritte im Gang verklungen waren, setzte sich und schloss für einen Augenblick die Augen.

Altendorff schob ihm den Teller näher. Sie sagte, er habe an diesem Tag sechs Menschen empfangen und das Mittagessen versäumt.

Albrecht öffnete die Augen. Er erklärte, fünf Besucher seien angemeldet gewesen; der sechste habe eine schwere Entscheidung mitgebracht. Entscheidungen, fügte er hinzu, hielten sich leider selten an Besuchszeiten.

Fräulein von Altendorff erwiderte, auch ein dringender Entschluss könne warten, bis eine Suppe gegessen sei. Albrecht begann zu essen. Nach dem dritten Löffel erzählte er ihr von den beiden Schwestern und ihrer Speisekarte. Nach dem fünften bemerkte er ihren Blick, schwieg und aß weiter.

Am nächsten Morgen legte Fräulein von Altendorff einen neuen Besuchsplan auf seinen Schreibtisch. Für jeden Tag waren zwei Termine am Vormittag und zwei am Nachmittag vorgesehen. Dazwischen blieben die Stunden frei.

Albrecht betrachtete die Einteilung und nannte sie übersichtlich. Dann trug er in das erste freie Feld zwei Namen ein. In das zweite schrieb er drei. Altendorff sagte nichts. Sie nahm den Plan mit in das Dienstzimmer und brachte ihn eine Stunde später zurück. Neben jedem Feld stand nun in kleiner Schrift: höchstens ein Besuch.

Albrecht lächelte. Er strich den Zusatz nicht durch.

In den folgenden Tagen hielt er sich ungefähr an die Einteilung. Ein Gespräch dauerte länger, ein Gast brachte seine Schwester mit, ein anderer erschien eine Stunde zu früh und blieb dennoch bis zur vereinbarten Zeit. Albrecht nahm die Unordnung mit Gelassenheit hin. Wer viele Jahre ein Hotel geführt hatte, wusste, dass Pläne vor allem dazu dienten, die Abweichungen besser erkennen zu können.

Fräulein von Altendorff erkannte etwas anderes: Am Abend wurde Albrechts Stimme leiser. Zweimal ließ er den Kaffee stehen. Einmal verwechselte er die Namen zweier Gäste, was ihn mehr beunruhigte, als er zugab. Sie erinnerte ihn an die freien Stunden. Er versprach, sie am nächsten Tag einzuhalten, und nahm noch am selben Abend einen zusätzlichen Besuch an.

Am Dienstag wartete Albrecht um drei Uhr auf den früheren Oberkellner. Um halb vier ließ er frischen Kaffee bringen. Um vier schickte er ihn zurück. Der Besucher kam nicht.

Am nächsten Morgen blieb eine Dame aus, die seit Jahren jeden wichtigen Familienentschluss zuerst mit Albrecht besprochen hatte. Am Donnerstag erschien auch der ehemalige Portier nicht. Drei Menschen in drei Tagen hatten ihn warten lassen. Das konnte Zufall sein. Albrecht hatte jedoch sein Leben in einem Beruf verbracht, in dem drei gleiche Zufälle bereits eine schlechte Organisation bedeuteten.

Er fragte am Empfang nach. Die junge Angestellte sah in ihrem Verzeichnis nach und erklärte, die Besuche seien abgesagt worden. Fräulein von Altendorff habe mit den Betreffenden gesprochen.

Als Albrecht am Abend Altendorff darauf ansprach, blieb sie ruhig. Die Dame habe selbst verschoben, sagte sie. Der frühere Oberkellner sei an einem anderen Tag ebenso willkommen. Der Portier habe keinen dringenden Anlass genannt.

Albrecht hörte genau hin. Sie nannte für jeden Ausfall einen Grund, sagte jedoch nicht, ob sie selbst abgesagt hatte.

Er widersprach nicht. Am nächsten Vormittag rief er einen früheren Mitarbeiter an und bat ihn, am Freitag um vier Uhr zu kommen. Danach trug Albrecht den Namen und die Zeit deutlich in den Besuchsplan ein. Er bat den Mann, sich den Wortlaut jeder Absage genau zu merken und trotzdem zu erscheinen.

Am Freitag kurz nach Mittag kam Fräulein von Altendorff in sein Zimmer. Sie teilte ihm mit, der angekündigte Besucher habe auf die kommende Woche verschoben. Albrecht fragte, ob der Mann selbst angerufen habe. Altendorff antwortete, die Änderung sei am Empfang vereinbart worden.

Albrecht nickte. Er ließ um halb vier Kaffee für zwei bringen.

Pünktlich um vier erschien der frühere Mitarbeiter. Fräulein von Altendorff hatte ihn am Telefon gebeten, erst in der folgenden Woche zu kommen, weil Herr von Bredow einen ruhigen Nachmittag brauche. Er war dennoch erschienen, wie Albrecht es verlangt hatte. Der Besuch dauerte nur zwanzig Minuten. Sie sprachen über einen jungen Kellner, der seine erste Stelle antreten sollte. Danach verabschiedete Albrecht den Mann und bat Fräulein von Altendorff in sein Zimmer.

Auf dem Tisch lag sein Besuchsplan. Albrecht erklärte, er habe im offenen Dienstzimmer einen zweiten gesehen, und bat Altendorff, ihn zu holen. Sie brachte das Blatt selbst. Darauf standen dieselben Namen, doch daneben fanden sich andere Zeiten und kurze Vermerke: verschoben, nicht dringend, Ruhe, nächste Woche.

Albrecht legte die Hand auf das Papier. Er sagte, sie habe in seinem Namen Menschen abgewiesen.

Altendorff bestritt es nicht. Sie erklärte, sie habe ihn zuerst gebeten, seine Besuche zu begrenzen. Danach habe sie ihn erinnert. Als beides nichts bewirkt habe, habe sie gehandelt. Er habe Mahlzeiten versäumt, kaum geruht und dennoch jeden Menschen empfangen, der seine Sorgen wichtiger fand als Albrechts Kräfte.

„Sie wollen mich schützen“, sagte Albrecht. „Aber Sie haben dabei vergessen, vor wem.“

Fräulein von Altendorff antwortete, sie habe ihn vor seiner eigenen Unfähigkeit bewahren wollen, Nein zu sagen.

Der Satz traf ihn, weil er nicht ganz falsch war. Halbe Wahrheiten sind mitunter schwerer zu ertragen als ganze Lügen; sie lassen dem Stolz zu wenig Platz, sich würdevoll zu verteidigen.

Albrecht stand auf. Er war noch immer groß, doch das Aufstehen verlangte inzwischen einen kurzen Augenblick der Sammlung. Gerade deshalb richtete er sich besonders aufrecht. Er erklärte, von nun an werde kein Besuch mehr ohne seine Zustimmung abgesagt. Der zweite Plan sei sofort aufzugeben. Sollte noch einmal jemand in seinem Namen fortgeschickt werden, werde er das Haus verlassen.

Altendorff sagte, sie habe verstanden. Sie nahm den zweiten Plan an sich und ging.

Am folgenden Morgen ließ Albrecht am Empfang ausrichten, jeder Besucher sei unmittelbar zu ihm zu schicken. Noch vor zehn Uhr kam der frühere Oberkellner, der am Dienstag ausgeblieben war. Er hatte die Absage persönlich genommen und wollte wissen, ob er Albrecht gekränkt habe. Um elf erschien die verwitwete Dame mit einer neuen Sorge wegen ihrer Haushälterin. Nach dem Mittagessen, das Albrecht nur zur Hälfte aß, kamen die beiden Schwestern aus dem Gasthaus. Um vier bat ein früherer Stammgast um Hilfe bei einer heiklen Familienfrage. Kurz vor sechs meldete sich unangekündigt ein Mann, der vor vielen Jahren im Hotel gelernt hatte und nun selbst ein kleines Haus führte.

Fräulein von Altendorff ließ jeden eintreten. Sie brachte Kaffee, öffnete das Fenster und erinnerte Albrecht einmal an sein Abendessen. Als er erklärte, er komme später, widersprach sie nicht.

Der letzte Besucher ging um Viertel nach sieben. Albrecht begleitete ihn nicht mehr bis zur Tür. Er blieb im Sessel sitzen und hörte, wie Fräulein von Altendorff draußen die Tassen auf ein Tablett stellte. Den ganzen Tag hatte sie ihm nicht ein einziges Mal gesagt, er müsse sich schonen. Ihre Zurückhaltung war tadellos und dadurch beinahe unerträglich.

Am nächsten Morgen stand Albrecht früh auf und kleidete sich sorgfältiger als sonst. Am Empfang teilte er mit, er erwarte zwischen zehn und zwölf niemanden. Danach setzte er sich in den kleinen Wintergarten, wo Fräulein von Altendorff gewöhnlich ihre erste kurze Pause machte.

Sie erschien um halb elf. Als sie ihn sah, wollte sie weitergehen, doch Albrecht deutete auf den freien Stuhl. Altendorff setzte sich. Zum ersten Mal seit Tagen mussten sie nicht über einen Namen sprechen, der kommen oder fernbleiben sollte.

Albrecht sagte, sie habe ihn bevormundet. Daran ändere auch ihre gute Absicht nichts. Fräulein von Altendorff stimmte ihm zu. Sie suchte keine Entschuldigung und machte ihre Sorge nicht größer, als sie gewesen war.

Danach erklärte Albrecht, er habe am Vortag beweisen wollen, dass er sehr wohl allein entscheiden könne. Stattdessen habe er fünf Besuche empfangen und keinen einzigen Besucher gefragt, ob die Sache bis Montag warten dürfe. Wer immer für andere Zeit gehabt habe, sagte er, halte Zeit für eine Frage des Anstands. Das sei ein schöner Grundsatz und eine schlechte Tageseinteilung.

Altendorff fragte nicht, ob er nun ihre Regeln anerkenne.

Albrecht schlug vor, künftig selbst höchstens vier Besuche am Tag anzunehmen. Fräulein von Altendorff dürfe ihm sagen, wenn sie einen Termin für unvernünftig hielt. Die Entscheidung bleibe bei ihm. Falls er sie dennoch falsch treffe, dürfe sie ihn am Abend daran erinnern, ohne sich dabei besonderer Milde zu befleißigen.

Altendorff nahm diese Bedingung an. Sie versprach, niemals wieder in seinem Namen abzusagen. Dann fügte sie hinzu, vier Besuche seien an manchen Tagen noch immer zu viele.

Albrecht erwiderte, drei seien an manchen Tagen zu wenige. Damit war die Ordnung wiederhergestellt, denn vernünftige Vereinbarungen erkennt man oft daran, dass keiner sie vollkommen vernünftig findet.

In der folgenden Woche rief am Donnerstag kurz vor fünf ein ehemaliger Gast an. Er müsse Albrecht unbedingt noch am selben Abend sprechen, ließ er ausrichten. Albrecht nahm den Hörer selbst entgegen und hörte eine Weile zu. Dann erklärte er ruhig, eine wichtige Familienfrage verdiene einen ausgeruhten Ratgeber und einen freien Freitagvormittag. Er vereinbarte einen Termin für den nächsten Tag.

Als er auflegte, stand Fräulein von Altendorff am anderen Ende der Halle. Sie hatte das Gespräch nicht belauscht, doch sie sah, dass Albrecht nicht in sein Zimmer zurückging.

Er blieb vor ihr stehen und sagte, im kleinen Salon werde in zehn Minuten Kaffee serviert. Es gebe keinen Besuch und, soweit er wisse, auch keine schwere Entscheidung.

Fräulein von Altendorff ging mit ihm. Der Kaffee war heiß, das Abendessen wurde pünktlich gebracht, und an diesem Abend wartete im ersten Stock kein Mensch vergeblich vor einer verschlossenen Tür.