Wollwesen
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Der letzte Turm

Graf Ferdinand und Fräulein Josephine

Ferdinand wird mit seinem Schloss nicht fertig. Josephine möchte helfen – doch ihre Mauer passt auch nicht.

Ferdinand verlässt das Geschäft mit zwei Paketen: Schloss Neuschwanstein und einem Panzerbausatz.

Der letzte Turm

Wem wir hier begegnen

Seit Fräulein Josephine bei Ferdinand wohnte, wusste sie, dass seine stille Verzweiflung gewöhnlich mit einem sehr höflichen Satz begann. An jenem Nachmittag sagte er zu einem winzigen grauen Baustein, er möge doch bitte bedenken, dass man sich nun seit beinahe einer Stunde miteinander beschäftige. Josephine, die mit ihrem Buch im tiefen Samtsessel am Fenster saß, hob den Kopf. Vor Ferdinand erhob sich auf dem alten Tisch ein halbes Schloss Neuschwanstein, umgeben von offenen Säckchen, einer dicken Bauanleitung und mehreren kleinen Gebilden, deren künftige Verwendung selbst ihm allmählich zweifelhaft erschien. Er betrachtete den Stein, als erwarte er wenigstens eine Erklärung.

Ferdinand betrachtet einen kleinen grauen Baustein; Josephine sitzt mit ihrem Buch neben ihm.

Josephines Bruder hatte sein Schloss in zwei Tagen fertig gebaut. Für solche Modelle besaß er eine Leidenschaft, die ihn stundenlang glücklich zwischen den kleinsten Teilen sitzen ließ. Als Ferdinand das fertige Neuschwanstein sah, gefielen ihm die weißen Mauern und schmalen Türme so sehr, dass er selbst eines haben wollte. Josephine hatte ihm erzählt, dass König Ludwig II. das Schloss erst im neunzehnten Jahrhundert nach seiner Vorstellung einer mittelalterlichen Ritterburg hatte errichten lassen. Ferdinand gefiel der Gedanke, dass hinter all den Türmen einmal eine solche Sehnsucht gestanden hatte; nun wollte er das Bauwerk gern jeden Tag vor sich sehen. Im Geschäft blieb es dann nicht bei diesem einen Wunsch: Zum Schloss kaufte er auch noch einen futuristischen superschweren Panzer zum Zusammenbauen. Als er mit den beiden Schachteln das Geschäft verlassen wollte, hatte die Verkäuferin ihn staunend angesehen. „Das wird aber viel Arbeit werden“, hatte sie gesagt. Ferdinand war davon wenig beeindruckt gewesen; er hatte sich auf einige gemütliche Abende gefreut und die Pakete mit solcher Zufriedenheit nach Hause getragen, dass Josephine ihn schon in der Halle lachend fragte, wo sie künftig essen sollten. Er hatte ihr die Türme auf dem einen Karton und das gewaltige Kettenfahrzeug auf dem anderen gezeigt. Zuerst, hatte er beschlossen, werde das Schloss gebaut. Der Panzer könne warten.

Ferdinand verlässt das Geschäft mit zwei Paketen: Schloss Neuschwanstein und einem Panzerbausatz.

Die zweite Schachtel stand seitdem ungeöffnet in der Bibliothek. Beim Schloss dagegen hatte Ferdinand sich inzwischen mehrmals an die Verkäuferin erinnert. Nach zwei Tagen war er kaum über den Anfang hinausgekommen; nach einer Woche hatte er aufgehört, Josephine zu erzählen, wie weit er bis zum Abend sein werde. Nachdem ihr Bruder sein Schloss fertig gebaut hatte, freute er sich bereits auf das nächste Modell. Ferdinand konnte sich nicht einmal vorstellen, dieses erste zu Ende zu bringen. Dabei gab er sonst so vielen vernünftigen Rat, und nun schaffte er es nicht, einer Anleitung zu folgen, die ihm jeden Schritt zeigte.

Womit Ferdinand nicht gerechnet hatte, war der Zustand seines Tisches. Solange die Steine im Karton lagen, hatten sie ihm Freude gemacht; über die dunkle Holzfläche verstreut, beunruhigten sie ihn. Er konnte kaum nach einem Teil suchen, ohne nebenbei einige andere zusammenzuschieben, und wenn ihm ein Häufchen zu groß wurde, brach er das Bauen ab, um es zu ordnen. Noch ehe ein Mauerstück fertig war, musste die freie Fläche daneben wieder sauber sein. Am Abend räumte er sämtliche losen Teile zurück in die geöffneten Säckchen, auch jene, die er sich für den nächsten Schritt schon zurechtgelegt hatte. Das halbe Schloss blieb stehen. Es machte den Tisch zu voll zum Lesen und war doch viel zu unfertig, um ihn damit schmücken zu können.

Besonders unruhig wurde Ferdinand an den Tagen, an denen Freunde zu Besuch kamen. Er empfing gern Gäste und wollte, dass sie es schön bei ihm hatten: frische Blumen, genügend Platz für die Tassen, ein Salon, in dem man sich behaglich niederlassen konnte. Vor ihrer Ankunft trug er die Säckchen in die Bibliothek, doch das unfertige Schloss wagte er kaum zu bewegen. Auf dem Tisch blieb deshalb nur wenig Platz. Seine Freunde nahmen es freundlich hin; einer fragte sogar interessiert nach den Türmen. Ferdinand erzählte, wie das fertige Modell aussehen werde, und freute sich schon über die Anteilnahme, als sein Blick wieder auf die schief sitzende Mauer fiel. Josephine, die neben ihm saß, bemerkte, wie rasch er danach das Gespräch auf etwas anderes lenkte.

Ferdinand und Josephine schaffen neben dem Schloss Platz für die Teetassen ihrer Gäste.

An diesem Nachmittag ließ sich auch mit Aufräumen nichts mehr ausrichten. Ferdinand hatte eine kleine Mauer dreimal gebaut und zweimal wieder zerlegt. Beim dritten Versuch war etwas entstanden, das überzeugend nach Schloss aussah, sich jedoch an keiner vorgesehenen Stelle befestigen ließ. Josephine legte ihr Buch beiseite und fragte, ob sie es gemeinsam versuchen sollten. Er sah sie mit solcher Erleichterung an, dass sie sich sofort zu ihm setzte. Während er ihr berichtete, wo er nicht weiterkam, begann sie die verstreuten Teile übersichtlicher hinzulegen. Sie wollte ihm das Suchen erleichtern und ordnete sie nach Farben, ganz so, wie sie an eine schwierige Reiseplanung herangegangen wäre: zuerst Übersicht schaffen, dann die Einzelheiten klären.

Ferdinand half ihr eifrig, bis er nach jenen grauen Steinen suchte, die eben noch neben der Anleitung gelegen hatten. Josephine hatte sie zu den übrigen grauen gelegt. Nun wusste keiner mehr, welche er bereits abgezählt hatte, und weil viele einander fast glichen, mussten sie von vorne beginnen. Josephine wollte sich entschuldigen, aber Ferdinand kam ihr zuvor. Er habe doch selbst mitgemacht, sagte er, und legte die Anleitung vor ihnen auf den Tisch. Sie ließen die schönen Häufchen liegen und versuchten zunächst, das missglückte Mauerstück zu verstehen.

Ferdinand und Josephine sortieren die vielen Bausteine gemeinsam am Boden.

Josephine konnte ausgezeichnet rechnen und übersah auf Reisen kaum eine Unstimmigkeit. Deshalb erschien es ihnen beiden selbstverständlich, dass sie auch hier bald finden würde, was Ferdinand entgangen war. Sie betrachtete die Zeichnung, zählte die kleinen Erhebungen auf einem Stein und bat ihn um ein zweites, ähnliches Stück. Als er fragte, ob sie den Fehler schon sehe, antwortete sie, sie müsse nur erst verstehen, von welcher Seite das Bauwerk abgebildet sei. Eine Viertelstunde später versuchte sie das noch immer. Sie hatte selbst noch nie ein solches Modell gebaut und merkte allmählich, dass ihre Sicherheit beim Lesen von Fahrplänen ihr vor diesen gezeichneten Mauern wenig half.

Josephine vergleicht ein Mauerstück mit der Bauanleitung; Ferdinand sitzt neben ihr.

Schließlich beschlossen sie, die kleine Mauer noch einmal zu bauen und beide Fassungen zu vergleichen. Josephine übernahm den Neubau, während Ferdinand die passenden Teile suchte. Für das zweite Mauerstück öffneten sie weitere Säckchen des Schlossbaus, obwohl sie deren Inhalt erst später brauchen würden. Ihr Mauerstück geriet durchaus stattlich, mit einer schönen geraden Fensterreihe. Leider ließ es sich ebenso wenig einsetzen. Josephine drehte es, betrachtete die Unterseite und fand ebenso wenig wie Ferdinand heraus, weshalb es nicht passte. Josephine hatte gehofft, es werde ihr so leichtfallen wie ihrem Bruder; nun war ihr die anfängliche Sicherheit unangenehm. Dann meinte sie: „Jetzt hast du wenigstens zwei davon. Falls das Schloss eines Tages Zubauten braucht.“

Ferdinand lachte so unvermutet, dass sie ihn erstaunt ansah. Es war kein höfliches Lachen, mit dem er ihre Verlegenheit schonen wollte; beim Anblick der beiden unbrauchbaren Mauern war ihm plötzlich aufgegangen, mit welchem Ernst sie hier saßen. Josephine versuchte noch, ihre misslungene Arbeit würdevoll vor sich zu halten, doch als er fragte, ob sie den zweiten Zubau vielleicht im Garten aufstellen sollten, musste auch sie lachen. Sie lehnte sich an ihn, bis sie wieder sprechen konnte. „Ich wollte dir das doch leichter machen“, sagte sie. Ferdinand behielt sie nahe bei sich und erwiderte, gerade sei es tatsächlich ein wenig leichter geworden.

Ferdinand und Josephine betrachten lächelnd ihre beiden gleichen Mauerstücke.

Sie blieben noch eine Weile so sitzen, ehe er ihr erzählte, wie es ihm mit dem Schloss erging. Es bedrückte ihn, dass Josephines Bruder in zwei Tagen geschafft hatte, woran er seit Wochen saß. Schon das Suchen brachte ihn aus der Ruhe, und manchmal machte er weiter, obwohl er längst so ungeduldig war, dass ihm Fehler unterliefen. Am liebsten hätte er alles eingepackt, noch bevor am Donnerstag wieder Freunde kamen. Josephine hörte ihm zu. Ihr Bruder konnte einen ganzen Nachmittag zufrieden nach winzigen Teilen suchen, während sie selbst schon nach einer Stunde eine Pause brauchte. Als sie Ferdinand das erzählte, schien er ihr zunächst nicht recht zu glauben. Sie versicherte ihm, dass sie trotzdem gern mit ihm weiterbauen würde. Der Nachmittag hatte ihr gefallen, auch wenn ihre Mauer nicht passte. Ferdinand betrachtete das Schloss; weggeben wollte er es eigentlich nicht.

Josephine hört Ferdinand während einer gemeinsamen Pause auf dem Samtsofa zu.

Josephine fragte, ob es vielleicht irgendwo im Haus stehen könne, wo Ferdinand es nicht vom Frühstück bis zum Schlafengehen vor Augen habe. Er dachte zuerst an ein unbenutztes Zimmer im oberen Stock, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Dort würde er allein sitzen, und Josephine wollte ebenso wenig jeden Nachmittag mit Buch und Tee übersiedeln. Während sie überlegten, sah Ferdinand zur alten Anrichte. In einem ihrer breiten Fächer lagen Tischdecken, für die es im Wäscheschrank längst genügend Platz gab. Er hatte das Fach nie anders verwendet. Nun stand er auf und öffnete die Türen; Josephine kam zu ihm, und zusammen prüften sie, ob das unfertige Schloss darin Platz hätte.

Am nächsten Tag lag unter dem Schloss eine feste Holzplatte, die genau in dieses Fach passte und die sie zu zweit sicher tragen konnten. Die noch geschlossenen Säckchen blieben im Karton. Für die Teile, die sie gerade brauchten, hatten sie flache Schalen gefunden, deren Inhalt sich abends unberührt wegstellen ließ. Ferdinand war versucht gewesen, gleich sämtliche Steine darin einzusortieren, doch Josephine erinnerte ihn an ihr gemeinsames Häufchen grauer Teile, und er ließ es bleiben. Als sie das Schloss zum ersten Mal aus der Anrichte auf den Tisch hoben, stand es genauso vor ihnen, wie sie es am Vortag verlassen hatten. Ferdinand brauchte nichts neu zusammenzusuchen. Er setzte sich und schlug die Anleitung auf.

Ferdinand und Josephine stellen das Schloss auf seiner Holzplatte in die alte Anrichte.

Leicht wurde das Bauen deshalb noch nicht. Bei ihrem nächsten Versuch entdeckten sie, dass schon ein früheres Stück verkehrt eingesetzt war und die beiden kleinen Mauern deshalb nicht passen konnten. Das überzählige Mauerstück zerlegten sie wieder, damit seine Teile für die späteren Bauschritte bereitlagen. Um den Fehler zu beheben, mussten sie einen Teil wieder auseinandernehmen, auf den Ferdinand besonders stolz gewesen war. Seine Erleichterung über die Entdeckung verging so rasch, dass Josephine es an seiner Stimme hörte. Josephine fragte, was erhalten bleiben könne, und Ferdinand zeigte ihr eine Fensterreihe, deren Einzelheiten ihn beim Bauen entzückt hatten. Sie fand sie ebenso schön. Während er ihr davon erzählte, kam etwas von seiner anfänglichen Freude zurück.

Sie schafften an diesem Abend nur einen Teil des Rückbaus. Als sie müde wurden, hörten sie auf, obwohl das Schloss nun deutlich kleiner war. Ferdinand räumte die Schalen in die Anrichte, ohne ihren Inhalt nochmals zu ordnen, und schloss, nachdem sie auch die Platte hineingetragen hatten, die Türen. Als er den freien Tisch betrachtete, fiel ihm ein, dass er ihn nun wieder für seine Gäste decken konnte, ohne vorher alles umräumen zu müssen. Josephine brachte ihr Buch, und er setzte sich mit seiner Zeitung zu ihr. Später fiel ihm noch etwas zu der verkehrten Stelle ein; diesmal blieb er sitzen und erzählte es ihr dort. Morgen, sagte sie, würden sie sich das gemeinsam ansehen.

In den nächsten Wochen wuchs das Schloss langsam weiter. Ferdinand brauchte noch immer viele Pausen, und Josephine wurde nicht plötzlich zu einer geübten Baumeisterin. Sie wechselten sich beim Bauen ab, weil keiner auf Dauer nur zureichen wollte, und lernten dabei Eigenheiten des anderen kennen, die auf keiner ihrer Reisen zum Vorschein gekommen waren. Einmal suchte er einen Stein, der unmittelbar neben seiner Hand lag; am folgenden Tag erklärte sie ein Dach für unvollständig, obwohl es nur verkehrt vor ihr stand. Ferdinand drehte es mit einer Feierlichkeit um, die sie noch beim Abendessen zum Lachen brachte. Oft warteten sie beide schon vor dem Tee darauf, das Schloss wieder hervorzuholen.

Schließlich fehlte nur noch der letzte Turm. Ferdinand hatte sich die dafür benötigten Teile am Vormittag angesehen, sie aber liegen gelassen, weil Josephine noch beschäftigt war. Als sie kam, fand sie die Anleitung aufgeschlagen und den Sessel neben seinem frei. Den Turm bauten sie zusammen. Josephine setzte die Spitze auf, nachdem beide das schmale Teil vorsichtshalber noch einmal betrachtet hatten, und dann saßen sie vor dem vollendeten Schloss. Ferdinand sah von den Dächern zu ihr und lächelte mit jener unbefangenen Freude, mit der er ihr den Karton zum ersten Mal gezeigt hatte. Josephine drückte seine Hand. Als sie aufstehen wollte, bat er sie, noch ein wenig bei ihm sitzen zu bleiben. So betrachteten sie ihr Schloss, bis der Tee kalt geworden war, und Ferdinand störte sich nicht an den leeren Säckchen, die noch auf dem Tisch lagen.

Josephine setzt gemeinsam mit Ferdinand die letzte Turmspitze auf das Schloss.

Das Schloss erhielt den Platz, den Ferdinand beim Auspacken dafür ausgesucht hatte. Danach stellte Josephine die leeren Schalen in die Anrichte zurück, während er die zweite große Schachtel aus der Bibliothek holte. Josephine betrachtete die Abbildung des Panzers und fragte, ob sie diesmal mit dem Bauen beginnen dürfe. Ferdinand schob ihr den Karton hin. „Die Verkäuferin hat gesagt, das werde viel Arbeit“, erinnerte er sie. Josephine rückte ihren Sessel neben seinen und erwiderte, dann solle er ihnen besser noch einen Tee bringen. Als er zurückkam, hatte sie das erste Säckchen geöffnet und die Anleitung so hingelegt, dass sie beide darin lesen konnten.

Josephine beginnt mit dem zweiten Modell, während Ferdinand Tee bringt.

Ende