Wollwesen
← Alle BegegnungenEine Begegnungsgeschichte

Nur eine kleine Lüge

Leonore von Rabenfels und Ella von Spanheim

Ella möchte bei Leonores Gästen dazugehören. Eine erfundene Herkunft bringt ihr Aufmerksamkeit. Doch damit setzt sie auch ihre Freundschaft mit Christine aufs Spiel.

Ella von Spanheim und Leonore von Rabenfels sitzen nahe beieinander auf einem alten Samtsofa und halten einander an der Hand.

Nur eine kleine Lüge

Wem wir hier begegnen

Auf diesen Besuch hatte Ella sich seit Wochen gefreut. Leonore hatte ihr für einige Tage ein Zimmer im Gutshaus angeboten und versprochen, diesmal mehr Zeit für sie zu haben. Bei Ellas früheren Besuchen war immer etwas dazwischengekommen. Doch Ella war gern geblieben, auch wenn Leonore noch arbeiten musste. Sie hatte ihr später Gesellschaft geleistet und von Christine erzählt, von der Burg und von allem, was sie eines Tages noch sehen wollte. Leonore hörte ihr gern zu. Mit Ella konnte sie einen ganzen Abend verbringen, ohne daran zu denken, was im Haus noch zu erledigen war. Diesmal sollte Ella auch die Gäste kennenlernen. Leonore hatte so oft von ihrer Freundin gesprochen, dass Frau von Altenried sie zum gemeinsamen Tee gebeten hatte. Noch am Morgen hatte Ella sich ausgemalt, wie viel sie Christine nach ihrer Rückkehr erzählen würde.

Ella wird von Leonore im Gutshaus begrüßt.

Nun saß sie zwischen lauter Menschen, die einander seit Jahren kannten. Frau von Altenried erinnerte sich an eine Hochzeit, bei der offenbar etwas sehr Komisches geschehen war. Alle lachten, nur Ella hatte nicht verstanden, weshalb. Leonore erklärte ihr leise, wer die Braut gewesen war; inzwischen sprach man schon von deren Bruder. Ella gab sich Mühe, den Erzählungen zu folgen. Einmal begann sie von Christine und ihrem nächtlichen Ausflug zur Burg. Frau von Altenried fiel dazu eine Geschichte aus ihrer Jugend ein, und ehe Ella mehr als den Anfang erzählt hatte, war das Gespräch wieder bei den anderen. Niemand hatte sie absichtlich übergangen. Man war freundlich zu ihr, doch bald wusste Ella nicht mehr, weshalb man sie überhaupt dabeihaben wollte. Sie hätte ebenso gut fehlen können.

Als die Gäste über die alten Häuser der Gegend sprachen, fand sie endlich Gelegenheit, von der Burg zu erzählen. Sie sah sie jeden Morgen von Christines Fenster aus. Sie kannte den Weg hinauf und die Stelle, an der man zum ersten Mal das Tor erblickte. Vor allem kannte sie die Freude, die sie jedes Mal empfand, wenn die Mauern zwischen den Bäumen sichtbar wurden. Darüber sprach sie nun, und diesmal hörte man ihr zu. „Hat Ihre Familie dort gelebt?“, fragte Frau von Altenried. „Bei Ihrem Namen hätte ich das vermutet.“ Ella nickte. Oft hatte sie geglaubt, dass ihre Vorfahren von dieser Burg gekommen sein mussten. Beweisen konnte sie es nicht; sie wusste nicht einmal, wo sie nachfragen sollte. Mit Christine hatte sie darüber geträumt und manchmal auch gelacht. Aber hier hatte eine fremde Frau von selbst den Zusammenhang erkannt, den Ella sich so sehr wünschte. Für einen Augenblick erschien ihr das beinahe wie eine Bestätigung.

Frau von Altenried wollte mehr wissen, und Ella erzählte. Zunächst hielt sie sich an das, was sie tatsächlich kannte: den Burgberg, das alte Tor, die Aussicht über die Felder. Dann fragte ein älterer Herr nach den Wohnräumen. Ella beschrieb ein Zimmer mit tiefen Fensternischen und einem Ausblick, den sie sich auf ihren Spaziergängen oft vorgestellt hatte. Sie erzählte so anschaulich, dass der Herr wissen wollte, ob es das Zimmer noch gebe. Das wusste sie nicht. Sie war nie darin gewesen. Doch die Aufmerksamkeit tat ihr wohl, und sie brachte es nicht über sich, sie gleich wieder zu verlieren. So sagte sie nur, seit damals könne sich vieles verändert haben.

Ella erzählt bei der Teegesellschaft von der Burg.

Leonore hatte die Täuschung längst bemerkt. Sie kannte Ellas Träumereien und wartete darauf, dass die Freundin selbst darüber lachen würde. Anfangs wollte sie Ella bloß die Verlegenheit ersparen, vor allen berichtigt zu werden. Dann sah sie, wie glücklich diese war. Die Gäste fragten nach, ließen sie ausreden, freuten sich an ihrer lebhaften Erzählung. Leonore war stolz auf sie. Morgen, wenn die beiden allein waren, würde sie mit Ella sprechen. Heute wollte sie ihr die Freude lassen.

Doch Frau von Altenried kannte die heutigen Bewohner der Burg. Sie war für den nächsten Nachmittag eingeladen und bot Ella an, sie mitzunehmen. „Man wird sich freuen, Sie kennenzulernen“, sagte sie. „Vielleicht können Sie uns sogar das Zimmer zeigen.“ Ella nahm die Einladung an, bevor sie bedachte, was dort von ihr erwartet würde. Sie durfte auf die Burg. Man würde sie empfangen und ihr Räume zeigen, von denen sie bisher nur hatte träumen können. Voller Freude wandte sie sich an Leonore. Erst als sie sah, wie ernst die Freundin geworden war, dachte sie an die Fragen, die man ihr dort stellen würde. Sie konnte keine davon beantworten.

Ella und Leonore reagieren auf die Einladung zur Burg.

Nach dem Tee wollte sie nicht darüber sprechen. Aber Leonore ließ sie nicht ausweichen. „Du musst Frau von Altenried sagen, dass du dir das Zimmer vorgestellt hast“, sagte sie. „Sie glaubt, du weißt etwas über seine Geschichte.“ Ella hatte genau das gefürchtet. Noch vor wenigen Minuten hatte sie sich auf morgen freuen dürfen, und nun sollte sie selbst dafür sorgen, dass aus dem Besuch womöglich nichts wurde. „Du hast doch die ganze Zeit neben mir gesessen“, entgegnete sie. „Warum hast du nichts gesagt?“

Der Vorwurf traf Leonore. Sie wollte erwidern, dass sie die Geschichte schließlich nicht erfunden hatte. Doch sie hatte Ella gern zugehört und die Täuschung hingenommen. Erst die Einladung hatte sie beunruhigt. „Ich hätte dir helfen sollen“, sagte Leonore. „Es tut mir leid. Aber jetzt wissen wir beide, was Frau von Altenried erwartet.“ Ella versprach, noch vor dem Abendessen mit ihr zu sprechen. Sie wollte es auch tun. Allein der Gedanke, vor den Bewohnern der Burg nach einem Zimmer suchen zu müssen, das es vielleicht nie gegeben hatte, machte ihr Angst.

Ella und Leonore sprechen nach dem Tee miteinander.

Am späten Nachmittag suchte sie Frau von Altenried im Salon auf. Die Dame freute sich über ihre Gesellschaft. Sie hatte bereits auf der Burg angerufen; man erwartete Ella mit großem Interesse. Wie schön es sei, wenn sich eine alte Verbindung auf diese Weise erneuere. Ella begann zu erklären, dass sie über ihre Herkunft eigentlich sehr wenig wusste. Frau von Altenried beruhigte sie. In ihrer eigenen Familie seien so viele Briefe verloren gegangen, dass auch dort vieles ungewiss geblieben war. Ella hätte nur noch sagen müssen, dass es bei ihr keine Briefe und keine überlieferten Erinnerungen gab. Sie hatte sich alles ausgedacht. Aber sie hörte die Freundlichkeit der Dame und konnte sich nicht entschließen, ihr die Wahrheit zu sagen.

Dann fragte Frau von Altenried nach Christine. Den Namen hatte sie sich vom Tee gemerkt. „Ist das Ihre Gesellschafterin?“ Ella dachte an Christine, die sich so selbstverständlich mit ihr ans Fenster setzte und zuweilen länger auf die Burg schaute als sie selbst. Natürlich hätte sie von ihr erzählen können. Doch dann hätte sie erklären müssen, dass sie bei Christine lebte und vieles ganz anders war, als Frau von Altenried annahm. Sie sagte Ja. Als sie den Salon verließ, war ihr die Freude auf morgen vergangen. Die Erfindung von dem Zimmer hatte ihr noch verzeihlich geschienen. Nun hatte sie Christine zu einer Frau gemacht, die dafür bezahlt wurde, ihr Gesellschaft zu leisten. Sie wusste, wie sehr das ihre Freundin verletzen würde. Trotzdem hoffte sie, Christine werde nie davon erfahren.

Ella bleibt nach dem Gespräch nachdenklich zurück.

Beim Abendessen erzählte Frau von Altenried von der geplanten Fahrt. Ella hörte nur mit halber Aufmerksamkeit zu, bis das Gespräch auf eine ältere Verwandte kam, die eine neue Gesellschafterin suchte. Ob sie mit ihrer Christine zufrieden sei, fragte die Dame. Ella sah für einen Augenblick zu Leonore. Sie hoffte, die Freundin werde für sie antworten. Doch was sollte Leonore sagen? Christine wusste von diesem Gespräch nichts. Sie war zu Hause und freute sich auf Ellas Rückkehr. „Christine ist meine Freundin“, sagte Ella. „Ich wohne bei ihr. Sie ist nicht meine Gesellschafterin.“

Frau von Altenried entschuldigte sich für das Missverständnis. Ella hätte es dabei belassen können. Man gab ihr noch einmal die Möglichkeit, die Schuld auf eine unglückliche Frage zu schieben. „Ich habe Sie belogen“, fuhr Ella fort. „Ich weiß nicht, ob meine Vorfahren je auf dieser Burg gelebt haben. Ich habe es mir gewünscht. Das Zimmer, von dem ich erzählt habe, habe ich mir ausgedacht.“ Nun schwieg man am Tisch. Ella hätte gern erklärt, wie alles begonnen hatte. Sie hätte sagen mögen, wie verloren sie sich zwischen den fremden Familiengeschichten gefühlt hatte. Doch gerade von diesen Menschen wollte sie nicht bemitleidet werden. Sie entschuldigte sich und hoffte nur noch, dass niemand weiterfragen würde.

Leonore sprach, ehe jemand antwortete. Sie erklärte, dass sie Ellas Vorstellungen von früher kannte. Sie hätte beim Tee etwas sagen müssen. Stattdessen hatte sie die Gäste in ihrem Glauben gelassen. Frau von Altenried war sichtlich gekränkt. Sie hatte ihre Bekannten auf der Burg um eine Einladung für Ella gebeten und würde ihnen nun sagen müssen, weshalb diese nicht kommen konnte. Der Besuch werde abgesagt, erklärte sie. Ella bat sie, auch dort ihre Entschuldigung auszurichten. Das Essen ging weiter, aber die Unbefangenheit kehrte nicht zurück. Niemand war offen unfreundlich. Gerade das machte es Ella schwer. Sie musste bleiben und die Höflichkeit ertragen, mit der man ihr nun begegnete.

Ella gesteht beim Abendessen die Unwahrheit.

Später kam Leonore zu ihr aufs Zimmer. Ella hatte gehofft, nach dem Geständnis erleichtert zu sein. Stattdessen dachte sie immer wieder an das Zimmer auf der Burg und an die Freude, mit der die anderen ihr zugehört hatten. Sie schämte sich ihrer Lüge, aber sie vermisste auch das Glück, das sie ihr für kurze Zeit verschafft hatte. „Ich wollte, dass sie mich mögen“, sagte sie. „Ich habe mich gefreut, dass du ihnen gefällst“, sagte Leonore. „Deshalb habe ich geschwiegen. Ich wollte einen schönen Nachmittag mit dir haben und habe dich allein gelassen, als es schwierig wurde.“

Ella hätte noch gern geklagt. Sie hätte gern von Leonore gehört, dass die anderen es ihr nicht leicht gemacht hatten. Doch die Freundin war selbst unglücklich, und Ella brachte den Vorwurf nicht mehr über sich. Sie bat Leonore, noch eine Weile zu bleiben. An diesem Abend sprachen sie lange miteinander. Erst war es schwer, dann musste Ella nicht mehr überlegen, was sie sagen durfte. Leonore wusste ohnehin alles. Bevor sie ging, bat Ella sie um eine letzte Hilfe: Sie wollte am nächsten Morgen zu Christine zurück. Ob Leonore sie begleiten könne? Allein hätte sie es vielleicht wieder nicht fertiggebracht, die Wahrheit zu sagen. Leonore sagte zu.

Am Morgen war der Besuch auf der Burg abgesagt. Ella verabschiedete sich von Frau von Altenried und entschuldigte sich noch einmal. Die Dame nahm die Entschuldigung an. Leonore sorgte dafür, dass ihre Arbeit im Gutshaus für den Vormittag übernommen wurde, und fuhr mit Ella zu Christine.

Ella und Leonore verlassen gemeinsam das Gutshaus.

Christine freute sich über ihre frühe Rückkehr. Sie hatte Ella vermisst und war neugierig auf den Besuch. Erst als Ella zu erzählen begann, begriff sie, dass etwas vorgefallen war. Von der erfundenen Familiengeschichte hörte sie zunächst eher verwundert als erschrocken. Sie kannte Ellas Sehnsucht nach der Burg. Als Ella aber berichtete, was sie über Christine gesagt hatte, wurde sie still. „Du hättest doch von uns erzählen können“, sagte Christine.

Damit hatte Ella gerechnet, und doch wusste sie nicht, was sie erwidern sollte. Beim Tee hatte sie es versucht. Aber später, als Frau von Altenried nach Christine gefragt hatte, hätte sie so viel erzählen können: von der Nacht vor dem verschlossenen Burgtor, von Christines Erleichterung, sie dort zu finden, und davon, wie sie bis zum Morgengrauen beieinandergesessen waren. Stattdessen hatte sie Ja gesagt, weil die falsche Auskunft besser zu der Geschichte passte, die sie von sich erzählen wollte. Es tat ihr leid. Sie sagte es Christine, und während sie sprach, begann sie zu weinen. Sie hätte sich gern an sie geschmiegt, wie sie es sonst tat, wenn sie unglücklich war. Aber diesmal hatte sie Christine selbst wehgetan.

Leonore erzählte von ihrem eigenen Schweigen. Sie versuchte nicht, Ella zu entschuldigen. Christine sollte wissen, dass auch sie die Täuschung hatte geschehen lassen. Eine Weile sagte Christine nichts. Dann fragte sie Ella, ob die Gäste inzwischen von ihrer Freundschaft wussten. „Ich habe es beim Abendessen gesagt“, antwortete Ella. „Vor allen. Dass du meine Freundin bist und dass ich bei dir wohne.“ Christine war erleichtert. Aber sie konnte Ella noch nicht trösten.

Ella und Leonore sprechen bei Christine über das Geschehene.

Sie blieben an diesem Vormittag beisammen. Manchmal stockte das Gespräch, und Ella fürchtete jedes Mal, Christine denke wieder an das, was sie gesagt hatte. Einmal fragte sie danach. Christine bejahte es. Ella versuchte nicht, sie davon abzubringen. Sie blieb bei ihr, auch als sie nichts mehr zu ihrer Entschuldigung wusste. Erst später erzählte Christine, wie sehr sie sich auf Ellas Heimkehr gefreut hatte. Das Haus war ihr still vorgekommen. Mehrmals hatte sie etwas berichten wollen, ehe ihr einfiel, dass Ella ja gar nicht da war. „Ich habe dich auch vermisst“, sagte Ella. „Gestern beim Tee schon.“ Christine nahm Ella zu sich und hielt sie eine Weile im Arm.

Leonore blieb zum Essen. Allmählich wurde es leichter, miteinander zu sprechen. Als sie später ins Gutshaus zurückmusste, bat Ella sie, bald wiederzukommen. Christine schloss sich der Einladung an, und sie vereinbarten den nächsten Sonntag.

Beim gemeinsamen Essen wird das Gespräch wieder leichter.

Gegen Abend saßen Ella und Christine wieder an ihrem Fenster. Die Burg lag hell über den Feldern. Ella betrachtete sie lange. Noch am Vortag hatte sie geglaubt, heute in einem ihrer Zimmer zu Gast zu sein. Der Gedanke schmerzte, doch sie konnte Christine davon erzählen, ohne etwas dazuzuerfinden. Christine hörte ihr zu. Dann fragte sie, ob sie am Sonntag mit Leonore hinaufgehen wollten. Für den gewöhnlichen Besuch brauchten sie keine Einladung; sie konnten den Hof besichtigen und danach den Weg an der Mauer nehmen.

Ella wollte das gern. Sie bat Christine, ihr noch einmal zu erzählen, wie sie ihr damals in der Nacht gefolgt war. Sie erinnerte sich an deren Lachen vor dem verschlossenen Tor. An die Angst, die Christine auf dem Weg gehabt hatte, hatte sie seither kaum gedacht. Christine erzählte, und diesmal fragte Ella danach. Ob sie sehr erschrocken gewesen sei, als sie Ellas leeren Platz entdeckt hatte? „Sehr“, sagte Christine. „Ich war so froh, als ich dich gefunden habe.“ Ella schmiegte sich an sie. Sie blieben noch lange beisammen, und als es zu dunkel geworden war, um die Burg zu sehen, erzählte Christine immer noch.

Ella hört Christine am abendlichen Fenster zu.

Ende