Ella von Spanheim im hellen Häkelkleid und mit ockerfarbenem Hut am verschlossenen Burgtor bei Nacht.

Aus der Galerie

Ella von Spanheim

Die Reisende

Ella von Spanheim begleitet Imaneona zum Markt. Beim gemeinsamen Mittagessen erzählt Christine von ihrem Fenster mit Blick auf eine Burg – und Ella weiß plötzlich, wohin sie möchte.

Als Christine von ihrem Blick auf eine Burg erzählt, weiß Ella plötzlich, wohin sie möchte.

Das Fenster zur Burg

Wer in dieser Geschichte vorkommt

Ella begleitete Imaneona Welser zum Markt, als hätte sie selbst eine Reihe wichtiger Besorgungen zu erledigen. Sie trug ihre Tasche über der Schulter, blieb vor den Ständen stehen und fand zwischen den Dingen, die Imaneona brauchte, immer etwas, das sie ihr unbedingt zeigen musste. Als sie Christine trafen, waren die Einkaufskörbe bereits voll. Imaneona begrüßte Christine und stellte ihr Ella vor, die gerade noch überlegte, ob sich in ihrer eigenen Tasche Platz für einen besonders schönen Apfel finden ließe. Weil es inzwischen Mittag geworden war und keine von ihnen gleich nach Hause musste, beschlossen sie, in einer Gastwirtschaft zu essen.

Dort stellten sie die Körbe unter den Tisch und rückten zusammen. Anfangs hörte Ella den beiden nur beiläufig zu. Sie betrachtete die Gäste, die nach und nach mit ihren Einkäufen hereinkamen, und hielt Imaneonas Korb mit dem Fuß fest, damit er im Gedränge nicht umgestoßen wurde. Während dem Essen kamen Imaneona und Christine auf ihr tägliches Leben zu sprechen. Christine erzählte von dem Platz, an dem sie zu Hause gern saß: einem Tisch vor dem Fenster, mit einem Krug Lavendel darauf. Wenn sie aufschaue, sehe sie über die Felder geradewegs auf die Burg. Ella legte den Löffel nieder.

Nun wollte sie wissen, wie weit die Burg entfernt sei, ob Christine den Weg zu ihr vom Fenster aus sehen könne und wie die Mauern im Abendlicht aussähen. Christine beantwortete die erste Frage, kam bei der zweiten ins Nachdenken und musste bei der dritten lachen. Darauf hatte sie noch nie besonders geachtet. Ella rückte näher an den Tisch. Sie hatte die Burg nie gesehen, aber seit Langem das eigentümliche Gefühl, ihre Ahnen seien von dort gekommen. Bisher hatte sich kaum eine Gelegenheit ergeben, davon zu sprechen. Nun saß ihr jemand gegenüber, der die Burg jeden Morgen sah, noch bevor er das Haus verlassen hatte.

Imaneona bemerkte, dass Ella längst aufgehört hatte zu essen. Sie schob ihr den Teller ein wenig näher und fragte, was sie so beschäftige. Ella erzählte von ihrer Ahnung, zunächst stockend, dann mit wachsender Entschiedenheit. Christine hörte ihr aufmerksam zu. Als sie schließlich sagte, Ella müsse sie besuchen kommen, kam die Antwort so rasch, dass Imaneona lachen musste. „Dann möchte ich mit“, sagte Ella. Sie meinte diesen Nachmittag. Den Heimweg mit Imaneona, an den sie vor wenigen Minuten noch selbstverständlich gedacht hatte, konnte sie sich plötzlich nicht mehr recht vorstellen.

Christine sah zu Imaneona hinüber und dann wieder zu Ella. Sie überlegte laut, wo am Fenster noch ein guter Platz frei wäre; während sie sprach, richtete Ella bereits ihre Tasche auf dem Schoß. Imaneona hatte beobachtet, wie aufmerksam Christine Ella zuhörte. Sie fragte Ella, ob sie wirklich mit Christine gehen möchte, und erhielt ein so nachdrückliches Nicken, dass der Hut verrutschte. Vor dem Wirtshaus strich sie die Krempe wieder zurecht. Ella umarmte sie, griff nach ihrer Tasche und wandte sich Christine zu. Wie weit es denn nun noch sei, wollte sie wissen. Imaneona stand zwischen ihren Einkaufskörben und lachte ihr nach.

Bei der Ankunft hielt Christine die Haustür auf, doch Ella blieb auf dem Gartenweg stehen. Über den Feldern erhob sich der Burgberg, und auf ihm lagen die Mauern, so deutlich, dass sie für einen Augenblick vergaß, ihren Hut festzuhalten. Der Wind hob die Krempe; Ella fing ihn mit beiden Händen auf, ohne den Blick abzuwenden.

Im Haus fand sich ihr Platz an einem dunklen Holztisch vor dem Fenster. Dort stand ein Krug mit Lavendel, dessen Zweige einen Teil des Ausblicks verdeckten. Ella schob ihn behutsam zur Seite, sah prüfend hinaus und rückte ihn noch ein wenig weiter. Christine brachte eine helle Decke und legte sie auf den Tisch. Als sie damit fertig war, stellte sie den Krug an seinen gewohnten Platz zurück. Ella wartete, bis Christine sich abgewandt hatte, und schob ihn wieder fort. Beim Abendessen stand er am anderen Ende des Tisches; keine von beiden erwähnte seine Wanderung.

In den nächsten Tagen wurde Christine öfter ans Fenster gerufen als in allen Jahren zuvor. Einmal musste sie sehen, wie eine Wolke die Burg verdunkelte, während ringsum noch die Sonne schien; ein anderes Mal leuchteten die Mauern nach einem Regenschauer in der Sonne. Ella fragte sich, ob die Steine noch kühl vom Regen waren oder sich schon wieder erwärmt hatten. Sie wollte wissen, ob Christine jemals mit der Hand darübergestrichen sei. Christine war oft auf der Burg gewesen, konnte sich aber nicht daran erinnern. Am Abend blieb sie dann von selbst neben Ella stehen, die Küchenschürze noch umgebunden, und sah hinüber, bis das letzte Licht von den Mauern wich.

Für Ella war dieses tägliche Schauen bald eine Lust, die sie ungeduldig machte. Sie erkannte vom Fenster aus einzelne Abschnitte des Weges und stellte sich vor, wie sie hinter den Toren weitergehen würde. Wenn Christine einen gemeinsamen Besuch vorschlug, war Ella sofort einverstanden; kaum aber sprach die andere von einem freien Vormittag, erschien ihr das Warten unerträglich lang. Den Weg bis zum Burgberg ließ sie sich auf einem Spaziergang zeigen. Sie merkte sich die Abzweigung, an der Christine gewöhnlich zu den Feldern ging, und den Ort, von dem aus man die ersten Mauern sehen konnte.

In einer hellen Nacht erwachte sie, ohne zu wissen, was sie geweckt hatte. Im Haus war es still. Durch das Fenster sah sie den Berg unter einem klaren Himmel, und während sie noch hinschaute, wusste sie bereits, dass sie sich anziehen würde. Sie zog ihr helles Kleid über, setzte den Hut auf, nahm die Tasche und trug ihre Stiefel bis zur Haustür in der Hand. Dort hielt sie inne. Aus Christines Zimmer kam kein Geräusch. Ella erwog einen Augenblick, anzuklopfen; dann stellte sie sich vor, wie sie ihren Entschluss im Flur erklären müsste, und setzte sich lieber auf die unterste Stufe, um die Stiefel anzuziehen.

Die Haustür fiel hinter ihr leise ins Schloss. Schon auf dem Gartenweg musste Ella lächeln. Am Tag hatte sie Christine noch gefragt, ob man für den Besuch etwas mitnehmen müsse; nun war sie unterwegs und wusste nicht einmal, was sich in ihrer Tasche befand. Sie tastete hinein und fand ein Taschentuch. Das schien ihr fürs Erste ausreichend. Vor dem Gartentor sah sie zum Haus zurück. Die Fenster waren dunkel, und Ella ging los, mit einem Vergnügen an ihrer eigenen Heimlichkeit, das ihren Schritt leicht machte.

Der Weg war ihr vertraut, doch sie hörte jetzt Dinge, die ihr beim Spaziergang entgangen waren: das Rascheln im Gras, das leise Knirschen unter den Sohlen, irgendwo das Wasser in einem Graben. Sobald sie stehen blieb, konnte sie es deutlicher hören. Sie hielt öfter an, als sie beabsichtigt hatte. Auch die Burg veränderte sich bei jedem Näherkommen. Vom Haus aus hatte Ella alle Mauern zugleich sehen wollen; hier zog eine einzelne Kante ihren Blick an, ein Schatten unter einem Vorsprung, ein Stück Mauerwerk über dem Weg. Sie ging langsamer und ließ die Hand über einen niedrigen Stein am Wegrand gleiten.

Am verschlossenen Tor blieb sie stehen. Sie legte die Hand auf das Holz, drückte dagegen und wartete, als könnte sich die Tür nach kurzem Überlegen doch noch bewegen. Dann klopfte sie. Der Laut kam ihr in der Stille so ungehörig groß vor, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Es blieb still. Ella betrachtete das Tor, rückte ihre Tasche zurecht und sagte halblaut ihren Namen. Auch das änderte nichts.

Eine Weile stand sie unschlüssig davor. Sie hatte sich vieles ausgemalt, seit Christine zum ersten Mal von der Burg gesprochen hatte; dass sie nachts vor einer verschlossenen Tür stehen würde, war darunter nicht vorgekommen. Für die eigenen Nachkommen, dachte sie mit zunehmendem Unmut, hätte man wenigstens ein kleines Tor offen lassen können. Doch beim Gedanken an die unbekannten Ahnen, die eigens ihretwegen nachts noch einen Riegel zurückschieben sollten, musste sie lachen. Sie setzte sich auf einen flachen Stein nahe dem Weg und ließ die Tasche von der Schulter gleiten.

Von dort blickte sie zum ersten Mal zurück über das Land. Zwischen den dunklen Feldern lagen die Häuser. Ella suchte Christines Dach, konnte es jedoch nicht sicher erkennen. Sie versuchte, die Straße mit den Augen zu verfolgen, und rückte auf dem Stein ein wenig zur Seite. Da hörte sie Schritte. Sie wurden deutlicher, verstummten kurz und kamen wieder näher. Ella stand auf; in der hellen Kleidung auf dem offenen Weg war an ein Verbergen ohnehin nicht zu denken.

Christine kam um die Biegung, einen Mantel über dem Nachtgewand, das Haar lose über die Schultern. Sie war rascher gegangen, als sie wollte, und musste erst Atem holen. Ella hob bereits die Hand zum Tor, um das Hindernis zu erklären. Christine sah sie jedoch so unverstellt erleichtert an, dass Ella den vorbereiteten Satz vergaß. Einen Augenblick standen beide schweigend da. Dann erzählte Christine, sie habe sich Wasser holen wollen und dabei Ellas leeren Platz gesehen. Der Hut und die Stiefel hätten ebenfalls gefehlt. Da sei sie zum Fenster gegangen und habe über den hellen Weg unten eine kleine Gestalt eilen sehen.

Ella fragte, ob Christine ihr die ganze Strecke gefolgt sei. Die andere nickte und strich sich das Haar aus dem Gesicht. Allmählich wurde ihr Atem ruhiger. Sie betrachtete das verschlossene Tor, dann Ellas Tasche auf dem Stein. Als Ella erklärte, sie habe auch geklopft, verzog sich Christines Mund. „Um diese Zeit?“, fragte sie, doch das Lachen brach schon durch, bevor Ella etwas erwidern konnte. Es klang an der Mauer lauter als im Haus. Ella lachte mit, und Christine musste sich neben sie setzen.

Eine Zeit lang schauten sie schweigend über die Felder. Dann zeigte Christine auf ein schwaches Licht unterhalb eines dunklen Daches. Das sei ihr Haus; sie habe in der Küche die Lampe angelassen. Ella beugte sich vor. Nun erkannte sie auch den Baum im Garten und daneben die Reihe der Fenster, hinter denen ihr Platz lag. Sie hatte nicht daran gedacht, dass man von hier aus dorthin zurücksehen konnte. Christine zog den Mantel enger um sich. Sie war oft bei Tageslicht diesen Weg gegangen, aber hier zu sitzen, während unten die eigene Küche auf sie wartete, gefiel ihr so sehr, dass sie Ellas ausgestreckter Hand nicht sofort folgte, als diese aufstand.

Ella ließ die Hand sinken und setzte sich wieder. Die Burgmauer stand dunkel hinter ihnen. Manchmal wandte sie den Kopf danach um, strich über den rauen Stein und sah dann wieder zu dem kleinen Licht hinunter. Christine erzählte ihr, welches der kaum erkennbaren Häuser am längsten bewohnt war und wo im Sommer spät am Abend noch jemand im Garten saß. Ella hörte zu. Hin und wieder fragte sie etwas, das Christine nicht wusste, und diesmal störte es keine von beiden. Als die Kälte durch ihr Kleid drang, rückte Ella näher. Christine öffnete den Mantel ein wenig, sodass auch Ellas Schulter darunter Platz fand.

Sie gingen erst zurück, als sich am Rand des Himmels ein schmaler heller Streifen zeigte. Christine hielt den Mantel mit einer Hand zusammen und hatte Ella die andere gegeben. Im Garten blieben sie noch einmal stehen. Von hier aus sah die Burg wieder so aus, wie Ella sie kannte; sie zeigte Christine die Stelle, an der sie ungefähr gesessen hatten. Die andere fand sie nicht gleich, und Ella beschrieb sie so eifrig, dass sie schließlich beide lachen mussten. Dann gingen sie hinein.

Christine setzte Wasser auf. Ella zog die Stiefel aus und stellte sie nebeneinander unter den Tisch. Als sie sich auf die helle Decke setzte, blieb ihre Hand an einem Lavendelzweig hängen. Sie rückte den Krug zur Seite. Christine kam mit den Tassen aus der Küche, sah zum Fenster und schob den Krug noch ein Stück weiter. Dann setzte sie sich neben Ella. Über den Feldern wurde es heller; an der Burg lag der erste schmale Saum von Licht. Ella wollte Christine noch etwas zeigen, doch während sie nach deren Hand griff, fielen ihr die Augen zu. Christine ließ ihre Hand liegen und sah für beide hinüber.