Imaneona Welser im Galerieporträt

Aus der Galerie

Imaneona Welser

Die Schöpferin

Imaneona Welser häkelt alle Wollwesen, gestaltet ihre Gesichter und ihre Kleidung, gibt ihnen Namen und schreibt ihre Geschichten. Weitergeben kann sie eines nur an jemanden, zu dem es wirklich passt.

Imaneona häkelt die Wollwesen, gibt ihnen Namen und erzählt ihre Geschichten.

Geschichten mit Imaneona Welser

Die Verwechslung

Wer in dieser Geschichte vorkommt

Alle Wollwesen, die später einen Namen, eine Aufgabe und eine eigene Geschichte erhielten, waren von Imaneona Welser gehäkelt worden. Sie entwarf ihre Gesichter und ihre Kleidung, wählte die Farben und fertigte jede Gestalt selbst. Erst wenn Gesicht, Haltung und Kleidung zueinander passten, betrachtete sie ein Wollwesen als vollendet.

Danach gab Imaneona ihm einen Namen und schrieb auf, was es von den anderen unterschied. Manche Geschichten entstanden schon während der Arbeit, andere erst Wochen später. Ohne Imaneona gäbe es weder die Wollwesen noch ihre gemeinsame Welt.

Imaneona verkaufte ihre Wollwesen nicht. In den vielen Stunden, in denen eines unter ihren Händen Gestalt annahm, wurde es ihr so vertraut und lieb, dass sie es nicht für Geld hätte fortgeben können.

Sie gab ein Wollwesen nur einem Menschen, zu dem es nach ihrer Überzeugung passte. Manchmal wartete sie monatelang, bis sie den richtigen Menschen gefunden hatte. Später erkundigte sie sich, wie es dem Wollwesen in seinem neuen Zuhause ging.

Das Schreiben gehörte für Imaneona ebenso zu ihrer Arbeit wie das Häkeln. Wenn sie am Morgen an ihren Schreibtisch trat, arbeitete sie oft bis zum Abend an neuen Seiten.

Imaneona beobachtete genau und erinnerte sich an Kleinigkeiten, die andere schon nach wenigen Minuten vergaßen. Eine ungeduldige Handbewegung, ein zu rasch ausgesprochenes Ja oder eine auffallende Höflichkeit konnten ihr noch Wochen später den Anfang einer Geschichte geben. Sir Donald Ashcombe, ihr Mann, schätzte diese Aufmerksamkeit und wusste, dass Imaneona mit privaten Beobachtungen behutsam umging.

Imaneona lebte mit Donald in der Nähe der alten Heimat ihrer Familie. Neben der Bibliothek lag ihr Arbeitszimmer, in dem sie die Wollwesen herstellte. Bücher, Manuskripte und Notizen bewahrte sie in beiden Räumen auf, weil Handarbeit und Schreiben zu ihrem täglichen Leben gehörten.

Von Imaneonas Büchern gab es keine Ausgabe mit ihrem Bild. Die Verlage hatten mehrmals darum gebeten, doch Imaneona fühlte sich bei öffentlicher Aufmerksamkeit unwohl. Sie empfing gern Gäste und führte lange Gespräche, lehnte öffentliche Lesungen aber ab.

Im Frühjahr erhielt Imaneona die Einladung eines vornehmen Hotels. Der große Salon sollte einen Abend lang ihrem jüngsten Roman gehören. Das Hotel wollte die Verfasserin vorstellen, der Verlag würde Bücher schicken, und die Anmeldungen waren bereits zahlreicher als erwartet.

Imaneona las die Einladung zweimal. Dann legte sie sie zu den beantworteten Briefen, obwohl sie noch keine Antwort geschrieben hatte.

Donald bemerkte es am selben Abend. Er fragte nicht, ob sie hingehen wolle. Er fragte, weshalb ein unbeantworteter Brief bei den beantworteten liege.

Imaneona sagte, sie müsse über die Einladung nachdenken.

Donald nahm den Brief in die Hand, las ihn und gab ihn zurück. Er erklärte, er werde ihr die Entscheidung nicht abnehmen.

Dieser Satz ärgerte sie ein wenig, weil er richtig war. Noch vor dem Schlafengehen schrieb Imaneona dem Hotel, dass sie kommen werde.

Am nächsten Morgen begann sie, einen Abschnitt für die Lesung auszuwählen. Sie strich Seiten, fügte Übergänge ein und las einzelne Absätze laut. Nach drei Tagen kannte Donald den Anfang beinahe auswendig. Er mischte sich dennoch nicht ein. Wenn Imaneona beim Vorlesen innehielt, sah er weiter in seine Zeitung. Erst wenn sie ihn ausdrücklich fragte, ob eine Pause zu lang gewesen sei, antwortete er.

Je näher der Abend rückte, desto sorgfältiger wurde Imaneonas Vorbereitung. Die Freude auf das Lesen blieb. Daneben entstand jedoch eine Unruhe, die sich nicht durch weitere Arbeit beseitigen ließ. Imaneona kannte ihren Text, aber sie kannte den Saal nicht. Sie wusste nicht, ob jemand husten, zu spät kommen oder in der ersten Reihe einschlafen würde. Vor allem wusste sie nicht, ob ihre Stimme so klingen würde wie in der Bibliothek.

Sie rief ihre Schwester Evita von Saldern an. Evita lebte weit entfernt in einer großen Stadt und führte dort eine Praxis für Menschen, die mit einer seelischen Not nicht allein zurechtkamen. Sie war an unvermutete Fragen gewöhnt und hörte genau zu, suchte jedoch manchmal früher nach einer Lösung, als es ihrem Gegenüber guttat.

Imaneona erzählte von der Lesung. Erst danach bat sie Evita, ebenfalls zu kommen.

Evita sagte zu. Sie konnte nur zwei Tage bleiben, doch sie würde rechtzeitig im Hotel sein.

Am Tag der Veranstaltung traf Evita zuerst ein. Sie stand am Empfang und fragte nach den Zimmern, als Imaneona und Donald die Halle betraten. In der Hand hielt Evita das Programm, das man ihr bei der Ankunft gegeben hatte. Der Hoteldirektor kam aus seinem Büro, begrüßte Donald mit einer kleinen Verbeugung und wandte sich anschließend an Evita.

Er hieß Frau Welser im Namen des Hauses willkommen und sagte, der Abend sei seit drei Tagen ausgebucht.

Evita blickte zu Imaneona. Der Direktor hatte keine Fotografie gesehen. Evita hatte zuerst mit dem Empfang gesprochen und hielt das Programm in der Hand. Deshalb hatte er angenommen, sie sei die erwartete Schriftstellerin.

Evita wollte den Irrtum berichtigen. Imaneona hätte nur ihren Namen nennen müssen. Stattdessen hörte sie den Direktor von der Höhe des Lesepults, der Beleuchtung und den Signierwünschen der Gäste sprechen. Während er Evita alles erklärte, fiel die Verantwortung für den Abend für einige Augenblicke von Imaneona ab. Sie stand neben Donald und war nur die Schwester der Frau, auf die alle warteten.

Als Evita erneut ansetzen wollte, bat Imaneona den Direktor, ihrer Schwester nach der langen Reise zuerst etwas Ruhe zu gönnen. Der Direktor entschuldigte sich sofort und führte alle drei in einen kleinen Salon neben dem Veranstaltungsraum.

Auf einem Tisch lagen Imaneonas Bücher. Daneben standen Wasser, Tee und ein Glas mit frisch geschnittenen Zweigen. Der Direktor legte Evita den Ablauf vor. Nach der Begrüßung sollte sie fünfundzwanzig Minuten lesen, danach einige Fragen beantworten und Bücher signieren.

Evita sagte, sie müsse zuvor mit ihrer Schwester sprechen.

Der Direktor hielt dies für einen verständlichen Wunsch und ließ sie allein.

Sobald die Tür geschlossen war, fragte Evita, weshalb Imaneona geschwiegen habe.

Imaneona versuchte, den Irrtum kleiner erscheinen zu lassen. Evita kannte den Roman, las sehr gut und hatte schon oft mit ihr über die ausgewählte Stelle gesprochen. Imaneona könne im Publikum sitzen. Nachher werde man erklären, die Schwestern hätten den Abend gemeinsam gestaltet.

Evita hörte zu, ohne Imaneona zu unterbrechen. Dann sagte Evita: „Ich werde deinen Text gern hören. Unter deinem Namen werde ich ihn nicht lesen.“

Imaneona wandte sich an Donald. Er hatte während des Gesprächs am Fenster gestanden. Im Theater war er oft gerufen worden, wenn jemand wenige Minuten vor Beginn nicht auftreten wollte. Meist hatte er eine Lösung gefunden. Nun erklärte Donald ruhig, dass er die Lesung absagen werde, wenn Imaneona nicht lesen könne. Evita werde er nicht an ihre Stelle schicken.

Imaneona empfand die Einigkeit der beiden als Härte. Sie hatte Evita um Beistand gebeten und Donald jahrelang in allen schwierigen Augenblicken an ihrer Seite gewusst. Nun verweigerten beide ausgerechnet jene Hilfe, die ihr den Abend erspart hätte.

Sie verließ den kleinen Salon, um mit dem Direktor zu sprechen. Auf dem Gang fand sie ihn vor einer geöffneten Tür. Im großen Salon wurden die letzten Stühle gerichtet. Mehrere Gäste waren bereits eingetroffen und sprachen gedämpft miteinander.

Imaneona sagte dem Direktor, bei der Vorstellung müsse etwas berichtigt werden.

Der Direktor nahm an, sie spreche im Namen ihrer Schwester. Er versicherte, Frau Welser könne auch kürzer lesen. Falls die Stimme nicht reiche, stehe ein Mikrophon bereit. Die Fragen nach der Lesung könne man ebenfalls fortlassen.

Imaneona hörte sich selbst danken. Erst als der Direktor weiterging, begriff sie, dass sie die Wahrheit wieder nicht ausgesprochen hatte.

Im kleinen Salon warteten Evita und Donald. Imaneona berichtete, dass der Direktor noch immer nichts wisse. Sie erwartete einen Vorwurf. Evita stellte nur das Programm auf den Tisch. Donald nahm Imaneonas Buch und reichte es ihr.

Aus dem großen Salon drang das Geräusch der eintreffenden Gäste. Imaneona hatte ein solches Haus oft mit Donald besucht. Sie kannte die kurze Unruhe vor Beginn, das Rücken der Stühle und die plötzlich leiser werdenden Stimmen. Bisher war sie dabei immer Zuschauerin gewesen.

Der Direktor kam, um Frau Welser abzuholen. Er wandte sich an Evita.

Evita stand auf, ging bis zur Tür und trat dort zur Seite. Sie sagte nichts. Die Entscheidung blieb bei Imaneona.

Donald ging neben seiner Frau in den großen Salon. Der Direktor führte Evita zu dem Platz am Lesepult, den er für die Schriftstellerin vorgesehen hatte. Imaneona blieb zunächst am Rand. Viele Gäste sahen Evita erwartungsvoll an. Auch sie hatten kein Bild der Schriftstellerin gesehen und zweifelten deshalb nicht an der Annahme des Direktors.

Der Direktor begrüßte das Publikum. Er sprach über Imaneonas genaue Beobachtung, ihre Menschlichkeit und die besondere Freude des Hauses, sie erstmals persönlich vorstellen zu dürfen. Dann bat er Frau Welser nach vorn.

Evita blieb sitzen.

Imaneona trat an das Lesepult. Ihre Hände waren ruhig, doch ihre Stimme war es noch nicht.

Sie sagte: „Ich bin Imaneona Welser.“

Der Direktor verstummte. Im Saal entstand ein leises Murmeln. Imaneona erklärte, man habe ihre Schwester bei der Ankunft für sie gehalten. Der Irrtum wäre leicht zu berichtigen gewesen. Sie selbst habe ihn bestehen lassen, weil er ihr für einige Minuten wie eine bequeme Lösung erschienen sei. Nun wolle sie den Abend nicht mit einer Täuschung beginnen, für die zuletzt niemand außer ihr verantwortlich gewesen wäre.

Der Direktor wollte etwas erwidern, doch Imaneona schlug bereits das Buch auf.

Beim ersten Absatz war ihre Stimme zu leise. Imaneona begann ihn noch einmal. Diesmal hob sie den Kopf erst am Ende des Satzes. In der letzten Reihe saß eine ältere Dame, die sich ein wenig vorbeugte. Imaneona las den nächsten Absatz für sie.

An einer Stelle verlor Imaneona die Zeile. An einer anderen machte sie eine Pause, die länger war als geplant. Doch mit jeder Seite wurde der Saal weniger fremd. Sie hörte, wann die Menschen gemeinsam lachten und wann sie so still wurden, dass kein Stuhl mehr zu hören war. Diese Reaktionen ließen sich nicht überarbeiten, und gerade deshalb begannen sie ihr zu gefallen.

Nach der Lesung stellte ein Gast eine Frage zu einer Figur des Romans. Imaneona antwortete genauer, als sie es sich vorgenommen hatte. Eine zweite Frage folgte, dann eine dritte. Der Direktor sah mehrmals auf die Uhr, unterbrach sie jedoch nicht.

Später signierte Imaneona ihre Bücher. Sie schrieb ihren Namen langsam und vollständig. Der Direktor entschuldigte sich bei Imaneona und Evita. Imaneona nahm die Entschuldigung an und sagte, sie selbst hätte den Irrtum früher berichtigen müssen.

Beim späten Abendessen saßen Imaneona, Evita und Donald an einem kleinen Tisch. Evita erzählte, dass die ältere Dame in der letzten Reihe während der ganzen Lesung kein einziges Mal den Blick vom Pult genommen hatte. Donald erwähnte zwei Stellen, an denen Imaneona zu schnell geworden war. Er tat dies erst, nachdem sie ihn danach gefragt hatte.

Nach der Heimkehr setzte Imaneona sich am folgenden Morgen wieder an ihren Schreibtisch. Sie arbeitete bis zum Mittag und bemerkte nicht, dass Donald in die Bibliothek gekommen war. Als sie eine neue Seite begann, las sie den ersten Absatz halblaut.

Früher hätte sie aufgehört, sobald sie seine Schritte hörte. Diesmal las sie den Absatz zu Ende. Danach bat sie Donald, den Sessel näher zu stellen.