
Aus der Galerie
Fräulein von Altendorff
Die Vorsteherin
Fräulein von Altendorff leitet nach vielen Jahren in der Pflege ein vornehmes Wohn- und Pflegehaus. Sie ist erfahren, aufmerksam und daran gewöhnt, für andere da zu sein.
Fräulein von Altendorff leitet ein Pflegehaus und ist gewohnt, für andere da zu sein.
Geschichten mit Fräulein von Altendorff
Eine Weile bleiben
Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Fräulein von Altendorff
- Minna RiedelEine junge Mitarbeiterin im Wohn- und Pflegehaus.
Wenn am Abend die letzten Schritte auf den Gängen verklungen waren, blieb Fräulein von Altendorff gewöhnlich noch in ihrem kleinen Arbeitszimmer. Sie hatte die Leitung des Hauses erst nach vielen Jahren in der Pflege übernommen und ging vor dem Schlafengehen selbst durch die Stockwerke, obwohl niemand dies mehr von ihr verlangte. Manchmal kam sie mit einer gelockerten Haube zurück, manchmal mit einem Handtuch über dem Arm, das sie unterwegs aufgehoben hatte. Dann setzte sie sich an ihren Tisch und trank den Tee, den sie am Nachmittag nicht angerührt hatte. Dass er längst kalt geworden war, bemerkte sie meistens erst beim zweiten Schluck.
Minna Riedel war die Erste, die ihr eine frische Tasse brachte, ohne deshalb im Zimmer zu bleiben. Sie stellte sie zwischen die Papiere, nahm die alte mit und ging wieder an ihre Arbeit. Das geschah so beiläufig, dass Altendorff ihr erst am dritten Abend dafür dankte. Minna errötete ein wenig und sagte, sie habe ohnehin Wasser aufgesetzt.
Sie arbeitete damals seit wenigen Wochen im Haus. Ihre ruhige Art ließ sie sicherer erscheinen, als sie sich fühlte; wenn sie etwas nicht wusste, fragte sie erst, nachdem sie eine Weile vergeblich versucht hatte, selbst darauf zu kommen. Altendorff erkannte diese Gewohnheit. Sie nahm Minna zu einigen ihrer abendlichen Besuche mit und zeigte ihr, wie man anklopfte und trotzdem noch wartete, wie man eine Decke zurechtlegte, ohne den darunterliegenden Körper gleich mit zurechtrücken zu wollen. Minna sah genau hin. Bald brauchte Altendorff sie nur anzusehen, und sie wusste, wann ein Handgriff helfen und wann er stören würde.
Eines Abends kam Minna ohne Tasse. Sie blieb an der Tür stehen und fragte etwas wegen des nächsten Morgens, das längst besprochen war. Altendorff antwortete, bemerkte jedoch, dass Minna danach nicht ging. Sie hatte beide Hände hinter dem Rücken verschränkt und blickte an ihr vorbei auf das dunkle Fenster.
Altendorff legte ihre Arbeit hin und rückte den zweiten Stuhl ein wenig vom Tisch ab. Erst als Minna saß, begannen die Tränen, die sie auf dem ganzen Weg durch das Haus zurückgehalten hatte. Sie entschuldigte sich und suchte in ihrer Schürzentasche nach einem Taschentuch. Dabei sagte sie, sie könne ihre Arbeit, sie wolle auch nichts anderes tun; nur am Abend, wenn sie in ihrem eigenen Zimmer die Tür schloss, möchte sie manchmal wieder heim. Es sei kindisch. Am Morgen schäme sie sich schon dafür.
Altendorff reichte ihr ein sauberes Tuch. Sie fragte weder, was sie von daheim vermisse, noch erklärte sie, dass der Anfang überall schwer sei. Während Minna sich allmählich beruhigte, schenkte sie ihr Tee ein. Sie erinnerte sich an ihre eigenen ersten Dienstjahre, an das Waschen mit kaltem Wasser, damit niemand an den Augen bemerkte, wie die Nacht gewesen war. Davon sprach sie nicht. Sie blieb bei Minna sitzen, bis diese von selbst den Kopf hob.
Als Minna sich beim Fortgehen nochmals entschuldigte, sagte Altendorff, sie dürfe wiederkommen. Es müsse nicht immer eine Frage wegen der Arbeit sein.
Von da an klopfte Minna gelegentlich nach Dienstschluss an. Oft blieb sie nur wenige Minuten. Sie erzählte von einer ungeschickten Antwort, die sie gern zurückgenommen hätte, oder von einem kleinen Erfolg, über den sie sich mehr freute, als sie im Gang zu zeigen wagte. Altendorff hörte zu und gewöhnte sich daran, vor dem letzten Rundgang zwei Tassen bereitzustellen. Wenn Minna nicht kam, räumte sie die zweite am nächsten Morgen fort, ehe jemand das Zimmer betrat.
Mit dem Herbst wurden die Tage im Haus voller. Altendorff wurde schon auf der Treppe aufgehalten, und kaum hatte sie sich gesetzt, wartete an ihrer Tür die nächste Frage. Sie half aus, wo Hände fehlten, und brachte die unerledigten Arbeiten in ihr Zimmer mit. Abends ärgerte sie sich über Dinge, die ihr morgens kaum aufgefallen wären. Sie wusste, dass sie müde war, hielt dieses Wissen aber für eine hinreichende Vorsicht.
An einem solchen Abend trat Minna zu ihr. Sie hatte noch ihre Schürze an und blieb stehen, obwohl der Stuhl frei war. Eine Bewohnerin hatte sie am Nachmittag mehrmals fortgeschickt und gleich darauf wieder nach ihr verlangt; am Ende war Minna eine Antwort herausgerutscht, die ungeduldiger geklungen hatte, als sie beabsichtigt hatte. Sie hatte sich entschuldigt, war geblieben und hatte das Zimmer erst verlassen, als ihre Hilfe nicht mehr gebraucht wurde. Nun fürchtete sie, beim nächsten Mal wieder die Geduld zu verlieren. Sie begann davon zu erzählen, hielt aber inne, als Altendorff nach einem Blatt griff.
Altendorff sah auf die Arbeit vor sich und hörte zugleich, wie Minna einen neuen Anfang suchte. Sie wollte für diesen einen Abend nichts mehr wissen müssen. Statt es zu sagen, fragte sie, ob Minna denn glaube, dass die anderen niemals müde seien. Als Minna erschrocken den Kopf schüttelte, fügte sie hinzu: »Wenn Sie nach jedem schweren Tag wieder heimwollen, werden Sie hier nicht bleiben können.«
Minna sah sie an. Altendorff hätte noch Zeit gehabt, das Blatt aus der Hand zu legen und sie zu fragen, was geschehen sei. Doch unter Minnas Blick kam ihr der eigene Satz plötzlich härter vor, und sie wurde noch sachlicher. Sie erklärte, Geduld gehöre zu diesem Beruf; das müsse Minna lernen, ohne sich jeden Abend von ihr beruhigen zu lassen.
Minna strich mit beiden Händen über ihre Schürze. Sie sagte, sie habe verstanden, und verließ das Zimmer, ohne die Tür ganz zu schließen. Altendorff stand auf, um es selbst zu tun. Draußen war niemand mehr zu sehen.
Am nächsten Morgen arbeitete Minna wie gewöhnlich. Sie antwortete freundlich, brachte rechtzeitig, was gebraucht wurde, und stellte Fragen, wenn es um eine konkrete Aufgabe ging. Altendorff beobachtete sie mit einer Erleichterung, die erst nach einigen Tagen unruhig wurde. Minna kam abends nicht mehr. Auch der frische Tee blieb aus, und als Altendorff selbst Wasser aufsetzte, nahm sie nur eine Tasse aus dem Schrank.
Sie wartete auf eine Gelegenheit, unter vier Augen mit ihr zu sprechen. Als sie Minna schließlich im Wäschezimmer traf, sagte sie, der letzte Abend sei für sie beide anstrengend gewesen. Sie habe es nicht so hart gemeint. Minna faltete das Tuch in ihren Händen zu Ende und legte es auf den Stapel. Dann sah sie auf und antwortete, sie werde künftig besser achtgeben.
Altendorff versicherte ihr, an ihrer Arbeit sei nichts auszusetzen. Sie habe in kurzer Zeit viel gelernt. Während sie sprach, merkte sie, dass Minna mit jener Aufmerksamkeit zuhörte, die sie jeder dienstlichen Unterweisung schenkte. Altendorff hätte sie gern an der Schulter berührt, ließ die Hand jedoch sinken. Sie ging hinaus und wusste noch auf der Treppe nicht, weshalb ihre freundlichen Worte alles nur fremder gemacht hatten.
Am Abend holte sie die zweite Tasse aus dem Schrank. Eine Weile hielt sie sie in der Hand, dann stellte sie sie wieder zurück. Sie dachte an Minnas ersten Besuch, an die vergebliche Suche nach einem Taschentuch und daran, wie leise sie gesprochen hatte, als wäre schon das Eingeständnis ihres Heimwehs eine Zumutung. Minna hatte ihr damals geglaubt, als sie sagte, sie dürfe wiederkommen.
Sie setzte sich, ohne Licht zu machen. Durch die offene Tür fiel ein schmaler Streifen aus dem Gang auf den Boden. In ihren langen Dienstjahren hatte sie oft jemandem eine Arbeit abgenommen; nachher war fast immer zu sehen gewesen, was leichter geworden war. Hier ließ sich nichts für Minna erledigen. Sogar ihr Bedauern hatte sie noch so vorgebracht, dass Minna darauf Rücksicht nehmen sollte: ein anstrengender Abend, für sie beide.
Am folgenden Tag bat sie Minna nach dem Dienst um ein Gespräch. Minna kam, blieb aber nahe bei der Tür. Altendorff machte ihr keinen Vorwurf daraus. Sie sagte, sie müsse den Abend noch einmal ansprechen, weil ihre Entschuldigung im Wäschezimmer keine richtige gewesen sei.
»Sie haben mir damals etwas anvertraut«, sagte sie. »Und als ich meine Ruhe haben wollte, habe ich es Ihnen vorgehalten. Sie haben mir nichts getan, Minna.«
Minna blickte auf den Stuhl, auf dem sie bei ihrem ersten Besuch gesessen hatte. Sie hätte gern mit derselben Beherrschung geantwortet, mit der sie seit Tagen durchs Haus ging. Stattdessen musste sie warten, bis sie sprechen konnte. Sie habe gar nicht heimgewollt an jenem Abend, sagte sie schließlich. Sie habe Altendorff fragen wollen, wie man wieder freundlich werde, wenn man sich selbst gerade nicht ertragen könne.
Altendorff nickte. Sie wusste es nicht besser als Minna. Auf ihrem Tisch lagen die Arbeiten für den nächsten Morgen, und noch vor wenigen Minuten hatte sie gehofft, nach diesem Gespräch wenigstens eine davon beenden zu können. Jetzt hörte sie Minna sagen: »Bei Ihnen hatte ich mich nicht dafür geschämt.«
Altendorff sah auf Minnas Hände. Sie konnte sich genau erinnern, wie klein Minna das nasse Taschentuch damals zusammengefaltet hatte. Sie hätte vieles erwidern können: dass Minna sich auch jetzt nicht schämen müsse, dass ihre Tür offen bleibe, dass sie es gewiss nicht noch einmal tun werde. Keiner dieser Sätze hätte Minna jenen Abend erspart. Deshalb sagte sie nur, es tue ihr leid, und ließ sie gehen, als sie gehen wollte.
In den folgenden Tagen suchte Altendorff nicht nach einem Anlass, sie zu sich zu rufen. Wenn Minna eine Frage stellte, hörte sie bis zum Ende zu. Einmal, als sie selbst so erschöpft war, dass ihr jede Stimme zu laut erschien, sagte sie es und bat Minna, nach dem Essen wiederzukommen. Zur vereinbarten Zeit räumte sie die Papiere fort. Minna kam, sie besprachen ihre Arbeit, und danach ging sie wieder. Altendorff hielt sie nicht auf.
Es vergingen weitere Abende. Minna gewann ihre alte Unbefangenheit bei der Arbeit zurück; manchmal hörte Altendorff sie im Gang lachen und freute sich darüber, ehe sie bemerkte, wie sehr sie gewünscht hatte, selbst der Anlass zu sein. Wenn sie einander begegneten, blieb Minna freundlich.
An einem regnerischen Abend hatte Altendorff ihre Arbeit früh beendet. Sie saß mit einem Buch am Tisch, als es klopfte. Minna trug schon ihren Mantel; auf einer Schulter glänzten kleine Tropfen. Sie war nach dem Dienst spazieren gegangen und auf dem Rückweg am erleuchteten Fenster vorbeigekommen.
Altendorff legte das Buch hin. Minna fragte nicht nach dem nächsten Morgen und entschuldigte sich auch nicht. Sie blieb noch einen Augenblick stehen, bevor sie sagte: »Darf ich ein wenig bei Ihnen bleiben?«
Altendorff rückte den Stuhl vom Tisch ab. Als Minna saß, begann sie von ihrem Spaziergang zu erzählen. Sie sprach langsam, und einmal brach sie mitten im Satz ab. Altendorff wartete. Draußen lief der Regen an den Scheiben herunter; im Gang wurden Schritte leiser. Nach einer Weile zog Minna ihren Mantel aus und hängte ihn über die Stuhllehne. Dann erzählte sie weiter.