
Aus der Galerie
Leander Löwenstein
Der reisende Cellist
Leander Löwenstein ist ein reisender Cellist mit ungewöhnlich feinem Gehör. In Hotelsalons und kleinen Ensembles erkennt er nicht nur einen falschen Ton, sondern auch eine ernsthafte Begabung, der er geduldig und ohne Eitelkeit Raum gibt.
Der reisende Cellist Leander erkennt verborgene Begabung und gibt ihr geduldig Raum.
Geschichten mit Leander Löwenstein
Die fremde Aufnahme
Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Leander Löwenstein
- Georg MertensMargarethes Bruder und Bewerber um die feste Stelle im Hotelensemble.
- Margarethe MertensGeorgs Schwester und die wirkliche Cellistin auf der eingereichten Aufnahme.
- Hermann BreuerDirektor des Hotels, der nach der aufgedeckten Täuschung die Bewerbungen neu beurteilt.
Als Leander Löwenstein für sechs Wochen in ein vornehmes Hotel kam, erwartete ihn neben den abendlichen Konzerten eine Aufgabe, die ihm zunächst willkommen war. Das kleine Hausensemble suchte einen neuen Cellisten. Der bisherige Musiker hatte sich zurückgezogen, und Direktor Hermann Breuer wollte die Stelle nicht eilig vergeben. Leander sollte die Bewerbungen anhören, drei geeignete Menschen auswählen und bei den Vorspielen anwesend sein.
Hermann Breuer hatte ihm erklärt, worauf es in diesem Haus ankam. Das Ensemble spielte nicht nur Konzerte, sondern begleitete auch Sänger, hielt sich bei festlichen Essen im Hintergrund und musste auf Gäste Rücksicht nehmen, die Musik liebten, ohne ein ganzes Programm lang stillsitzen zu wollen. Gesucht wurde daher kein Solist, der jeden Raum an sich zog, sondern ein Musiker, der andere hören konnte. Leander sagte, dies sei anspruchsvoller, als es in einer Anzeige klang. Der Direktor überließ ihm gerade deshalb die Vorauswahl.
Die meisten Bewerber hatten ihre Tonaufnahmen über einen verschlossenen Zugang im Netz geschickt. Leander hörte sie früh am Morgen, wenn die Gesellschaftsräume noch leer waren und aus der Küche nur das gedämpfte Klappern des ersten Geschirrs kam. Er machte sich knappe Notizen über Haltung, Ton und Zusammenspiel. Namen sah er sich erst danach an. Er hatte gelernt, dass ein Lebenslauf das Ohr auf eine Weise beeinflussen konnte, die sich nur schwer wieder rückgängig machen ließ.
Unter den Aufnahmen befand sich ein langsamer Satz, den Leander zweimal anhörte. Der Spieler besaß keine auftrumpfende Virtuosität, doch er führte jede Stimme mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit weiter. Selbst an einer Stelle, an der die Begleitung beinahe verstummte, blieb der Ton ruhig und voll. Es war kein vollkommenes Spiel. Zwei Übergänge gerieten zu vorsichtig. Gerade deshalb glaubte Leander ihm. Auf dem beiliegenden Blatt stand der Name Georg Mertens, vierundzwanzig Jahre alt.
Am folgenden Tag hörte Leander die Aufnahme ein drittes Mal zusammen mit den übrigen Stücken des Bewerbers. Dabei fiel ihm auf, wie sorgfältig der langsame Satz gestaltet war und wie gewöhnlich dagegen die beiden kürzeren Stücke klangen. Das allein bewies nichts. Junge Musiker reichten häufig Aufnahmen aus verschiedenen Jahren ein, und nicht jeder Tag zeigte dieselbe Reife. Dennoch notierte Leander neben Georgs Namen eine Frage. Er wollte beim Vorspiel nicht prüfen, ob der Bewerber jeden Ton wiederholen konnte, sondern ob dieselbe musikalische Haltung wiederzuerkennen war.
Georg wurde zum Vorspiel eingeladen. Er erschien an einem regnerischen Nachmittag gemeinsam mit seiner Schwester Margarethe, die seine Noten trug und sich als Begleiterin vorstellte. Beide waren höflich, doch zwischen ihnen lag jene angespannte Rücksicht, mit der Menschen einander vor einem schwierigen Augenblick zu schonen versuchen. Georg sprach rasch über die Reise, Margarethe beinahe gar nicht. Als Leander ihr die Hand gab, bemerkte er an den Fingerkuppen die feinen Spuren langen Übens.
Das erste Vorspiel fand ohne den Direktor statt. Leander wollte jeden Bewerber zunächst allein hören, damit eine schlechte Minute nicht sofort über eine ganze Zukunft entschied. Georg begann mit demselben Satz, den er aufgenommen hatte. Schon nach wenigen Takten wusste Leander, dass etwas nicht stimmte. Der junge Mann spielte ordentlich, sogar mit Geschmack, doch seine Bogenführung war fester, sein Atem unruhiger, und an der leisen Stelle, die Leander so aufmerksam gemacht hatte, beschleunigte er unwillkürlich.
Leander ließ ihn zu Ende spielen. Er bat ihn danach, die Passage noch einmal zu wiederholen. Georg versuchte es, hielt diesmal das Tempo, verlor darüber aber die Wärme des Tons. Margarethe saß am Rand des kleinen Salons und sah auf ihre gefalteten Hände.
Leander schloss die Notenmappe. Er sagte ruhig: „Herr Mertens, die Aufnahme wurde auf diesem Cello gemacht. Aber nicht von Ihnen.“
Georg antwortete nicht. Margarethe hob den Kopf, und in diesem einen Blick lag mehr Erschöpfung als Überraschung. Leander bat beide, am Abend wiederzukommen. Er wollte die Erklärung nicht zwischen zwei Vorspielen hören, während vor der Tür bereits der nächste Bewerber wartete.
Sie trafen sich nach dem letzten Konzert in einem kleinen Schreibzimmer des Hotels. Georg begann zu sprechen, stockte jedoch bald. Schließlich erzählte Margarethe weiter. In ihrer Familie hatte Musik seit jeher als ehrenwerte Beschäftigung gegolten, solange sie nicht zum Beruf einer Tochter wurde. Für Georg hatte man Unterricht, Reisen und ein gutes Instrument bezahlt. Margarethe durfte bei denselben Stunden zuhören und übte später, wenn ihr Bruder fertig war. Mit den Jahren war sie die bessere Cellistin geworden. Das wussten beide, doch außerhalb des Hauses sollte es niemand erfahren.
Als die freie Stelle bekannt geworden war, hatte Georg sich bewerben sollen. Seine Familie erwartete, dass er nun endlich von der Musik leben könne. Er selbst wusste, dass seine Aufnahme nicht für eine Einladung reichen würde. Margarethe hatte daraufhin vorgeschlagen, den Satz für ihn einzuspielen. Zuerst hatten sie geglaubt, sie würden im Hotel die Wahrheit sagen, sobald man die Qualität des Spiels erkannt hatte. Dann war die Einladung gekommen, ausdrücklich an Georg gerichtet. Zu Hause hatte man gefeiert. Mit jedem Tag war das Geständnis schwerer geworden.
Georg hatte seine Schwester nicht um die Aufnahme bitten müssen. Eben das machte seine Scham nicht geringer. Margarethe hatte jahrelang erlebt, wie er zu Lehrern geschickt wurde, während man ihr sagte, sie spiele hübsch für den Hausgebrauch. Anfangs hatte sie nur beweisen wollen, dass ein unbekanntes Spiel gehört werden konnte, wenn kein weiblicher Name davorstand. Als die Einladung kam, nahm Georg sie an, ohne die vereinbarte Erklärung abzugeben. Margarethe schwieg, weil sie fürchtete, ihre erste Möglichkeit, gehört zu werden, wieder zu verlieren. Damit wurde die gemeinsam begonnene Täuschung vor allem für sie zum Nachteil: Ihr Spiel blieb unter Georgs Namen.
„Die Täuschung war auch meine Entscheidung“, sagte Margarethe. „Aber die Aufnahme war mein Spiel. Ich wollte einmal gehört werden, bevor mein Name genügte, mich nicht anzuhören.“
Leander verstand Margarethes Wunsch und Georgs Angst. Für die Besetzung durfte jedoch nur das eigene Können jedes Bewerbers beurteilt werden. Er schlug vor, Direktor Breuer am nächsten Morgen gemeinsam die Wahrheit zu sagen. Georg sollte seine Bewerbung zurückziehen, Margarethe durfte darum bitten, mit einer eigenen Bewerbung zugelassen zu werden. Leander versprach keine Stelle, nur ein gerechtes Vorspiel.
Georg stimmte nach langem Schweigen zu. Margarethe blieb vorsichtig; er hatte die Offenlegung bereits einmal angekündigt und danach aufgeschoben.
Am nächsten Morgen erschien Georg allein bei Leander. In der Nacht hatte sein Vater angerufen. Die ganze Familie erwarte die Nachricht über den Vertrag. Georg behauptete nun, die Aufnahme sei nur eine Empfehlung gewesen; beim entscheidenden Vorspiel werde er schließlich selbst spielen. Wenn seine Leistung dem Direktor genüge, sei niemandem geschadet worden. Margarethe könne sich später anderswo bewerben.
Leander widersprach. Die Einladung und damit die Möglichkeit des entscheidenden Vorspiels waren durch Margarethes Spiel entstanden. Ein anderer Bewerber war dafür ausgeschieden. Georg bat ihn dennoch, bis zum Abend zu schweigen. Er wolle auftreten und danach alles erklären, gleichgültig, wie die Entscheidung ausfalle.
Dies war der Augenblick, in dem Leander zu lange zögerte. Er wollte Georg die letzte Gelegenheit lassen, selbst zu handeln. Zugleich wollte er Margarethes Vertrauen nicht gegen ihren Bruder verwenden. Er ging zu Direktor Breuer und bat darum, das abendliche Vorspiel um einen Tag zu verschieben. Als Grund nannte er Unklarheiten in einer Bewerbung.
Auf dem Weg zum Büro hatte Leander sich eingeredet, ein Aufschub genüge. Georg würde die zusätzliche Zeit nutzen, um sich zu besinnen, und Margarethe müsste nicht erleben, dass ein Fremder die Wahrheit an ihrer Stelle aussprach. Doch schon während er diese Hoffnung ordnete, wusste er, wie bequem sie für ihn war. Sie bewahrte ihn davor, zwischen zwei jungen Menschen entscheiden zu müssen, und nannte diese Schonung Rücksicht. Für Margarethe bedeutete jeder weitere Aufschub jedoch, dass ihr Spiel noch länger unter dem Namen ihres Bruders geführt wurde.
Der Direktor lehnte den Aufschub ab. Zwei Mitglieder des Ensembles waren eigens früher zurückgekehrt, und der Vertrag sollte noch in derselben Woche vorbereitet werden. Leander räumte ein, dass die Zuverlässigkeit der Bewerbung betroffen sei, bat jedoch um Zeit bis unmittelbar vor dem Vorspiel. Hermann Breuer erklärte, er erwarte die vollständige Auskunft, bevor der erste Ton gespielt werde. Leander sagte es zu. Noch immer hoffte er jedoch, Georg werde selbst sprechen. Damit überließ er die Verantwortung erneut einem jungen Mann, der ihr bereits zweimal ausgewichen war.
Am Abend war der kleine Musiksaal vorbereitet. Direktor Breuer saß mit den drei Mitgliedern des Ensembles in der ersten Reihe. Margarethe stand hinten nahe der Tür. Georg nahm auf dem Stuhl Platz, rückte die Noten zurecht und hob den Bogen. In seinem Gesicht lag nicht die Sammlung eines Musikers, sondern die Anstrengung eines Menschen, der einen einzigen weiteren Augenblick gewinnen wollte.
Leander trat vor, ehe der erste Ton erklang. Er sagte zum Direktor: „Die Aufnahme, auf deren Grundlage Herr Mertens eingeladen wurde, stammt nicht von ihm. Seine Schwester hat sie eingespielt. Ich weiß es seit gestern Abend und hätte es Ihnen heute Morgen sagen müssen.“
Georg senkte den Bogen. Margarethe blieb stehen. Direktor Breuer fragte nur, ob beide die Täuschung bestätigten. Margarethe bejahte es. Georg brauchte länger, doch auch er sagte schließlich ja.
Der Direktor beendete das Vorspiel. Er erklärte, unter diesen Umständen könne er keinen Vertrag anbieten. Margarethe wandte sich bereits zur Tür, und Georg sah aus, als habe sich genau jene Niederlage erfüllt, vor der er sich durch die Täuschung hatte retten wollen.
Leander hielt sie zurück. Er bat Direktor Breuer, zwei Entscheidungen voneinander zu trennen. Die falsche Bewerbung müsse zurückgewiesen werden. Damit sei aber noch nicht geklärt, ob Margarethe für die freie Stelle geeignet war und was Georg tatsächlich konnte. Der Direktor erinnerte ihn daran, dass weitere ehrliche Bewerber vorhanden waren. Leander antwortete, gerade deshalb dürfe keiner der Geschwister unter einem fremden Namen oder einer fremden Leistung beurteilt werden. Er schlug zwei kurze, getrennte Vorspiele am folgenden Morgen vor. Danach sollte Breuer entscheiden, ohne die Täuschung zu vergessen und ohne sie an die Stelle des Hörens zu setzen.
Hermann Breuer stellte klar, dass Margarethes Beteiligung an der Täuschung bei seiner Entscheidung berücksichtigt werde. Sie könne nur deshalb zu einem eigenen Vorspiel zugelassen werden, weil die ausgewählte Aufnahme tatsächlich von ihr stammte. Eine Entscheidung werde erst fallen, nachdem auch sämtliche ordnungsgemäß eingeladenen Bewerber gehört worden seien. Für die Unterlagen verlangte er von beiden eine schriftliche Erklärung und später je eine neue Aufnahme unter dem richtigen Namen. Zunächst sollten sie am folgenden Morgen vor dem vollständigen Ensemble spielen. Georg erhielt keine Aussicht auf die Stelle, wohl aber die Gelegenheit, sein wirkliches Können zu zeigen.
Am nächsten Morgen spielte Georg zuerst. Ohne den Versuch, einer fremden Aufnahme zu entsprechen, klang er sicherer. Es fehlte ihm an Übung, und manche schwierige Stelle wurde hart, doch er besaß ein gutes Gefühl für das Zusammenspiel. Als er endete, wusste er selbst, dass es für die feste Stelle nicht reichte. Zum ersten Mal an diesen beiden Tagen versuchte er nicht, dieses Wissen vor den anderen zu verbergen.
Hermann Breuer fragte ihn, weshalb er nicht von Anfang an eine eigene Aufnahme eingereicht habe. Georg antwortete, er habe die Ablehnung gefürchtet, doch eigentlich habe er noch mehr gefürchtet, zu Hause als der weniger Begabte zu gelten. Der Direktor sagte, diese Furcht erkläre Georgs Täuschung, rechtfertige sie aber nicht. In einem Ensemble müsse man sich darauf verlassen können, dass jeder mit dem eigenen Können auftrete. Georg nahm die Worte an, ohne sich hinter den Erwartungen seiner Familie zu verbergen.
Margarethe kam eine Stunde später. Sie begann zu schnell und musste neu ansetzen. Leander sah, wie sehr sie darunter litt, nun gerade vor jenen Menschen zu versagen, die ihre Aufnahme bereits kannten. Beim zweiten Beginn zwang sie sich nicht zur Vollkommenheit. Sie hörte auf die anderen Musiker, nahm deren Atem auf und fand nach wenigen Takten zu jener Ruhe zurück, die Leander auf der Aufnahme bemerkt hatte.
Zwei Tage später bot Hermann Breuer Margarethe eine sechsmonatige Probezeit an. Zuvor hatte er alle übrigen Bewerber angehört und die Täuschung in seine Entscheidung einbezogen. Für Margarethes Probezeit galten dieselben fachlichen Anforderungen wie für jedes neue Mitglied des Ensembles. Georg bekam keinen Vertrag. Breuer schrieb ihm jedoch eine genaue Beurteilung und lud ihn ein, sich nach weiterer Ausbildung erneut mit einer eigenen Aufnahme zu bewerben.
Die schwerste Nachricht mussten die Geschwister ihrer Familie selbst mitteilen. Georg bat Margarethe, bei dem Gespräch neben ihm zu bleiben, doch er sprach zuerst und beschönigte nichts. Danach sagte Margarethe, dass sie die Stelle angenommen hatte. Welche Antworten sie erhielten, erzählten sie Leander nicht. Am folgenden Tag begann ihre erste Probe.
Leander saß neben ihr. Georg hörte eine Weile von der letzten Reihe aus zu, ehe er abreiste. Margarethe verfehlte einen Einsatz um einen kaum merklichen Augenblick. Leander spielte weiter, ohne Margarethe vor den anderen hervorzuheben. Sie fand den nächsten Einsatz und blieb bis zum Ende sicher im Zusammenspiel. Nach der Probe besprach Leander den verfehlten Einsatz mit ihr ebenso sachlich, wie er es bei jedem neuen Mitglied getan hätte.