Eine Begegnungsgeschichte
Als sie von ihm erzählte
Veronika wünscht sich ein gemeinsames Foto, doch Leander zögert, sich neben sie zu setzen.
Geschichten mit diesen Wollwesen

Wer in dieser Geschichte vorkommt
Als sie von ihm erzählte
Seit dem vergangenen Winter lebte Leander Löwenstein bei Veronika von Buddenbrock. Seine Reisen dauerten manchmal mehrere Wochen, doch zwischen zwei Verpflichtungen kehrte er in ihre Wohnung zurück, als wäre die Tür nicht bloß für einen Gast geöffnet worden. Seine Bücher standen im Speisezimmer, sein Cello im Musikzimmer, und Veronikas drei Schwestern wussten längst, dass aus dem alten Freund, von dem sie früher nur gelegentlich gehört hatten, Veronikas Gefährte geworden war.
Im Frühjahr baten die Schwestern um eine neue Fotografie. Die letzte Aufnahme von Veronika war viele Jahre alt und zeigte sie noch vor jenem Klavier, das sie inzwischen einer ehemaligen Schülerin überlassen hatte. Veronika wollte diesmal nicht allein vor der Kamera sitzen. Leander besaß zwar einige Bilder früherer Ensembles, auf denen er stets am Rand stand; eine private Aufnahme mit einem anderen Wollwesen hatte er jedoch nie anfertigen lassen. Als Veronika ihn fragte, ob er mit auf das Bild komme, sagte er dennoch ohne Zögern zu.
An einem hellen Sonntagnachmittag stellte Leander seine kleine Reisekamera auf ein Stativ und rückte sie vor das Fenster des Musikzimmers. Die Kamera besaß einen Selbstauslöser, den er sonst benutzte, wenn er auf Reisen einen Raum oder eine Aussicht festhalten wollte. Nun stellte er zwei Stühle vor das Klavier, prüfte den Bildausschnitt und nahm die rote Mütze ab, weil Veronika fand, dass sein Gesicht ohne sie besser zu sehen sei.
Auf dem Klavier lag der Brief der Schwestern. Veronika hatte ihn hervorgeholt, um nachzusehen, wie viele Abzüge sie wünschten. Während sie den Umschlag suchte, las Leander die betreffende Zeile. Die Schwestern baten um eine Aufnahme von Veronika in ihrem jetzigen Zuhause.
Leander fragte, ob sie demnach ein Bild von Veronika allein erwarteten. Sie antwortete, die Schwestern wüssten von ihm; eine weitere Erklärung sei nicht nötig. Leander strich mit dem Daumen über den Rand seiner Mütze. Vielleicht, sagte er, sollten sie zuerst die erbetene Aufnahme machen. Danach könnten sie noch eine zweite versuchen.
Veronika sah auf die beiden Stühle. Vor einer Woche hatte Leander zugesagt, mit ihr vor der Kamera zu sitzen; nun stand er im eigenen Musikzimmer und sprach von einer zweiten Aufnahme, die man später versuchen könne. Sie sagte, eine Fotografie von ihr genüge. Leander wollte widersprechen, doch Veronika trug einen Stuhl aus dem Bild und setzte sich auf den anderen.
Leander stellte die Entfernung ein. Beim ersten Versuch löste die Kamera zu früh aus, weil er den Hebel nicht weit genug gespannt hatte. Auf dem zweiten Bild saß Veronika vollkommen gerade, die Hände im Schoß und den Blick so fest auf das Objektiv gerichtet, als erwarte sie von ihm eine richtige Antwort.
Leander schlug eine Pause vor. Veronika blieb sitzen. Er erinnerte sie an eine Schülerin, die jedes Stück zu schnell begann und inzwischen gelernt hatte, vor dem ersten Ton einmal ruhig zu atmen. Veronika antwortete, die Schülerin habe von Leander gelernt, dass man einen falschen Einsatz durch zwei geschlossene Türen hören könne. Dabei klopfe er dennoch jedes Mal an, bevor er eine Unterrichtsstunde betrete.
Während sie von ihm erzählte, wandte Veronika den Kopf ein wenig zur Seite. Leander spannte den Selbstauslöser, ohne sie zu unterbrechen. Als sie wieder zur Kamera sah, löste diese aus.
Danach packte Leander das Stativ zusammen. Veronika brachte den zweiten Stuhl an seinen Platz zurück und begann, die Noten zu ordnen, die sie für die Aufnahme vom Klavier genommen hatte. Leander fragte, weshalb sie das gemeinsame Bild so rasch aufgegeben habe.
Veronika erinnerte ihn daran, dass sie ihn vor einer Woche gefragt und er zugesagt hatte. Kaum habe er den Brief gelesen, sei aus seiner Zusage eine Möglichkeit geworden, über die man später noch entscheiden könne. Leander sagte, es seien ihre Schwestern gewesen, die um das Bild gebeten hätten; er habe sich nicht ungefragt neben sie stellen wollen.
Veronika schloss den Notendeckel. Ihre Schwestern kannten seinen Namen, seine Reisen und die Tage, an denen er bei ihr lebte. Sie hätten ihn auf dem Bild nicht für einen zufälligen Gast gehalten. Leander habe neben ihr sitzen wollen und sei dann doch an der Kamera stehen geblieben.
Er nahm die rote Mütze vom Klavier und schlug vor, die Kamera noch einmal aufzustellen. Veronika verneinte es. Ein gemeinsames Bild, zu dem Leander erst nach einem Streit bereit sei, wolle sie nicht verschicken.
Am Abend aßen sie zusammen, doch Leander sprach von seiner nächsten Probe und Veronika von den Stunden der kommenden Woche. Die Kamera lag in ihrem Etui auf dem Schrank. Keiner erwähnte, dass auf dem Film noch mehrere Aufnahmen möglich gewesen wären.
Veronika brachte den Film am nächsten Morgen zum Entwickeln. Drei Tage später holte sie die Abzüge ab und öffnete den Umschlag am Speisetisch. Das erste Bild war unscharf. Auf dem zweiten saß sie so steif, dass sie beinahe einer Fremden glich. Erst die letzte Aufnahme war gelungen: Veronikas Hände lagen ruhig im Schoß, ihr Kopf war kaum merklich zur Seite gewandt, und in ihrem Gesicht lag nichts von der Strenge, mit der sie zuvor auf das Objektiv gesehen hatte.
Leander stand hinter ihr und betrachtete das Bild. Er fragte, woran sie in jenem Augenblick gedacht habe. Veronika antwortete, sie habe nicht gedacht; sie habe von ihm erzählt.
Leander berührte den Abzug nicht. Er setzte sich Veronika gegenüber und fragte, ob sie diese Fotografie an ihre Schwestern schicken werde. Sie sagte, ja. Das Bild sei gut, auch wenn es nicht jenes sei, um das sie ihn gebeten hatte.
Am folgenden Morgen holte Leander die Kamera aus dem Etui, ließ sie jedoch auf dem Tisch liegen. Er fragte Veronika, ob sie noch immer ein Bild mit ihm wolle. Falls sie ja sage, werde er das Stativ aufstellen. Falls sie nein sage, bleibe die Kamera im Etui.
Veronika ließ ihn eine Weile warten. Als Leander die Kamera nach einigen Augenblicken wieder einpacken wollte, hielt sie das Etui fest und sagte, sie wolle die gemeinsame Aufnahme noch immer. Den Zeitpunkt und den Platz sollten sie diesmal zusammen wählen.
Eine Woche später stand das Stativ wieder im Musikzimmer. Leander setzte die rote Mütze auf; Veronika sagte nichts dagegen. Sie stellten die beiden Stühle nicht vor das Klavier, sondern nahe zum Fenster, wo sie an freien Abenden oft lasen. Nachdem Leander den Selbstauslöser in Gang gesetzt hatte, setzte er sich neben Veronika.
Die ersten Bilder misslangen. Einmal blickte Leander noch zur Kamera, als sie bereits auslöste, ein anderes Mal saß Veronika so aufrecht, dass er sie kaum wiedererkannte. Beim letzten Versuch sagte sie leise, bei seinem ersten Besuch habe er die nassen Handschuhe auf ihr Klavier gelegt und noch vor der Begrüßung einen Tadel erhalten.
Leander widersprach. Die Handschuhe hätten auf der Bank gelegen; der Tadel sei dennoch sofort gekommen. Während er antwortete, lief der Selbstauslöser. Veronika wandte sich zu ihm und behauptete, er verbessere die Geschichte nur, weil sie ihren Schwestern gefalle. Leander legte seine Hand auf die Stuhlkante zwischen ihnen, Veronika ließ ihre Finger darauf ruhen, und in diesem Augenblick löste die Kamera aus.
Als die neuen Abzüge kamen, schickte Veronika ihren Schwestern zwei Bilder. Das erste zeigte sie, während sie von Leander erzählt hatte; auf dem zweiten saßen sie nebeneinander, noch ein wenig zu gerade, doch ihre Hände berührten sich zwischen den Stühlen.
Ein Exemplar der zweiten Aufnahme blieb im Speisezimmer. Bevor Leander es in den schmalen Rahmen stellte, schrieb er auf die Rückseite ihre beiden Namen und darunter nur ein einziges Wort: daheim.