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Veronika von Buddenbrock
Die Pianistin
Veronika von Buddenbrock ist Pianistin und Klavierlehrerin. Weit von ihrer alten Heimat arbeitet sie mit großer Genauigkeit und hält verlässlich Verbindung zu ihren drei Schwestern.
Fern der Heimat unterrichtet Veronika Klavier und hält Verbindung zu ihren drei Schwestern.
Geschichten mit Veronika von Buddenbrock
Die kleine Mazurka
Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Veronika von Buddenbrock
- Ruth HeinemannVeronikas erwachsene Klavierschülerin, die selbst bestimmen will, welches Stück sie vorspielt.
Einmal im Jahr veranstaltete Veronika von Buddenbrock in ihrer Wohnung einen kleinen Abend für ihre erwachsenen Schülerinnen und Schüler. Niemand musste vorspielen. Wer wollte, konnte ein Stück vorbereiten, das ihm im vergangenen Jahr wichtig geworden war. Danach wurde gegessen, über Musik gesprochen und meist später aufgebrochen, als alle es vorher geplant hatten.
In diesem Jahr wollte Ruth Heinemann spielen. Sie war zweiundsechzig Jahre alt und kam seit drei Jahren jeden Mittwoch zu Veronika. Ruth arbeitete sehr genau, nahm aber jede Korrektur ernst, auch wenn Veronika sie nur als Vorschlag meinte.
Sie hatte eine kurze Mazurka ausgewählt, die nicht schwierig war. Ihr verstorbener Mann hatte sie früher gern gehört und bei Familienfeiern stets zu früh eingesetzt, weil er den Beginn nie abwarten wollte. Ruth erklärte Veronika das ohne Sentimentalität. Sie wolle das Stück spielen, weil sie es nun endlich vom Anfang bis zum Ende lernen könne.
Veronika hielt die Wahl zunächst für zu leicht. Für den Abend hatte Ruth in den letzten Monaten ein längeres Stück vorbereitet, dessen Mittelteil ihr viel Arbeit gemacht hatte. Sie sagte, eine kleine Mazurka könne man doch als Zugabe spielen. Für den eigentlichen Vortrag solle Ruth lieber zeigen, was sie inzwischen könne.
Ruth antwortete, die Mazurka sei der Vortrag. Das längere Stück wolle sie weiterhin üben, aber nicht an diesem Abend spielen.
Veronika verstand den Satz, doch sie fand ihn unbefriedigend. Sie hatte die Reihenfolge des Abends sorgfältig geplant. Zwischen zwei anspruchsvollen Beiträgen sollte Ruths längeres Stück für Ruhe sorgen. Die Mazurka war dafür vorgesehen, wenn am Ende noch jemand spielen mochte.
Sie schlug einen Kompromiss vor. Ruth könne zuerst die Mazurka spielen und danach das längere Stück. So habe sie beides: die Erinnerung und die sichtbare Arbeit der letzten Monate.
Ruth sagte nach einer Pause zu. Veronika bemerkte, dass sie nicht überzeugt war. Sie erklärte sich das damit, dass Ruth vor einem längeren Stück immer nervös wurde.
Bei der ersten Probe spielte Ruth die Mazurka sauber. Danach begann sie das längere Stück. Nach wenigen Takten verlor sie die Stelle, setzte neu ein und blieb ein zweites Mal stehen. Veronika sagte ruhig, dass dies bei einer Probe nichts bedeute. Man müsse nur den Übergang noch einmal einzeln üben.
Ruth packte ihre Noten nicht ein. Sie saß jedoch so lange still auf der Bank, dass Veronika fragte, ob sie müde sei.
Ruth sagte, sie sei nicht müde. Sie wolle nur nicht bei einem Abend, auf den sie sich gefreut habe, etwas spielen, das sie selbst nicht gewählt habe. Die Mazurka sei nicht die kleinere Hälfte ihres Vortrags. Sie sei der Grund, weshalb sie überhaupt zugesagt habe.
Veronika wollte ihr erklären, dass sie Ruth nicht klein machen wolle. Gerade weil sie ihren Fortschritt kannte, wollte sie ihn den anderen zeigen. Während sie sprach, hörte sie, wie wenig diese Erklärung änderte. Sie hatte aus der Arbeit ihrer Schülerin ein Argument gegen deren Entscheidung gemacht.
Sie sagte, dass ihr Vorschlag falsch gewesen sei. Ruth habe klar gesagt, was sie spielen wolle. Veronika habe trotzdem versucht, aus dem Abend eine Vorführung nach ihrem eigenen Plan zu machen.
Ruth sah sie an und fragte, ob sie die Mazurka dann wirklich allein spielen dürfe.
Veronika antwortete, Ruth dürfe nicht nur. Sie solle das längere Stück an diesem Abend überhaupt nicht spielen. Es gehöre in eine Stunde, in der sie selbst den richtigen Zeitpunkt dafür gewählt habe.
In den folgenden Tagen änderte Veronika den Ablauf. Sie schrieb keine Titel mehr unter die Namen der Beteiligten. Auf die Einladung setzte sie nur den Hinweis, dass jede Person selbst entscheide, ob und was sie spiele.
Am Abend kamen die Gäste pünktlich. Zwei wollten nichts vortragen, eine Schülerin spielte ein kurzes Stück aus einem Lehrbuch, das sie seit ihrer Kindheit kannte. Veronika ließ zwischen den Beiträgen Zeit. Niemand musste einen Grund für die Wahl erklären.
Ruth setzte sich nach dem Essen an das Klavier. Sie spielte die kleine Mazurka ohne Eile. An einer Stelle nahm sie den Rhythmus etwas langsamer, als Veronika ihn mit ihr geübt hatte. Dann fand sie wieder in das richtige Tempo zurück und spielte weiter.
Als das Stück zu Ende war, klatschten die Gäste. Ruth stand auf, verbeugte sich kurz und setzte sich wieder zu ihnen. Sie wirkte nicht erleichtert, sondern zufrieden.
Später fragte eine der anderen Schülerinnen, ob Ruth noch das längere Stück spielen werde. Ruth sagte, nein, das sei noch nicht so weit. Veronika hörte den Satz und ließ ihn stehen.
Am nächsten Mittwoch brachte Ruth die Noten des längeren Stücks wieder mit. Sie sagte, nun könne man an dem Übergang arbeiten. Veronika fragte zuerst, ob sie bei der bisherigen Fassung bleiben wolle. Ruth bejahte es.
Sie übten eine Stunde lang. Am Ende sagte Ruth, die Mazurka habe ihr weniger geholfen als der Abend selbst. Es sei gut gewesen, dass sie nicht erst etwas Besonderes leisten musste, um ernst genommen zu werden.
Veronika widersprach nicht. Sie schrieb nur den nächsten Termin in ihren Kalender und legte die Noten so zurück, dass Ruth sie beim Gehen selbst einstecken konnte.