Eine Begegnungsgeschichte

Die falsche Beerdigung

Donald besucht die falsche Beerdigung und soll von einem Mann erzählen, den er nie kannte.

Geschichten mit diesen Wollwesen
Sir Donald Ashcombe und Imaneona Welser stehen mit der Todesanzeige im Eingang einer alten Kirche.
Wer in dieser Geschichte vorkommt
  • Sir Donald Ashcombe
  • Imaneona Welser
  • Clara HartungWitwe des Lehrers Eduard Hartung.
  • Eduard Hartung, LehrerClaras verstorbener Mann.
  • Eduard Hartung, SchauspielerDonalds früherer Schauspielkollege.

Die falsche Beerdigung

Sir Donald Ashcombe las Todesanzeigen mit derselben Aufmerksamkeit, die er früher den Besetzungslisten seines Theaters gewidmet hatte, denn zu oft entschied ein beiläufiger Blick darüber, ob man noch rechtzeitig einen Brief schrieb oder erst Wochen später erfuhr, dass es dafür zu spät war. An einem Dienstagmorgen blieb er bei dem Namen Eduard Hartung stehen. Das Alter stimmte ungefähr, auch der frühere Wohnort passte, und die Anzeige nannte eine Trauerfeier am folgenden Freitag. Weitere Angaben fehlten. Donald legte die Zeitung neben seine Tasse, ohne den Blick von der schmalen Spalte zu nehmen, und Imaneona Welser, die ihm gegenübersaß und einen Brief beantwortete, bemerkte an seiner Haltung, dass er nicht nach einer gewöhnlichen Nachricht suchte, sondern bereits eine Entscheidung getroffen hatte.

Eduard Hartung, erklärte Donald, sei in seinen ersten Jahren am Theater Schauspieler gewesen. Er habe nie zu den berühmten Männern des Hauses gehört, doch er sei ein genauer und gewissenhafter Darsteller gewesen, dem kleine Rollen nicht gering erschienen. Später hatten sie an zwei größeren Inszenierungen zusammengearbeitet, bis ein Streit, dessen Anlass Donald noch kannte, dessen Heftigkeit ihm heute jedoch beschämend übertrieben vorkam, ihre Verbindung beendet hatte. Eduard hatte das Theater verlassen; die Briefe waren zunächst seltener geworden und schließlich ganz ausgeblieben. Als Imaneona fragte, ob die Anzeige wirklich diesem Eduard Hartung gelte, deutete Donald auf Namen, Alter und Wohnort. Ein solcher Name, sagte er, begegne einem nicht jeden Tag. Er sprach mit jener ruhigen Bestimmtheit, hinter der Imaneona seit vielen Jahren nicht nur Gewissheit erkannte. Manchmal lag darin auch der Wunsch, eine Sache möge gewiss sein, damit er nicht länger über sie nachdenken musste.

Donald wollte weder einen Kranz bestellen noch der Familie einen langen Brief schreiben, weil ihm beides nach so vielen Jahren wie eine nachträgliche Vertrautheit erschien, auf die er keinen Anspruch besaß. Er beschloss lediglich, anwesend zu sein, und Imaneona sagte, sie werde ihn begleiten. Während der mehrstündigen Reise sprach Donald nur einmal ausführlicher von dem Toten. Er erinnerte sich an eine Probe, bei der Eduard einen einzigen Satz zu sagen gehabt und darauf bestanden hatte, ihn zwanzigmal zu wiederholen, weil eine kleine Rolle nicht das Recht besitze, nachlässig zu sein. Donald wusste noch, wie Eduard dabei gestanden hatte und wie seine Stimme beim letzten Versuch geklungen hatte; nur den Satz selbst hatte er vergessen. Danach schwieg er wieder, und Imaneona ließ ihn schweigen, ohne aus seiner Wortlosigkeit schon Trauer zu machen.

Die Trauerfeier fand in einer alten Kirche statt, vor deren Eingang nur wenige Menschen in dunklen Mänteln standen. Donald kannte niemanden. Er hatte mit früheren Kollegen gerechnet, vielleicht auch mit einem Schauspieler, den er erst nach mehrmaligem Hinsehen erkannt hätte, doch keines der Gesichter und keine der Stimmen weckten eine Erinnerung. Er erklärte sich dies damit, dass Eduard das Theater seit Jahrzehnten verlassen hatte und die Menschen ihre früheren Berufe oft weniger sorgfältig bewahrten als jene, die dort zurückgeblieben waren. Gemeinsam mit Imaneona nahm er in einer der hinteren Reihen Platz. Auf den vorderen Bänken saßen die Angehörigen; neben einer älteren Frau, die Donald für die Witwe hielt, waren zwei Plätze frei geblieben. Donald sah einen Augenblick zu lange dorthin und wandte den Blick ab, als habe er sich bei einer Unhöflichkeit ertappt.

Der Geistliche sprach von Eduard Hartungs langen Jahren als Lehrer, von seiner Geduld mit schwierigen Schülern und von einer Schule, an der er mehr als vier Jahrzehnte unterrichtet hatte. Donald hob kaum sichtbar den Kopf, und als Imaneona ihn ansah, flüsterte er, Eduard könne nach dem Theater noch eine Ausbildung abgeschlossen haben; jung genug wäre er gewesen. Imaneona nickte, ohne ihm zuzustimmen. Wenig später erfuhr die Gemeinde, dass der Verstorbene früh geheiratet, zwei Kinder großgezogen und beinahe sein ganzes Leben in demselben Haus verbracht hatte. Er war niemals gern gereist und hatte selbst einen mehrtägigen Ausflug nur widerwillig angetreten, weil jeder fremde Tagesablauf ihm als unnötige Erschwerung des eigenen erschienen war. Der Eduard, den Donald gekannt hatte, war unverheiratet gewesen und hatte jeden freien Monat benutzt, um mit kleinen Bühnen durch verschiedene Länder zu ziehen.

Natürlich konnten Menschen heiraten, sesshaft werden und ihre Vorlieben ändern; zunächst nahm Donald jeden Widerspruch als Beweis dafür, wie wenig er vom späteren Leben seines früheren Kollegen wusste. Doch nach und nach hörte er die Worte des Geistlichen nicht mehr als Ergänzungen, sondern als Abweichungen, die sich nicht länger ineinanderfügen ließen. Seine rechte Hand umfasste den Rand der Bank. Imaneona legte ihre Hand nicht darauf, denn Trost wäre verfrüht gewesen, solange beide noch nicht wussten, worin der Irrtum bestand. Als die Feier beendet war, wollte Donald zunächst abreisen. Die Beisetzung sollte im engsten Familienkreis stattfinden; für die übrigen Gäste war in einem alten Gasthaus ein Essen vorbereitet worden. Dann bemerkte Donald, dass die ältere Frau aus der ersten Reihe allein zwischen den anderen stand, und sagte, er müsse ihr wenigstens sein Beileid aussprechen. Danach würden sie fahren.

Im Gasthaus löste sich die gedämpfte Ordnung der Kirche langsam. Mäntel wurden abgenommen, Verwandte begrüßten einander nach langer Zeit, und einige ältere Gäste mussten erst erfahren, wer inzwischen mit wem verheiratet war. Donald wartete mit Imaneona nahe der Tür, bis die Witwe einen Augenblick allein war. Sie hieß Clara Hartung und sah ihn überrascht an, als er sich vorstellte; sein Titel war ihr offenbar bekannt, sein Gesicht jedoch nicht. Donald erklärte, er habe Eduard vor vielen Jahren in einer großen Stadt kennengelernt. Clara fragte, ob dies während der Studienzeit gewesen sei. In diesem Augenblick hätte Donald vom Theater sprechen und damit alles klären müssen, doch er antwortete nur, es sei in jungen Jahren gewesen. Der Satz war richtig und ließ dennoch das Falsche bestehen.

Clara nahm seine Hand zwischen ihre beiden und sagte, es bewege sie, dass nach so langer Zeit jemand gekommen sei, von dem Eduard zu Hause nie erzählt habe. Ihr Mann habe seine frühen Jahre selten erwähnt; vielleicht kenne Donald ihn aus einer Zeit, die selbst ihr fremd geblieben sei. Donald sah zu Imaneona, die seinen Blick erwiderte, ohne ihm aus der Verlegenheit zu helfen. Bevor er die Wahrheit nachholen konnte, wurde Clara von einer Angehörigen gerufen. Sie bat beide zum Essen zu bleiben und fügte hinzu, ein Vetter, der einige Worte über Eduards Jugend hatte sagen wollen, habe kurzfristig abgesagt. Donald könne vielleicht nach dem ersten Gang eine kleine Erinnerung erzählen. Donald sagte nicht zu, lehnte aber auch nicht ab. Er hoffte, schweigen zu können, bis sich eine höfliche Gelegenheit zum Fortgehen ergab, und bemerkte zu spät, dass seine Zurückhaltung von allen Anwesenden für Bescheidenheit gehalten wurde.

An der langen Tafel empfing man Donald und Imaneona mit besonderer Aufmerksamkeit. Eine Frau auf der anderen Seite erkundigte sich, ob Eduard schon damals so ungern über sich gesprochen habe. Donald antwortete, der Eduard seiner Erinnerung habe lieber über eine Rolle als über das eigene Befinden gesprochen. Die Frau hielt dies für ein Bild aus dem Unterricht und sagte, das passe zu ihm. Donald hätte nun widersprechen können, doch gerade weil alle seine Worte so bereitwillig in das Leben des Verstorbenen einfügten, wurde der offene Irrtum mit jedem Satz schwerer. Imaneona hörte den Gesprächen aufmerksam zu. Schließlich fragte sie Clara, in welchem Jahr Eduard seine erste Stelle an der Schule angetreten habe. Clara nannte das Jahr und fügte hinzu, er sei unmittelbar nach dem Studium dorthin gekommen; schon diese eine Antwort ließ keinen Raum mehr für eine frühere Theaterlaufbahn.

Donald wusste nun ebenso sicher wie Imaneona, dass sie den falschen Mann betrauert hatten. Dennoch blieb er an der Tafel sitzen und wartete auf einen Augenblick, der weniger peinlich sein würde als der gegenwärtige; mit jeder verstreichenden Minute wurde ein solcher Augenblick unwahrscheinlicher. Nach dem ersten Gang erhob Clara sich, dankte den Gästen und sprach besonders von jenen, die eine weite Reise auf sich genommen hatten. Dann wandte sie sich an Donald. Es wäre ihr viel wert, sagte sie, wenn er ein Bild aus Eduards jungen Jahren mit ihnen teilen würde. Donald stand auf, und die Gespräche verstummten. Er sah Clara, ihre Kinder und die Menschen an, die ihn für einen Teil des vergangenen Lebens ihres Verstorbenen hielten, brachte jedoch kein Wort hervor.

Imaneona saß neben ihm und sagte leise, aber so deutlich, dass Clara es hören konnte, Donald solle zuerst erklären, welchen Eduard Hartung er gekannt habe. Nun blieb ihm kein höflicher Ausweg mehr, und er suchte auch keinen. Er berichtete, der Mann seiner Erinnerung sei Schauspieler gewesen, habe vor vielen Jahrzehnten an einem Theater gearbeitet, sei viel gereist und damals nicht verheiratet gewesen. Aus dem Namen, dem ungefähren Alter und dem früheren Wohnort habe Donald geschlossen, dieser Mann sei gestorben. Während der Trauerfeier habe er erkannt, dass fast nichts zusammenpasste; statt seinen Irrtum sofort einzugestehen, habe er gehofft, unbemerkt gehen zu können. Als Clara fragte, ob er ihren Mann überhaupt gekannt habe, antwortete Donald ohne Umschweife, dass er ihn nicht gekannt habe.

Die Stille, die darauf folgte, war nicht feierlich, sondern ratlos. Eine jüngere Frau senkte den Blick, ein älterer Herr räusperte sich und entschied sich dann gegen eine Bemerkung. Donald entschuldigte sich bei Clara und bei der Familie. Er verzichtete darauf, seinen guten Willen zu erklären, weil eine anständige Absicht aus einer falschen Behauptung keine Wahrheit machte, und kündigte an, mit Imaneona sofort abzureisen. Clara blieb stehen. Ihr Gesicht hatte sich verschlossen, doch sie wirkte nicht zornig. Sie wollte wissen, weshalb Donald nach der Rede des Geistlichen überhaupt noch mit ins Gasthaus gekommen sei. Donald erklärte, er habe ihr sein Beileid aussprechen wollen und sich danach geschämt, den Irrtum zuzugeben. Als sie ihn um eine Erinnerung bat, wäre aus seiner Feigheit beinahe eine wirkliche Täuschung geworden.

Clara wandte sich an Imaneona und fragte, seit wann sie sicher gewusst habe, dass sie bei der falschen Beerdigung seien. Imaneona antwortete, sie habe es während der Trauerfeier vermutet und nach Claras Auskunft über die erste Stelle gewusst. Donald hätte die Wahrheit selbst sagen müssen; sie habe erst eingegriffen, als er vor allen zu sprechen begann. Clara nahm diese Antwort ruhig entgegen und setzte sich wieder. Nach einer längeren Pause bat sie beide zu bleiben, allerdings nicht als alte Freunde des Verstorbenen, sondern als zwei Gäste, die versehentlich gekommen waren und nun wenigstens wussten, weshalb die anderen hier saßen. Wenn Donald und Imaneona sofort gingen, erklärte sie, würden alle noch lange über die Verwechslung sprechen und kaum mehr über Eduard. Donald nahm ihre Einladung erst an, nachdem sie sie ein zweites Mal ausgesprochen hatte.

Das Essen wurde fortgesetzt, ohne dass die anfängliche Befangenheit sogleich verschwand. Donald bemühte sich nicht, die vergangene halbe Stunde durch besondere Liebenswürdigkeit ungeschehen zu machen. Er stellte keine Fragen, um sein Interesse zu beweisen, sondern hörte zu, wenn jemand sprach. So lernte er einen Lehrer kennen, der unpünktliche Schüler nicht durch Strafen, sondern durch zusätzliche Verantwortung erzogen hatte, der einen Garten pflegte und über Jahrzehnte dieselbe Schule betrat, ohne zwei Arbeitstage für gleich zu halten. Mit dem Theater hatte dieser Eduard Hartung tatsächlich nichts zu tun gehabt. Clara erzählte nur, dass er im Winter manchmal eine Aufführung besucht und auf dem Heimweg ausführlich über die unbequemen Sitze gesprochen habe, weil er über seine Rührung nicht sprechen wollte. Donald lächelte nicht über diese Eigenheit; er hatte an diesem Tag bereits einmal zu rasch geglaubt, einen Mann zu kennen.

Als Donald und Imaneona sich später verabschiedeten, reichte Clara zuerst Imaneona und dann Donald die Hand. Sie sagte, vielleicht werde sie ihren Kindern die Geschichte dieser Beerdigung eines Tages komisch erzählen können, doch heute sei es noch nicht so weit. Donald erwiderte, das verstehe er. Auf der Rückreise blieb er lange still, während Imaneona ihre mitgebrachten Notizen ungeöffnet in der Tasche ließ. Sie wusste, dass er sprechen würde, sobald er nicht mehr nach einem Satz suchte, der ihn besser erscheinen ließ. Schließlich sagte Donald, die Verwechslung sei nicht allein durch den gleichen Namen entstanden. Er habe über Eduard Hartung seit Jahren nichts gewusst und dennoch angenommen, die wenigen Angaben der Anzeige genügten. Imaneona antwortete, der gleiche Name habe den Irrtum begonnen; alles Weitere habe Donald selbst hinzugefügt.

Zu Hause suchte Donald noch am selben Abend nach dem Schauspieler. Die frühere Anschrift bestand nicht mehr, doch ein ehemaliger Kollege, den er telefonisch erreichte, kannte eine neue Nummer. Donald legte sie zunächst neben das Telefon, ging in die Bibliothek und kehrte nach wenigen Minuten wieder zurück. Der Mann, der sich meldete, war Eduard Hartung. Seine Stimme klang älter, aber Donald erkannte sie sofort. Er erzählte von der Todesanzeige und davon, dass sich der Irrtum erst bei der Trauerfeier aufgeklärt hatte. Eduard schwieg eine Weile und fragte dann, weshalb Donald erst durch eine Todesanzeige auf den Gedanken gekommen sei, sich nach ihm zu erkundigen. Donald hätte den alten Streit erwähnen oder sagen können, die Jahre seien unbemerkt vergangen. Stattdessen gab er zu, dass er zu lange gewartet hatte.

Das Gespräch dauerte nicht lange. Eduard lebte allein, arbeitete nicht mehr und reiste kaum noch; er sagte nicht, dass er sich über den Anruf freue, lehnte ihn jedoch auch nicht ab. Bevor Donald und Eduard sich verabschiedeten, vereinbarten sie einen Besuch für die folgende Woche. Am festgesetzten Nachmittag deckte Imaneona im kleinen Salon für drei Personen. Donald änderte die Anordnung zweimal und ließ sie schließlich so, wie sie zuerst gewesen war. Kurz vor vier blieb ein Wagen vor dem Haus stehen. Donald ging selbst zur Tür und sah auf der Schwelle einen sehr alten Mann, den er bei einer zufälligen Begegnung nicht sofort erkannt hätte. Als Eduard den Kopf hob, erinnerte seine Haltung für einen Augenblick an den jungen Schauspieler, der einen einzigen Satz zwanzigmal wiederholt hatte.

Donald begrüßte ihn und führte ihn in den kleinen Salon, wo Imaneona den Tee brachte und bei ihnen blieb. Anfangs sprachen Donald und Eduard vorsichtig über frühere Kollegen, deren Namen beiden vertraut waren. Nach einer Weile begann Eduard von den Jahren nach seinem Abschied vom Theater zu erzählen, und Donald hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Der Besuch, für den sie zunächst nur einen Nachmittag vorgesehen hatten, dauerte bis zum Abend.

Weitere Figuren
  • Clara HartungWitwe des Lehrers Eduard Hartung.
  • Eduard Hartung, LehrerClaras verstorbener Mann.
  • Eduard Hartung, SchauspielerDonalds früherer Schauspielkollege.