Eine Begegnungsgeschichte

Als ich zu dir kam

Barbara trifft bei ihrer Schwester auf Elodie und fürchtet, ihren Platz an sie verloren zu haben.

Geschichten mit diesen Wollwesen
Barbara Delius steht mit Hut und dunkelgrünem Mantel vor Evitas Wohnungstür, die Elodie von Winterfeld im senffarbenen Kleid für sie geöffnet hat.
Wer in dieser Geschichte vorkommt

Als ich zu dir kam

Barbara Delius kam an einem Donnerstagabend zu Evita. Sie war seit fünf Wochen unterwegs gewesen, zuerst in einem kleinen Gasthaus, danach in zwei Berghotels, und hatte an jedem freien Abend geglaubt, am nächsten werde sie ihre Schwester anrufen. Nun war der Geburtstag ihres verstorbenen Bruders. Zu seinen Lebzeiten hatte dieser Tag der ganzen Familie gehört; seit seinem Tod sprach niemand mehr rechtzeitig darüber. Man erinnerte sich daran, ohne einander wissen zu lassen, dass man sich erinnerte.

Barbara hatte Evita versprochen, diesmal da zu sein.

Als sie vor der Wohnungstür den Hut abnahm, war es kurz nach sieben. Elodie öffnete. Sie trug ihr senffarbenes Kleid und hielt noch den Bleistift in der Hand, mit dem sie offenbar eben geschrieben hatte. Hinter ihr lag die Wohnung in jener ruhigen Ordnung, die nicht hergestellt wirkte, sondern bewohnt.

Evita sei noch in der Praxis, erklärte Elodie. Ein Gespräch habe länger gedauert. Sie habe vor einer halben Stunde angerufen und gebeten, nicht auf sie zu warten.

Barbara trat ein. Der Satz missfiel ihr, obwohl Elodie nichts dafür konnte. Sie hatte fünf Wochen lang nicht angerufen und war nun gekränkt, weil Evita ausgerechnet an diesem Abend nicht auf sie wartete.

In der Küche stand das Essen bereit. Elodie hatte nur eine Suppe gekocht, weil Evita nach einem schweren Arbeitstag kaum etwas anderes aß. Das wusste sie, ohne darüber nachdenken zu müssen. Auch wusste sie, welchen Teller Evita bevorzugte, wo Barbara ihren Mantel ablegen konnte und dass das Fenster im Flur klemmte, sobald der Wind von der Straße her kam. Es waren lauter geringfügige Kenntnisse. Gerade deshalb trafen sie Barbara.

Sie selbst kannte Evitas Kindheit. Sie wusste, wie ihre Schwester als kleines Mädchen die Lippen zusammenpresste, wenn sie weinen musste, und wie lange sie nach einem Streit warten konnte, ehe sie wieder ein freundliches Wort sagte. Barbara hätte jede dieser Erinnerungen gegen das Wissen eintauschen mögen, ob Evita abends Suppe oder Brot aß.

Elodie fragte, ob Barbara Tee wolle. Barbara verneinte zu rasch. Elodie stellte die Kanne zurück und strich mit dem Daumen über die Graphitspur an ihrem Finger.

„Evita hat dir gesagt, welcher Tag heute ist?“

Elodie nickte. Sie hatte den Bruder während der letzten Wochen seines Lebens kennengelernt und war bald nach seinem Tod zu Evita in die große Stadt gekommen. Im ersten Winter sei der Geburtstag sehr schwer gewesen. Seither erwähne Evita ihn einige Tage vorher, gewöhnlich mitten in einem ganz anderen Satz.

Elodie sagte es ohne Nachdruck. Dennoch stand plötzlich die ganze erste Zeit nach dem Tod zwischen ihnen: jene Abende, an denen Elodie hier gewesen war, während Barbara in fremden Häusern früh aufgestanden war, Wege geprüft und Gäste sicher zurückgebracht hatte.

Sie ging zum Fenster. Unten wurden die Läden geschlossen. Auf der anderen Straßenseite zog ein Kaufmann die Markise ein, und Barbara dachte, dass Elodie sogar die Stunde kannte, zu der er das tat. Wahrscheinlich hatte sie darüber geschrieben. Elodie wusste, wie das Licht am Nachmittag in Evitas Wohnung fiel. Barbara wusste nicht einmal, seit wann das Fenster im Flur klemmte.

„Ich kann in mein Zimmer gehen, wenn Evita kommt“, sagte Elodie. „Ihr habt euch lange nicht gesehen.“

Barbara wandte sich um. „Du musst nicht verschwinden.“

Sie meinte den Satz freundlich. Doch es war die Freundlichkeit, mit der sie einem ängstlichen Gast erklärte, er dürfe zurückbleiben, wenn er sich den Weg nicht zutraue. Elodie senkte den Blick. Nach einem Augenblick nahm sie das kleine Buch vom Küchenschrank und legte den Bleistift hinein.

Barbara sah, wie selbstverständlich selbst diese Bewegung war. Elodie musste nicht fragen, ob sie sich zurückziehen dürfe. Sie wohnte hier. Barbara hingegen war zu Besuch, obgleich sie Evitas Schwester war.

„Vielleicht gehe ich noch eine Stunde hinaus“, sagte Elodie. „Dann könnt ihr zuerst allein sein.“

„Evita hat dich offenbar nötiger gebraucht als mich.“

Der Satz war ausgesprochen, ehe Barbara begriff, was sie gesagt hatte. Elodie hob den Kopf. Ihr Gesicht veränderte sich kaum; nur ihre Hand schloss sich fester um das Buch.

„Das habe ich nie behauptet.“

„Man muss es nicht behaupten, wenn man geblieben ist.“

Elodie legte das Buch wieder hin. Sie machte keine Bewegung zur Tür. Dieses Schweigen hätte Barbara die Gelegenheit gegeben, ihren Satz zurückzunehmen. Stattdessen griff sie nach ihrem Mantel. Sie sagte, sie habe wohl einen ungünstigen Abend gewählt, und ging.

Auf der Straße setzte sie den Hut nicht auf. Die Luft war mild, doch sie ging so rasch, als müsse sie vor dem Wetter eine sichere Unterkunft erreichen. Nach wenigen Minuten kannte sie wieder das Gefühl, das sie auf schwierigen Wegen beruhigte: den gleichmäßigen Schritt, die klare Richtung, die Gewissheit, dass ein Ziel näher kam, solange man nicht stehen blieb.

Nur hatte sie diesmal kein Ziel gewählt.

Sie hätte nach Hause gehen können. Evita würde später anrufen, und Barbara würde sagen, der Abend sei unglücklich verlaufen. Vielleicht hätte sie hinzugefügt, Elodie habe ihnen Raum geben wollen und dadurch alles umständlich gemacht. Evita hätte den Widerspruch darin bemerkt. Sie hätte Barbara nicht geschont, aber sie hätte sie verstanden. Gerade darauf hatte Barbara sich in ihrer Familie oft verlassen: dass man ihre Gründe kannte und deshalb die Folgen ertrug.

Am Ende der Straße blieb sie stehen.

Als ihr Bruder gestorben war, hatte Barbara eine Gruppe in den Bergen begleitet. Sie war am dritten Tag zurückgekommen, hatte eine Nacht bei Evita verbracht und war am folgenden Morgen wieder abgereist, weil ein Hotel ihren Namen bereits angekündigt hatte. Evita hatte ihr nicht vorgeworfen, dass sie ging.

Barbara hatte sich oft erzählt, sie habe damals nicht anders handeln können. Doch sie wusste, dass dies nicht ganz stimmte. Sie hätte einen Auftrag abgeben, eine Reise verkürzen, einen Auftraggeber enttäuschen können. Was sie nicht ertragen hatte, war etwas anderes: in Evitas Wohnung zu bleiben, wenn nichts zu ordnen und niemand sicher heimzuführen war. Der Schmerz ihrer Schwester hatte keine Richtung besessen. Barbara konnte ihn weder prüfen noch begrenzen. Also war sie dorthin zurückgekehrt, wo ihre Verlässlichkeit genügte.

Barbara kehrte um. Nun ging sie langsamer. Vor Evitas Wohnungstür musste sie zweimal nach Luft holen, obwohl die Treppe ihr keine Mühe gemacht hatte. Dann klopfte sie.

Elodie öffnete wieder. Barbara konnte kaum zwanzig Minuten fort gewesen sein.

„Ich habe dir wehgetan“, sagte Barbara. „Und dann bin ich gegangen, damit ich es nicht ansehen musste.“

„Ja“, sagte Elodie.

Barbara blieb vor der Tür.

„Ich gehe heute weder in mein Zimmer noch hinaus“, sagte Elodie. „Wenn du hereinkommst, bleibe ich.“

„Deshalb bin ich zurückgekommen“, sagte Barbara.

Erst dann trat Elodie zur Seite.

In der Küche hatte sie nichts verändert. Die Suppe stand noch auf dem Herd. Barbara legte den Mantel ab und blieb einen Augenblick ratlos stehen. Es wäre leichter gewesen, eine Arbeit zu finden. Sie hätte das Essen wärmen oder das Fenster schließen können. Stattdessen wandte sie sich Elodie zu.

„Erzähl mir von damals“, bat sie. „Von den ersten Monaten mit Evita.“

Elodie fragte, weshalb Barbara das wissen wolle.

„Weil ich nicht da war.“

Elodie begann zögernd. Sie erzählte nicht von großen Zusammenbrüchen. Evita hatte weiterhin gearbeitet, ihre Briefe beantwortet und die Rechnungen pünktlich bezahlt. Doch wenn am Abend das Telefon läutete, ging sie oft so rasch in den Flur, dass Elodie erschrak. Manchmal blieb sie nach dem Gespräch lange dort stehen, ehe sie zurückkehrte. Erst viel später hatte Evita ihr gesagt, sie habe in diesen ersten Augenblicken noch immer den Anruf ihres Bruders erwartet. An anderen Tagen sprach sie unvermittelt von ihm, mitten in einer Bemerkung über das Wetter oder einen Menschen aus der Praxis, und schwieg sofort wieder, als hätte sie sich versprochen.

Einmal war Evita nach Mitternacht heimgekehrt. Elodie hatte Licht unter Evitas Tür gesehen, war aber im eigenen Zimmer geblieben, weil sie noch nicht wusste, ob ihre Nähe erwünscht war. Am Morgen fand sie Evita angekleidet im Flur. Beide behaupteten, früh aufgestanden zu sein. Erst Wochen später gestanden sie einander, dass keine von ihnen geschlafen hatte.

Barbara hörte zu. Mehrmals wollte sie sagen, Evita sei schon als Kind so gewesen. Sie schwieg, bis Elodie zu Ende gesprochen hatte.

Dann erzählte sie von dem Bruder, den Elodie nur kurze Zeit gekannt hatte. Er konnte keine Äpfel schälen, ohne dass ihm die Schale dreimal abriss, und behauptete jedes Mal, das Messer sei stumpf. Er verwechselte Wege, die Barbara ihm seit ihrer Kindheit immer wieder gezeigt hatte, und war dennoch beleidigt, wenn sie voranging. Evita hatte ihn am zuverlässigsten zum Lachen gebracht. Barbara selbst hatte ihn immer dann aufgesucht, wenn sie müde war, weil er zu den wenigen gehörte, die ihre Tüchtigkeit nicht mit Unverwundbarkeit verwechselten.

Bei diesem Satz versagte ihr die Stimme. Sie wandte sich nicht ab. Elodie wartete, ohne die Stille mit Trost zu bedecken.

Barbara sagte, sie habe lange geglaubt, Evitas Trauer sei größer und daher wichtiger als ihre eigene. In Wahrheit hatte sie nur nicht gewusst, wie sie trauern sollte, ohne dabei etwas zu leisten. Je länger sie fortblieb, desto schwerer war die Rückkehr geworden. Schließlich hatte sie sich eingeredet, Evita und Elodie besäßen inzwischen ein gemeinsames Leben, in das sie ohnehin nur für einzelne Abende gehöre.

Elodie legte beide Hände auf den Küchenschrank. Auch sie habe sich manches eingeredet. Anfangs sei sie bei Evita geblieben, weil diese sie brauchte. Später, als aus den schweren Abenden ein gewöhnliches Zusammenleben geworden war, habe sie oft gefürchtet, sie müsse ihren Platz immer wieder durch Nützlichkeit verdienen. Wenn Barbara kam und mit Evita über eine Kindheit sprach, an der Elodie keinen Anteil hatte, erschien ihr die eigene Nähe plötzlich wie etwas Vorläufiges. Deshalb hatte sie an diesem Abend wieder weichen wollen, noch ehe Barbara darum gebeten hatte. Es war leichter gewesen, sich selbst fortzuschicken, als zu erfahren, ob man sie fortwünschte.

„Du bist Evita nah, weil ihr einander lieb geworden seid“, sagte Barbara. „Dass ich mich entfernt habe, ist nicht deine Schuld.“

Elodie sah sie lange an. Dann fragte sie, ob Barbara noch mehr von ihrem Bruder erzählen könne.

Barbara erzählte weiter: von seiner Ungeduld beim Warten, seiner unnötig lauten Begrüßung und seinem ernsten Gesicht, wenn er einen schlechten Scherz machte. Elodie erkannte diesen Blick wieder. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie lange gebraucht, um zu begreifen, dass er sie zum Lachen bringen wollte.

Als Evita nach zehn Uhr heimkam, blieb sie im Flur stehen. Barbara war noch da. Elodie ebenfalls. Aus der Küche hörte sie den Namen ihres Bruders und danach ein leises Lachen, das bald wieder verklang.

Evita entschuldigte sich für die Verspätung. Barbara ging zu ihr und nahm ihr den Mantel ab. Elodie wärmte die Suppe. Keine von beiden zog sich zurück. Sie blieben noch lange beieinander. Barbara verschwieg nicht, weshalb sie nach dem Tod so rasch wieder abgereist war. Elodie erzählte auch von jener Nacht, in der sie und Evita wach geblieben waren, ohne einander aufzusuchen. Evita hörte beiden zu.

Einige Wochen später kehrte Barbara von einem Auftrag zurück. Es war früher Nachmittag, und sie wusste, dass Evita bis zum Abend in der Praxis sein würde. Sie ging dennoch nicht in ihre eigene Wohnung. Vor Evitas Tür nahm sie den Hut ab und klopfte.

Elodie öffnete. Ihr Erstaunen war so deutlich, dass Barbara beinahe lächeln musste.

„Evita kommt erst spät zurück“, sagte Elodie.

„Ich weiß. Ich bin zu dir gekommen.“

Elodie öffnete die Tür weiter. Barbara trat ein.

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