Sir Donald Ashcombe im Galerieporträt

Aus der Galerie

Sir Donald Ashcombe

Der Intendant

Sir Donald Ashcombe war mehr als dreißig Jahre Regisseur an einem großen Theater. Seit zwanzig Jahren lebt er mit einem neuen Herzen und heute gemeinsam mit seiner Frau Imaneona Welser nahe ihrer alten Heimat.

Nach einem Leben am Theater wohnt Donald mit Imaneona nahe ihrer alten Heimat.

Geschichten mit Sir Donald Ashcombe

Die richtige Besetzung

Wer in dieser Geschichte vorkommt

Sir Donald Ashcombe hielt Proben in Hotels für eine Zumutung, die sich nur durch außerordentlich gute Gagen und außerordentlich schlechte Terminplanung erklären ließ. Ein Ballsaal war kein Theater. Er besaß zu viele Türen, zu wenig Tiefe und stets einen Kronleuchter, der wichtiger wirken wollte als alle Menschen darunter.

Dennoch hatte Donald zugesagt, für eine Reihe von Hotelabenden eine kurze Aufführung einzurichten. Das Haus war vornehm, der Saal gut besucht, und die angekündigte Hauptdarstellerin besaß einen Namen, bei dem selbst jene Gäste aufmerksam wurden, die sonst erst beim Abendessen bemerkten, was am Nachmittag gespielt worden war.

Elodie von Winterfeld sollte die Einführung verfassen. Donald hatte sie gebeten, weil sie einen Menschen in wenigen Sätzen vorstellen konnte, ohne aus ihm eine Ankündigung zu machen. Zwei Tage vor der Aufführung saß sie am Rand des Ballsaals und hörte der Probe zu. Donald stand in der Mitte des Raumes, unterbrach zu frühe Einsätze und korrigierte noch jene Bewegungen, die vermutlich nur er bemerkte.

Die Hauptdarstellerin fehlte.

Donald ließ zunächst ohne sie proben. Er erklärte, bedeutende Künstlerinnen hätten die Gewohnheit, ihre Pünktlichkeit für einen Teil ihrer Begabung zu halten. Der Satz war fein genug, um die Wartenden zum Lächeln zu bringen, und scharf genug, damit niemand ein zweites Mal nachfragte.

Eine halbe Stunde später erschien eine junge Frau in der Tür. Sie war nicht sehr jung, aber jung genug, um sich in Donalds Gegenwart zunächst zu entschuldigen, obwohl sie selbst nichts versäumt hatte. Sie nannte sich Mathilde Brenner und bat darum, Sir Donald allein zu sprechen.

Donald ging mit ihr in einen kleinen Nebenraum. Elodie blieb im Saal. Durch die geschlossene Tür war nichts zu hören. Als beide zurückkehrten, hatte Donald bereits jene Ruhe angenommen, mit der er gewöhnlich Entscheidungen bekannt gab, die andere erst noch verstehen mussten.

Er stellte Mathilde nicht vor. Er sagte nur, die Probe werde nun mit der Hauptdarstellerin fortgesetzt.

Mathilde sah kurz zu ihm. Dann ging sie auf die vorgesehene Stelle und begann.

Ihre Stimme war weniger dunkel als die der angekündigten Künstlerin und ihre Haltung nicht so vollkommen beherrscht. Dafür hörte sie den anderen zu. Wenn ein Satz an sie gerichtet wurde, wartete sie nicht nur auf den eigenen Einsatz. Eine Szene, die am Vormittag noch aus sorgfältig gesetzten Einzelheiten bestanden hatte, bekam plötzlich eine gemeinsame Bewegung.

Donald unterbrach sie nach wenigen Minuten. Er änderte einen Weg, ließ einen Satz wiederholen und verlangte, dass sie eine Pause länger hielt. Mathilde tat, was er sagte, ohne gefällig zu wirken. Beim zweiten Versuch war die Pause richtig. Donald nickte kaum sichtbar.

Nach der Probe bat er Elodie in den Nebenraum. Mathilde wartete dort bereits.

Die angekündigte Darstellerin, erklärte Donald, habe am Morgen ihre Stimme verloren. Es sei nichts Ernstes, doch sie könne für mehrere Tage nicht auftreten. Mathilde sei ihre bisherige Zweitbesetzung und kenne die Rolle vollständig. Die Künstlerin habe sie geschickt, damit der Hotelabend nicht abgesagt werden müsse.

Elodie fragte, unter welchem Namen Mathilde auftreten werde.

Donald antwortete, der angekündigte Name bleibe bestehen. Das Publikum sei wegen dieses Namens gekommen, das Hotel habe mit ihm geworben, und eine kurzfristige Änderung würde mehr Unruhe verursachen als die Aufführung selbst. Mathilde sei angewiesen worden, nach dem Schluss nicht am Empfang teilzunehmen. Niemand werde getäuscht, der nur das Stück sehen wolle.

Mathilde sagte nichts. Sie hielt die Hände ruhig im Schoß, doch ihr Blick blieb auf Donald gerichtet.

Elodie erklärte, sie werde keine Einführung schreiben, in der Mathilde als eine andere Frau angekündigt werde.

Donald entgegnete, dann werde die Darstellerin überhaupt nicht namentlich genannt. Eine Rolle könne auch ohne Vorstellung beginnen.

„Ein verschwiegener Name ist noch keine Wahrheit“, sagte Elodie.

Donald sah sie mit geduldiger Ungeduld an. Diese besondere Form der Höflichkeit hatte schon bedeutendere Menschen dazu gebracht, ihre Einwände für weniger bedeutend zu halten. Elodie kannte sie und wartete.

Schließlich erklärte Donald, er trage die Verantwortung für den Abend. Eine Absage würde das Hotel, die Mitwirkenden und das Publikum treffen. Mathilde erhalte eine Gelegenheit, die sie unter gewöhnlichen Umständen nicht bekäme. Niemand verliere etwas, wenn die Aufführung gelinge.

Mathilde hob nun den Kopf. Sie sagte, sie habe am Morgen geglaubt, als Ersatz angekündigt zu werden. Erst auf der Fahrt habe die Künstlerin ihr mitteilen lassen, der Name dürfe nicht geändert werden. Mathilde sei trotzdem gekommen, weil sie fürchtete, nach einer Weigerung nie wieder für eine größere Rolle berücksichtigt zu werden.

Donald fragte, ob sie spielen könne.

Mathilde bejahte es.

Für Donald war die wichtigste Frage damit beantwortet. Für Elodie begann sie erst dort.

Am folgenden Nachmittag fand die letzte Probe statt. Donald hatte entschieden, dass vor Beginn nur der Titel und die Rollen genannt würden. Die angekündigte Darstellerin werde im Saal nicht erscheinen, nach der Vorstellung lasse sich eine plötzliche Unpässlichkeit erklären. Es war eine Lösung ohne ausgesprochenen falschen Satz. Donald schien sie gerade deshalb für tadellos zu halten.

Mathilde spielte noch sicherer als am Vortag. Sie besaß nicht die vollendete Wirkung einer bekannten Künstlerin, doch sie musste auch keine Erwartung erfüllen, die ihr seit Jahren vorauseilte. Donald begann, die Inszenierung an ihre Art anzupassen. Er kürzte einen Übergang, ließ sie früher eintreten und nahm eine übertriebene Geste zurück. Je besser Mathilde wurde, desto entschiedener verschwieg er ihren Namen.

Elodie beobachtete, wie aus einer Notlösung eine Leistung entstand und aus der Leistung wiederum ein Grund, sie zu verbergen. Eitelkeit ist selten so ungeschickt, sich selbst beim Namen zu nennen. Meist erscheint sie als Verantwortung und erwartet, dass man ihr dafür dankt.

Eine Stunde vor Beginn erfuhr Mathilde, dass nach der Aufführung ein Empfang stattfinden sollte. Mehrere Gäste hatten um eine persönliche Begegnung mit der angekündigten Künstlerin gebeten. Donald ordnete an, Mathilde werde unmittelbar nach dem Schluss durch den hinteren Gang in ihr Zimmer gehen. Man werde den Gästen mitteilen, die Darstellerin müsse ihre Stimme schonen.

Mathilde fragte, ob Donald ernsthaft erwarte, dass sie auf der Bühne den Namen einer anderen trage und sich danach verberge.

Donald sagte, er erwarte, dass sie eine übernommene Aufgabe erfülle.

Mathilde antwortete, sie habe die Rolle übernommen, nicht das Leben der Frau, die sie geschickt habe. Dann verließ sie den Ballsaal.

Donald ließ sie gehen. Erst als die Tür geschlossen war, fragte er, wie viel Zeit bis zum Einlass bleibe. Es waren achtunddreißig Minuten.

Er prüfte, ob sich die Aufführung kürzen und auf die übrigen Mitwirkenden verteilen ließe. Nach wenigen Versuchen war deutlich, dass dadurch nicht eine andere Fassung, sondern nur eine schlecht verborgene Lücke entstehen würde. Donald schlug vor, Elodie könne die fehlenden Szenen vorlesen. Elodie erinnerte ihn daran, dass sie Sätze ordne und nicht Rollen übernehme. Außerdem sei Mathilde nicht ausgefallen. Sie habe eine Bedingung abgelehnt, die nie zu ihrer Aufgabe gehört hatte.

Donald ging zum Fenster. Im Vorraum sammelten sich bereits die ersten Hotelgäste. Einige hatten den Nachmittag so sorgfältig für diesen Abend gekleidet, dass eine Enttäuschung beinahe wie ein persönlicher Angriff wirken würde.

Elodie trat neben ihn. Sie sagte nicht, er müsse die Wahrheit erzählen. Donald wusste es längst. Sein eigentliches Zögern galt nicht dem Publikum. Es galt dem Augenblick, in dem alle erfahren würden, dass er die Täuschung gekannt und dennoch vorbereitet hatte.

„Was soll ich sagen?“, fragte Donald schließlich.

Elodie antwortete, er solle mit dem beginnen, was er selbst entschieden habe. Danach könne er Mathilde bei ihrem Namen nennen. Mehr brauche eine Wahrheit selten. Weniger vertrage sie nicht.

Donald ließ Mathilde suchen. Sie war noch im Hotel. Man fand sie in der Eingangshalle, bereits im Mantel und im Begriff zu gehen. Donald bat sie nicht um Verständnis. Er sagte, er werde das Publikum vor Beginn vollständig informieren. Wenn sie danach noch spielen wolle, werde sie unter ihrem eigenen Namen auftreten. Wenn sie gehen wolle, werde er die Aufführung absagen und die Verantwortung dafür übernehmen.

Mathilde sah ihn lange an. Dann fragte sie, ob er auch sagen werde, dass er die Täuschung zunächst hatte zulassen wollen.

Donald bejahte es.

Mathilde gab ihren Mantel ab und ging mit ihm zurück.

Als sich die Türen öffneten, nahm das Publikum seine Plätze ein. Donald wartete, bis im Ballsaal Ruhe eingekehrt war. Dann trat er allein vor die Gäste.

Er erklärte, die angekündigte Darstellerin könne nicht auftreten. Ihre Zweitbesetzung Mathilde Brenner sei an ihrer Stelle gekommen. Er selbst habe beabsichtigt, diese Änderung zu verschweigen, weil er den Abend retten und eine Enttäuschung vermeiden wollte. Mathilde habe sich geweigert, unter einem fremden Namen aufzutreten. Sie habe damit richtiger entschieden als der Intendant.

Im Saal entstand jene Unruhe, die Donald hatte verhindern wollen. Einige Gäste sprachen miteinander. Eine Dame in der ersten Reihe stand auf und verließ den Raum. Zwei weitere folgten ihr. Donald wartete, bis die Türen wieder geschlossen waren.

Dann kündigte er Mathilde Brenner an.

Mathilde trat ein. Ihre ersten Sätze waren etwas zu rasch, und Donald bemerkte, dass ihre linke Hand zitterte. Er gab ihr kein Zeichen. Nach wenigen Augenblicken fand sie selbst in die Szene zurück.

Die Aufführung wurde kein Triumph, und gerade deshalb war sie gut. Das Publikum musste keine berühmte Frau wiedererkennen, sondern einer unbekannten zuhören. Mathilde spielte nicht fehlerlos. Einmal setzte sie zu früh ein, ein anderes Mal vergaß sie einen Weg, den Donald am Nachmittag geändert hatte. Doch sie blieb bei den anderen, und die anderen blieben bei ihr.

Nach dem Schluss war der Beifall zunächst zurückhaltend. Dann wurde er wärmer. Mathilde trat mit den übrigen Mitwirkenden vor. Donald blieb am Rand des Saales. Als einige Gäste auch nach ihm riefen, trat er nicht hinzu. Eine Entschuldigung wird nicht glaubwürdiger, wenn sie sich anschließend verbeugt.

Beim Empfang blieb Mathilde im Ballsaal. Donald führte sie nicht wie eine Entdeckung herum und erklärte niemandem, er habe immer an sie geglaubt. Beides wäre eine neue Unwahrheit gewesen. Er stand neben ihr, wenn ein Gast Fragen stellte, und antwortete nur, wenn Mathilde ihn darum bat.

Später trat eine ältere Dame zu ihnen. Sie gestand, ursprünglich allein wegen des berühmten Namens gekommen zu sein. Nun wolle sie wissen, wer die junge Frau sei, die tatsächlich gespielt habe.

Donald wandte sich Mathilde zu, wartete einen Augenblick und sagte dann: „Darf ich vorstellen: Mathilde Brenner.“

Es war an diesem Abend bereits das zweite Mal, dass er ihren Namen vor Publikum aussprach. Beim ersten Mal hatte er einen Fehler berichtigt. Beim zweiten stellte er einen Menschen vor.

Elodie hörte es aus einiger Entfernung. Sie nahm sich nicht vor, diesen Satz später aufzuschreiben. Manche Sätze erfüllten ihren Zweck am besten, wenn man sie rechtzeitig sagte.