
Aus der Galerie
Evita von Saldern
Die Seelenärztin
Evita von Saldern führt in einer großen Stadt eine Praxis für Menschen in seelischer Not. Sie hört genau zu und besitzt ein außergewöhnliches Gedächtnis für das, was ihr anvertraut wurde.
Evita begleitet Menschen in seelischer Not und bewahrt aufmerksam, was sie ihr anvertrauen.
Die abgesagte Stunde
Wer in dieser Geschichte vorkommt
- Evita von Saldern
- Rosalie SeidelEvitas jüngere Kollegin, deren klare Entscheidung von Evita zu lange für vorläufig gehalten wird.
- Berta LenzEine Patientin Rosalies, der Evita eine nicht vereinbarte Stunde verspricht.
Evita von Saldern führte seit vielen Jahren eine Praxis in der großen Stadt. Ihre Räume lagen im zweiten Stock eines stillen Hauses, dessen Fenster auf einen von alten Bäumen beschatteten Platz hinausgingen. Wer zu ihr kam, brachte selten eine Sorge allein. Meist saßen noch andere daneben: eine längst vergangene Kränkung, eine nicht eingestandene Hoffnung oder jene Müdigkeit, die entsteht, wenn ein Mensch zu lange versucht hat, vernünftig zu sein.
Evita hörte aufmerksam zu. Sie unterbrach kaum und erinnerte sich noch nach Monaten an einen Satz, den sein Sprecher selbst für nebensächlich gehalten hatte. Gerade diese Genauigkeit machte sie zu einer geschätzten Ärztin. Sie erkannte Widersprüche rasch und wusste beinahe immer, welcher nächste Schritt möglich war.
Mitunter wusste sie es zu früh.
Seit vier Jahren arbeitete Rosalie Seidel mit ihr. Rosalie war jünger als Evita, zurückhaltend und von jener verlässlichen Freundlichkeit, die nicht jede Stunde neu bewiesen werden muss. Sie führte ihre Gespräche ohne Hast und nahm nur so viele Menschen an, wie sie wirklich begleiten konnte. Evita schätzte sie besonders deshalb. In einer Praxis, in der jeder Tag Unvorhergesehenes brachte, erschien ihr Rosalie wie ein Versprechen, das sich selbst hielt.
An einem Abend im Spätherbst wartete Rosalie, bis die letzte Besucherin gegangen war. Evita saß noch an ihrem Schreibtisch und ordnete die Aufzeichnungen des Tages. Rosalie blieb an der Tür stehen und erklärte, sie müsse ihre Arbeit vom kommenden Monat an auf die Vormittage beschränken. Drei ihrer schwierigsten Fälle wolle sie abgeben.
Evita legte den Stift nieder. Sie fragte, ob Rosalie krank sei.
Rosalie verneinte es. Seit dem Sommer bemerke sie, dass ihre Aufmerksamkeit am Nachmittag nachlasse. Sie schlafe schlecht und brauche länger, um sich nach schweren Gesprächen wieder zu sammeln. Sie wolle weiterarbeiten, aber in einem Umfang, den sie verantworten könne.
Evita hörte jedes Wort. Dennoch schien ihr vor allem das darin enthaltene Risiko deutlich zu werden. Rosalie war im Begriff, aus einer Zeit der Erschöpfung eine dauerhafte Entscheidung zu machen. Sie würde Fälle abgeben, die ihr vertrauten, ihr Einkommen verringern und vielleicht später bereuen, sich vorschnell zurückgezogen zu haben.
Evita schlug zwei freie Wochen vor. Danach könne Rosalie wiederkommen und neu entscheiden.
Rosalie antwortete, sie brauche keine Ferien. Nicht eine Unterbrechung fehle ihr, sondern ein anderer Umfang ihrer Arbeit.
Evita bat sie, den Entschluss noch einen Monat ruhen zu lassen. Bis dahin werde man den Kalender etwas entlasten. Das klang vernünftig und großzügig. Gerade deshalb bemerkte Evita nicht, dass sie Rosalie keine Antwort gegeben, sondern deren Entscheidung vertagt hatte.
Am folgenden Morgen begann Evita mit der Neuordnung. Sie verschob einige Stunden, übernahm zwei neue Gespräche selbst und trug bei drei besonders belastenden Fällen den Vermerk ein, Rosalie werde vorläufig vertreten. Ihren Namen ließ sie stehen. Eine endgültige Übergabe, dachte Evita, würde den Menschen unnötige Unruhe bereiten und Rosalie den Rückweg erschweren.
Als Rosalie den veränderten Kalender sah, kam sie in Evitas Zimmer. Sie fragte, weshalb ihre drei Fälle nicht abgegeben worden seien.
Evita erklärte, sie habe eine schonende Übergangszeit eingerichtet. Niemand verliere Rosalie von einem Tag auf den anderen, und Rosalie müsse nichts unwiderruflich aufgeben.
Darauf erwiderte Rosalie ruhig, sie habe nichts Unwiderrufliches verlangt. Sie habe lediglich gesagt, welche Arbeit sie künftig übernehmen könne.
Evita versprach, am Ende des Monats noch einmal mit ihr darüber zu sprechen. Rosalie blieb einen Augenblick stehen, als überlege sie, ob eine deutlichere Wiederholung noch einen Sinn habe. Dann ging sie zurück in ihr Zimmer.
Unter den drei Menschen, die Rosalie hatte abgeben wollen, befand sich Berta Lenz. Sie war seit dem Tod ihrer Schwester mehrmals bei Rosalie gewesen und hatte erst vor Kurzem begonnen, wieder allein aus dem Haus zu gehen. Veränderungen beunruhigten sie. Evita war überzeugt, gerade bei ihr müsse jeder Übergang besonders behutsam erfolgen.
Rosalie schrieb Berta einen persönlichen Brief. Darin erklärte sie, dass sie ihre Arbeit einschränke und deshalb die vereinbarten Stunden nicht fortführen könne. Sie nannte ihr zwei erfahrene Kolleginnen, an die sie sich wenden durfte, und bot ein abschließendes Gespräch am Vormittag an.
Berta nahm das Angebot nicht an. Stattdessen rief sie in der Praxis an und erreichte Evita. Sie fragte, ob Rosalie sie nicht mehr empfangen werde.
Evita sagte, die Angelegenheit sei noch nicht endgültig entschieden. Frau Seidel sei erschöpft und brauche Entlastung. Die nächste Stunde könne vorerst bestehen bleiben.
Damit wollte Evita Berta beruhigen. Sie ahnte nicht, dass sie in demselben Augenblick Rosalies klare Mitteilung in eine vorübergehende Verstimmung verwandelte.
Am Tag der nächsten vereinbarten Stunde erschien Berta kurz vor sechs. Rosalie war bereits gegangen. Evita fand die Dame im Vorzimmer, den Mantel noch geschlossen, die Hände fest um ihre Tasche gelegt.
Evita bat sie in ihr eigenes Sprechzimmer. Sie erklärte, Frau Seidel habe an diesem Nachmittag keine Termine, doch sie selbst werde das Gespräch übernehmen.
Berta setzte sich nicht. Sie sah auf den leeren Stuhl gegenüber dem Schreibtisch und sagte, Frau Seidel habe ihr geschrieben, dass die gemeinsamen Stunden endeten. Nur Evita habe am Telefon versichert, alles bleibe vorläufig wie bisher.
Evita antwortete, sie habe verhindern wollen, dass Berta sich plötzlich verlassen fühle.
Nun setzte Berta sich doch. Sie tat es langsam und mit sichtbarer Anstrengung.
„Frau Seidel hat mich nicht verlassen“, sagte Berta. „Sie hat mir rechtzeitig die Wahrheit geschrieben. Sie waren es, die mir eine Stunde versprochen haben, die sie niemals zugesagt hat.“
Evita schwieg. Berta bat nicht um ein Gespräch. Sie verlangte nur ihren Mantel, den die Empfangsdame ihr abgenommen hatte, und verließ die Praxis.
Am nächsten Morgen versuchte Evita, den Fehler zu berichtigen. Sie entwarf einen neuen Plan, in dem Rosalie nur noch zwei Nachmittage im Monat übernehmen sollte. Die übrigen Fälle würden schrittweise abgegeben. Evita hielt dies für einen guten Ausgleich: Rosalie erhielt die gewünschte Entlastung, ohne ihre vertraute Arbeit vollständig zu verlieren.
Als sie Rosalie den Plan zeigte, las diese ihn bis zum Ende.
Dann fragte sie Evita, weshalb darin überhaupt noch Nachmittage unter ihrem Namen stünden.
Evita erklärte, sie wolle verhindern, dass Rosalie aus einer vorübergehenden Überforderung heraus ihre bisherige Stellung beschädige.
Rosalie faltete das Blatt einmal in der Mitte und legte es auf den Tisch zurück. Ihr Ruf, sagte sie, werde nicht dadurch geschützt, dass andere unter ihrem Namen Zusagen machten, die sie ausdrücklich abgelehnt habe.
Am selben Tag kündigte Rosalie ihre Mitarbeit.
Evita bat sie, die Entscheidung nicht im Zorn zu treffen. Rosalie antwortete, sie sei nicht zornig. Eben darin lag etwas, das Evita mehr beunruhigte als jeder Vorwurf. Rosalie erklärte, sie könne nicht in einer Praxis bleiben, in der eine klar ausgesprochene Grenze so lange als vorläufig gelte, bis sie Evitas Vorstellungen entspreche.
Rosalie blieb noch drei Wochen, um jene Menschen zu informieren, deren Begleitung sie tatsächlich fortgeführt hatte. Mit Evita sprach sie nur über das Notwendige. Ihre Höflichkeit veränderte sich nicht. Sie verlor lediglich jene Wärme, die früher ganz selbstverständlich zwischen ihnen bestanden hatte.
Erst jetzt zeigte sich, welchen Schaden Evitas Fürsorge angerichtet hatte. Zwei weitere Personen waren davon ausgegangen, Rosalie werde bald zu ihrem bisherigen Umfang zurückkehren. Eine davon hatte eine andere Behandlungsmöglichkeit abgelehnt. Berta Lenz wiederum bat schriftlich um ihre vollständigen Unterlagen und teilte mit, sie werde die Praxis nicht mehr betreten.
Evita hätte erklären können, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Das Wort lag nahe und war bequem. Es machte aus einer Handlung ein Unglück, das niemand recht gewollt hatte.
Doch es war kein Missverständnis gewesen. Rosalie hatte sich verständlich ausgedrückt. Evita hatte ihr nur nicht geglaubt.
Sie schrieb allen Betroffenen persönlich. In jedem Brief erklärte sie, dass Rosalie Seidel ihre Arbeitszeit rechtzeitig und eindeutig begrenzt habe. Die späteren Zusagen seien allein von Evita ausgegangen und nicht mit Rosalie vereinbart gewesen. Sie bot neue Gespräche an, nannte andere Praxen und übernahm sämtliche Kosten, die durch versäumte oder unnötig aufrechterhaltene Stunden entstanden waren.
Auch in der Besprechung mit den Mitarbeitern sprach Evita nicht von unglücklicher Kommunikation. Sie sagte, sie habe Rosalies Entscheidung für weniger verlässlich gehalten als ihr eigenes Urteil darüber. Dadurch habe sie unter dem Namen einer Kollegin Zusagen gemacht, zu denen sie nicht berechtigt gewesen sei.
Es kostete sie Überwindung, diesen Satz auszusprechen. Er ließ nichts übrig, worin sie ihre Absicht hätte verbergen können.
Rosalie nahm die Berichtigung zur Kenntnis. Sie zog ihre Kündigung nicht zurück.
Nach ihrem Fortgang musste Evita die Zahl der Termine in der Praxis deutlich verringern. Manche Menschen warteten länger auf ein erstes Gespräch. Zwei gingen zu anderen Ärzten. Evita empfand jeden freien Platz im Kalender zunächst als Vorwurf. Mehrmals wollte sie die Lücken sofort wieder füllen. Dann erinnerte sie sich daran, dass ein voller Kalender nicht immer bedeutete, jemandem gerecht geworden zu sein.
Der Winter verging. Von Rosalie hörte Evita nichts. Sie erfuhr nur, dass diese in einem kleineren Haus zwei Straßen weiter eigene Räume bezogen hatte und ausschließlich vormittags arbeitete. Es schien ihr gutzugehen. Evita freute sich darüber, ohne daraus Verzeihung abzuleiten.
Berta Lenz kehrte nicht zurück. Einige Monate später schickte die neue Ärztin, die sie nun begleitete, eine kurze Nachricht. Berta habe ihre Unterlagen erhalten und wünsche keine weitere Verbindung. Evita legte das Schreiben zu den übrigen Akten. Sie antwortete nur mit der Bestätigung, dass der Wunsch vermerkt worden sei.
An einem Vormittag im frühen Frühjahr rief Rosalie an. Ihre Stimme klang vertraut und zugleich so fern, wie eine Stimme klingt, die ihren neuen Platz bereits gefunden hat. Sie fragte, ob Evita ihr den Namen eines Arztes nennen könne, der Erfahrung mit einer bestimmten Schlafstörung besaß. Es gehe um eine fachliche Weiterleitung, nicht um sie selbst.
Evita kannte einen geeigneten Kollegen. Sie nannte seinen Namen, seine Anschrift und die Zeiten, zu denen er erreichbar war. Danach schwieg sie.
Sie fragte Rosalie nicht, wie die neuen Räume aussahen. Sie erkundigte sich nicht, ob die Vormittage genügten, ob Rosalie ihre Entscheidung bereue oder ob sie sich eine spätere Zusammenarbeit vorstellen könne. All diese Fragen waren in Evita vorhanden. Keine davon war ihr gestellt worden.
Rosalie bedankte sich für die Auskunft.
Evita sagte, sie hoffe, der Hinweis sei hilfreich.
Dann verabschiedeten sich beide.
Nach dem Gespräch blieb Evita noch einen Augenblick am Telefon sitzen. Im Vorzimmer wartete bereits der nächste Mensch auf seine Stunde. Evita stand auf, nahm keine Änderung am Kalender vor und öffnete die Tür erst, als die vereinbarte Zeit gekommen war.