Elodie von Winterfeld am Westfenster

Aus der Galerie

Elodie von Winterfeld

Die Schreiberin

Elodie von Winterfeld lebt bei Evita von Saldern in der großen Stadt. Am Westfenster schreibt sie und findet dort zu ihrer eigenen Sprache.

Elodie lebt bei Evita in der großen Stadt und schreibt am Westfenster.

Geschichten mit Elodie von Winterfeld

Die Abreise

Wer in dieser Geschichte vorkommt

Als Elodie von Winterfeld zum ersten Mal bei Evita von Saldern erwachte, wusste sie nicht, welches Geräusch sie geweckt hatte. In Imaneona Welsers Haus hatte am Morgen der Wind an den Läden gerüttelt, und zuweilen war ein Vogel über das Dach gelaufen. Hier drang das Rollen der ersten Wagen von der Straße herauf. Türen fielen ins Schloss, Wasser rauschte durch die Leitungen, und irgendwo begann ein Radio zu spielen, noch ehe es ganz hell geworden war.

Evita war bereits angekleidet. Sie stellte eine Tasse auf den Tisch und erklärte, dass sie bis zum Abend in ihrer Praxis sein werde. Evita war Ärztin für seelische Leiden. Menschen kamen zu ihr, wenn eine Sorge ihr Leben so eng gemacht hatte, dass sie darin kaum noch Platz fanden. Manche Gespräche dauerten länger als vorgesehen. Daher kehrte Evita selten zu einer bestimmten Stunde nach Hause zurück.

Elodie nickte. Sie wollte nicht, dass Evita bemerkte, wie groß die Entfernung in dieser ersten Nacht geworden war.

Imaneona Welser hatte Elodie Masche für Masche erschaffen. Sie hatte ihr das ruhige Gesicht, das sorgfältig geordnete Haar und schließlich das kleine Buch gegeben, das Elodie überallhin mitnahm. Kurz darauf war der Bruder von Imaneona und Evita gestorben. Er hatte am selben Ort wie Imaneona gelebt, während Evita weit entfernt in einer eigenen Wohnung in einer großen Stadt lebte. Obwohl die Geschwister nicht am selben Ort lebten, hatte Evita ihrem Bruder sehr nahegestanden. Sein Tod traf sie tief. Imaneona wusste, wie schwer die Trauer auf ihrer Schwester lag, wenn am Abend niemand bei ihr war. Deshalb gab sie Elodie zu Evita, damit diese in der ersten Zeit nicht so allein sein musste. Elodie war bereit gewesen mitzugehen. Sie hatte nur nicht geahnt, wie schmerzlich ihr selbst der Abschied von Imaneona werden würde.

Das war ein Irrtum gewesen.

In den ersten Wochen wartete Elodie auf jeden Anruf von Imaneona. Wenn das Telefon läutete und Evita sich mit ihrem Namen meldete, lauschte Elodie aus dem Nebenzimmer. War es nicht Imaneona, schämte sie sich über ihre Enttäuschung. War sie es, wusste Elodie plötzlich nicht, was sie sagen sollte. Sie erzählte von Evitas Wohnung, von der Straße und von den vielen Fenstern gegenüber. Nie sagte sie, dass sie am liebsten noch am selben Tag zurückgekehrt wäre.

Evita fragte nicht, ob Elodie Heimweh habe. Sie sah es dennoch. Sie fand Elodie manchmal früh am Morgen angekleidet im Vorzimmer, als müsse nur noch jemand kommen und sie abholen. Einmal setzte Evita sich neben sie und erklärte, sie dürfe Imaneona jederzeit anrufen.

„Ich weiß“, sagte Elodie.

Evita wartete auf einen weiteren Satz. Als keiner kam, ging sie in die Praxis. Sie war eine Frau, die fremdes Schweigen achtete. Beim eigenen erwies sich diese Tugend gelegentlich als recht bequem.

Obwohl Evita freundlich und verständnisvoll mit ihr umging, vermisste Elodie Imaneona noch immer sehr. Manchmal stellte sie sich vor, Imaneona werde unangekündigt vor der Tür stehen und erklären, der Abschied sei nur für eine Weile gedacht gewesen. Doch derselbe Gedanke, der Elodie tröstete, erschreckte sie auch. Evita war ihr inzwischen lieb geworden, und Elodie wusste nicht, ob sie sich über eine Rückkehr freuen durfte, ohne Evita damit weh zu tun.

Der erste Winter verging. Elodie lernte, wann Evita am ehesten Zeit für ein gemeinsames Frühstück hatte und an welchen Tagen sie erst spät heimkam. Sie gewöhnte sich an die große Stadt, zunächst widerwillig und später, ohne es zu bemerken. Der Bäcker kannte ihre Bestellung. Die Frau im kleinen Papiergeschäft legte ihr neue Schreibhefte zurück. Elodie fand Wege, auf denen der Verkehr leiser wurde, und sie begann, am Westfenster zu schreiben.

Anfangs notierte Elodie nur Dinge, deren Wahrheit sich nicht bestreiten ließ: den Lichteinfall auf den gegenüberliegenden Dächern, die Stunde, zu der der Bäcker seine Markise einzog, und die kurzen Pausen zwischen zwei Regenschauern. Sie schrieb keine Vermutungen über fremde Menschen. Was sie nicht wusste, ließ sie frei. Bald merkte sie, dass gerade diese freien Stellen einen Menschen genauer zeigen konnten als eine eilig erfundene Erklärung.

Die Frau im Papiergeschäft las eines Tages einige Seiten, während Elodie neue Hefte auswählte. Sie bat darum, den Text einer kleinen literarischen Zeitschrift schicken zu dürfen. Elodie zögerte. Bisher hatte sie nur für sich und manchmal für Evita geschrieben. Schließlich gab sie eine Abschrift mit. Unter den Titel setzte sie ihren vollständigen Namen.

Drei Wochen später kam der Text zurück. Die Redaktion lobte Elodies genaue Beobachtung, vermisste jedoch ein Ereignis, das den Lesern im Gedächtnis bleiben würde. Man hatte an den Rand geschrieben, aus einer stillen Frau im Papiergeschäft könne eine Witwe werden, die seit Jahren auf einen verlorenen Sohn warte. Auch ein Abschiedsbrief, hieß es, würde der Geschichte Tiefe verleihen.

Elodie las die Vorschläge zweimal. Die Frau im Papiergeschäft war keine Witwe, und sie wartete auf niemanden. Ihr Leben war nicht gering, nur weil es sich nicht zu einem wirkungsvollen Unglück ordnen ließ. Elodie strich keine der erfundenen Stellen an. Sie legte die Seiten in einen Umschlag und schrieb lediglich, dass sie den Text zurückziehe.

Damit bewahrte sie den Text vor einer Unwahrheit. Sich selbst bewahrte sie nicht davor, missverstanden zu werden. Die Redaktion hielt ihr Schweigen für Unsicherheit, die Frau im Papiergeschäft für Enttäuschung. Evita glaubte, Elodie wolle nicht mehr veröffentlichen, weil die erste Antwort sie entmutigt habe. Elodie widersprach keiner von ihnen.

Für einige Wochen blieb das Westfenster leer. Elodie half anderen weiterhin, schwierige Briefe zu ordnen, strich übertriebene Entschuldigungen und fand für schmerzhafte Mitteilungen Sätze, die weder hart noch ausweichend waren. In der Nachbarschaft begann man, von ihr als der Schreiberin zu sprechen. Nur an ihrem eigenen Text schrieb sie nicht weiter.

Eines Abends nahm sie die zurückgesandten Seiten wieder hervor. Sie erkannte keinen Fehler in der Geschichte. Dennoch schob sie den Umschlag in die unterste Lade. Sie konnte sich gegen eine erfundene Begebenheit verwahren; schwerer fiel es ihr zu sagen, was sie selbst mit ihren Worten wollte. So begann sie ein neues Heft und schrieb weiter, ohne den alten Text noch einmal fortzuschicken.

Wenn Evita nach Hause kam, erzählte sie nichts aus ihrer Praxis. Sie berichtete höchstens, dass ein Gespräch schwer gewesen sei oder jemand zum ersten Mal seit Monaten wieder einen Plan für den nächsten Tag gemacht habe. Elodie stellte keine Fragen, die Evita nicht beantworten durfte. Sie kochte Tee, während Evita den Mantel ablegte, und las ihr manchmal einen Absatz aus ihrem Buch vor.

Aus den Monaten wurden Jahre. Elodie dachte weiterhin täglich an Imaneona, doch die Sehnsucht hatte sich verändert. Sie war nicht mehr der Wunsch, sofort fortzugehen. Sie war der Wunsch, Imaneona nahe zu sein und dennoch am Abend in Evitas Wohnung zurückzukehren. Elodie hielt das lange für einen Widerspruch. Gefühle, meinte sie, sollten wenigstens den Anstand besitzen, sich für eine Richtung zu entscheiden. Ihre taten es nicht.

An einem Sonntag rief Imaneona an. Evita war zu einem dringenden Gespräch in die Praxis gefahren, obwohl sie den Tag hatte zu Hause verbringen wollen. Elodie saß allein am Frühstückstisch und sprach länger als sonst mit Imaneona.

Imaneona fragte, ob Elodie sich inzwischen eingelebt habe.

Elodie antwortete, sie fühle sich bei Evita wohl. Dann fügte sie hinzu, manchmal vermisse sie Imaneona noch immer so sehr, dass sie am liebsten am nächsten Morgen zu ihr reisen würde.

Imaneona schwieg kurz. Sie fragte, ob Elodie kommen wolle.

„Für eine Weile“, sagte Elodie. „Nicht für immer.“

Imaneona freute sich. Sie schlug einen Besuch von sechs Wochen vor und sagte, sie werde noch am selben Abend mit Evita sprechen. Elodie stimmte zu.

Elodie nahm sich vor, Evita am Abend von dem Gespräch zu erzählen. Doch Evita kam erst nach zehn Uhr zurück. Sie wirkte müde und aß nur einige Löffel von der Suppe, die Elodie warm gehalten hatte. Als Elodie Imaneonas Anruf erwähnte, lächelte Evita und sagte, sie freue sich darüber.

„Ich habe gesagt, dass ich sie besuchen möchte“, begann Elodie.

Das Telefon läutete. Evita wurde noch einmal in die Praxis gerufen. Sie zog den Mantel wieder an und versprach, am nächsten Morgen weiterzusprechen.

Am nächsten Morgen musste Elodie länger schlafen. Als sie aufstand, war Evita fort. Auf dem Küchentisch lag eine kurze Nachricht: Imaneona habe angerufen. Alles lasse sich gut ordnen. Am Abend würden sie darüber sprechen.

Evita sprach tatsächlich am Abend darüber. Sie hatte zwischen zwei Gesprächen eine Verbindung herausgesucht und ihre Termine für den kommenden Samstag verschoben. Mit Imaneona war ein Besuch von sechs Wochen vereinbart. Evita fügte jedoch hinzu, Elodie müsse sich an die Rückkehr nicht gebunden fühlen; falls sie länger bleiben wolle, dürfe sie bleiben.

Evita sagte dies ruhig und freundlich. Gerade deshalb traf es Elodie so unvorbereitet.

„Solange ich will?“, fragte Elodie.

Evita antwortete, Elodie müsse sich zu nichts verpflichtet fühlen. Sie habe lange genug weit entfernt von Imaneona gelebt.

Elodie wollte sagen, dass sie nur von einem Besuch gesprochen hatte. Doch Evita fügte hinzu, sie habe immer gewusst, wie schwer die ersten Monate für Elodie gewesen seien. Vielleicht habe sie damals zu bereitwillig angenommen, dass die Zeit alles ordnen werde.

Elodie hörte darin etwas, das Evita nicht gesagt hatte: Die Zeit hatte nichts geordnet, und Evita war müde geworden, darauf zu warten.

Sie widersprach nicht.

Später saß Elodie am Westfenster und versuchte, Evita einen Brief zu schreiben. Sie brachte darin jeden einzelnen Umstand richtig unter: die sechs Wochen, die vereinbarte Verbindung, die Rückkehr an einem bestimmten Tag. Nur der Satz, um den es ging, fehlte. Elodie schrieb nicht, dass sie bei Evita bleiben wollte. Als sie die Seite noch einmal las, erinnerte sie sich an den zurückgezogenen Text in der untersten Lade. Wieder hatte sie verhindert, etwas Falsches zu sagen, und gerade dadurch das Wahre unausgesprochen gelassen. Sie zerriss den Brief nicht. Sie legte ihn beiseite, weil auch eine unvollständige Seite zeigen konnte, woran man gescheitert war.

In den folgenden Tagen bereiteten beide die Abreise mit jener tadellosen Höflichkeit vor, die ein Missverständnis besonders haltbar machen kann. Evita fragte, was Elodie mitnehmen wolle. Elodie antwortete, nur das Nötigste. Evita erkundigte sich, ob sie Hilfe brauche. Elodie sagte nein. Keine wollte die andere festhalten, und so bemerkten sie nicht, dass keine von beiden fortwollte.

Am Mittwoch versuchte Elodie noch einmal, das Gespräch zu beginnen. Evita stand im Flur und suchte in ihrer Tasche nach den Schlüsseln zur Praxis.

Elodie fragte, ob Evita froh sei, bald wieder allein zu wohnen.

Evita hielt inne. Ihr Gesicht wurde sehr still. Dann antwortete sie, Elodie dürfe ihre Entscheidung nicht von Evitas Einsamkeit abhängig machen.

Das war eine sorgfältige Antwort auf eine Frage, die Elodie nicht gestellt hatte.

Evita ging. Elodie blieb im Flur zurück und empfand zum ersten Mal seit langer Zeit wieder jene furchtbare Sehnsucht nach Imaneona. Diesmal brachte sie jedoch keinen Trost. Denn zugleich fehlte ihr Evita, obwohl deren Schritte gerade erst auf der Treppe verklungen waren.

Am Freitag, einen Tag früher als vereinbart, kam Imaneona an. Sie wollte die lange Reise nicht am selben Tag fortsetzen und hatte Evita über ihre frühere Ankunft nicht mehr erreicht. Elodie öffnete ihr die Tür.

Für einen Augenblick standen sie nur voreinander. Dann nahm Imaneona Elodie in die Arme. Elodie hatte oft darüber nachgedacht, wie diese Wiederbegegnung sein würde. In keiner ihrer Vorstellungen hatte sie gleichzeitig weinen und lachen müssen.

Imaneona bemerkte das bereitgestellte Gepäck. Sie fragte, weshalb Elodie so viel mitnehme.

Elodie erklärte, Evita habe gesagt, sie könne bleiben, solange sie wolle.

„Sechs Wochen“, sagte Imaneona. „Davon haben wir gesprochen.“

Nun sahen beide auf die vorbereiteten Sachen. Die Verwirrung ließ sich nicht mehr für Rücksicht halten.

Imaneona setzte sich mit Elodie an den Tisch. Sie erzählte, Evita habe am Sonntagabend gesagt, Elodie sehne sich noch immer fort und wolle vielleicht nicht zurückkehren. Imaneona habe widersprochen und auf dem vereinbarten Besuch von sechs Wochen bestanden. Evita habe daraus geschlossen, Elodie dürfe selbst entscheiden, ob sie danach zurückkehre. Beide hatten von Elodies Freiheit gesprochen, ohne Elodie in das Gespräch einzubeziehen.

Evita kam kurz nach neun Uhr nach Hause. Als sie Imaneona sah, blieb sie in der Tür stehen. Dann fiel ihr Blick auf Elodie, und sie wusste sofort, dass die beiden miteinander gesprochen hatten.

Imaneona sagte, sie habe Elodie für sechs Wochen erwartet, nicht für ein unbestimmtes neues Leben.

Evita legte ihre Handschuhe ab. Sie antwortete, Elodie habe ihr nie gesagt, dass sie zurückkommen wolle.

„Du hast mich auch nicht gefragt“, sagte Elodie.

Evita setzte sich. In ihrer Praxis konnte sie lange schweigen, ohne einen Menschen allein zu lassen. An diesem Abend gelang es ihr zunächst nicht. Imaneona wartete. Elodie ebenfalls.

Schließlich sprach Evita von den ersten Monaten. Nach dem Tod ihres Bruders hatte sie die Abende in ihrer Wohnung oft allein verbracht und Elodies Nähe dringender gebraucht, als sie damals zugeben konnte. Obwohl sie Elodies Heimweh sah, hatte sie nie gefragt, ob Elodie zu Imaneona zurückkehren wolle. Später war Elodie ihr so lieb geworden, dass Evita nicht mehr wusste, ob Elodie aus Zuneigung bei ihr blieb oder weil sie die trauernde Schwester nicht verlassen wollte. Als Imaneona von der Sehnsucht erzählt hatte, glaubte Evita, Elodie wolle wirklich zurückkehren und wage es nur ihretwegen nicht. Deshalb hatte sie Elodie eine Freiheit angeboten, um die diese gar nicht gebeten hatte.

Auch Imaneona erklärte, weshalb sie zu rasch gehandelt hatte. Nach dem Tod des Bruders hatte sie den Gedanken nicht ertragen, Evita müsse die traurigen Abende allein in ihrer Wohnung verbringen. Sie hatte gehofft, Elodies Nähe werde der Schwester helfen, und dabei zu wenig bedacht, was die Trennung für Elodie bedeutete. Als Elodie nun von ihrer Sehnsucht sprach, fürchtete Imaneona, damals etwas Falsches getan zu haben. Obwohl Elodie nur um einen Besuch gebeten hatte, ließ Imaneona sich mit Evita auf ein Gespräch über Elodies künftiges Zuhause ein.

Elodie sah von einer Schwester zur anderen. Beide hatten über ihre Gefühle gesprochen, nur nicht mit ihr.

Sie erzählte ihnen von den ersten Monaten in der großen Stadt. Von den Morgen, an denen sie im Vorzimmer auf eine Abholung gewartet hatte. Von der Scham, sobald sie bei Evita einen schönen Tag erlebt hatte. Später hatte sie sich geschämt, wenn sie Imaneona vermisste, weil sie fürchtete, Evita damit erneut allein zu lassen. Sie hatte jahrelang geglaubt, nur eines von beidem dürfe wahr sein.

„Ich möchte zu Imaneona“, sagte Elodie. „Und ich möchte danach wieder hier wohnen.“

Evita fragte, wann Elodie zurückkommen wolle.

Elodie nannte einen Tag sechs Wochen später.

Diesmal traf niemand eine weitere Entscheidung für sie.

Am folgenden Morgen reisten Elodie und Imaneona gemeinsam ab. Die sechs Wochen waren schön, doch sie waren nicht die Wiederholung eines früheren Lebens. Imaneona hatte ihre eigenen Gewohnheiten, Elodie inzwischen ebenfalls. Sie fanden einander neu, ohne so zu tun, als wäre nichts vergangen. Elodie erzählte von Evita, ohne ihre Freude zu verkleinern. Sie sprach von der großen Stadt, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Und wenn sie Evita vermisste, sagte sie es.

In Imaneonas Haus öffnete Elodie auch den Umschlag mit dem zurückgezogenen Text. Sie hatte ihn vor der Abreise selbst zwischen ihre Hefte gelegt, ohne zu wissen, ob sie ihn noch einmal ansehen würde. Nun erzählte sie Imaneona von den erfundenen Änderungen und davon, dass sie lieber ganz auf die Veröffentlichung verzichtet hatte, als ihren Widerspruch genauer zu begründen. Imaneona las die ursprünglichen Seiten. Sie fand darin nichts, was durch ein fremdes Unglück verbessert werden musste.

Elodie überarbeitete den Text während ihres Besuchs, doch sie fügte keine Witwe und keinen verlorenen Sohn hinzu. Sie machte deutlicher, weshalb das ruhige Leben im Papiergeschäft ihrer Aufmerksamkeit wert gewesen war. An die Redaktion schrieb sie, dass sie den Text veröffentlichen wolle, aber ausschließlich in einer Fassung, für deren Wahrheit sie mit ihrem Namen einstehen könne. Dann setzte sie ihre Unterschrift darunter und brachte den Umschlag selbst zur Post.

Am vereinbarten Tag kehrte Elodie zurück. Evita hatte ihren letzten Termin nicht abgesagt, aber sie hatte ihn so gelegt, dass sie rechtzeitig zu Hause sein konnte. Als Elodie eintrat, stand Evita im Flur.

„Bist du wieder da?“, fragte Evita.

Elodie antwortete, dass sie wieder da sei.

Evita zögerte. Dann fragte sie, wie lange Elodie bleiben wolle.

„Ich wohne hier“, sagte Elodie.

Evita nickte. „Das ist eine klare Auskunft.“

„Sie war lange genug unterwegs“, erwiderte Elodie.

Einige Wochen später lag am Westfenster ein schmaler Brief. Die Zeitschrift würde Elodies Text drucken, unverändert bis auf ein fehlendes Komma, das Elodie sogleich ergänzte. Unter dem Titel stand ihr vollständiger Name.

Evita las die Druckfahne am Abend. Sie sagte nicht, die Geschichte sei rührend oder schön. Sie sagte, dass jeder Satz nach Elodie klinge. Das war das genaueste Lob, das sie ihr geben konnte.

Am nächsten Morgen setzte Elodie sich wieder ans Westfenster. Sie schlug ein neues Heft auf, schrieb auf die erste Seite Elodie von Winterfeld und begann darunter mit einer Geschichte, die niemand für sie zu Ende deuten sollte.