Wollwesen
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Elodie von Winterfeld

Die Schreiberin

Elodie lebt bei Evita und schreibt am Westfenster. Ihre Sehnsucht nach Imaneona ist geblieben.

Elodie von Winterfeld

Als Elodie von Winterfeld zum ersten Mal in Evitas Wohnung erwachte, lauschte sie eine Weile mit geschlossenen Augen, ehe sie begriff, weshalb ihr die Geräusche fremd waren. In Imaneona Welsers Haus hatte am Morgen der Wind an den Fensterläden gerüttelt; hier rollten Wagen über das Pflaster, Wasser rauschte durch die Wand, und irgendwo fiel eine Tür ins Schloss. Sie streckte die Hand nach dem kleinen Buch aus, das neben ihrem Bett lag, und blieb noch liegen, obwohl es bereits hell geworden war. Am Abend war ihr Imaneonas Stimme noch so gegenwärtig gewesen, als hätte diese eben erst das Zimmer verlassen; nun begann der erste Tag, an dem sie Imaneona nicht sehen würde.

Evita von Saldern war schon angekleidet. In der Küche standen zwei Tassen, doch sie trank aus ihrer eigenen im Stehen und erklärte dabei, dass sie bis zum Abend in der Praxis sein werde. Als Ärztin für seelische Leiden hörte sie vielen Menschen zu, deren Not mit dem Ende der vereinbarten Stunde nicht geringer geworden war, und sie brachte es selten über sich, ein Gespräch abzubrechen. Elodie nickte, während sie ihre Tasse mit beiden Händen umfasste. Sie hatte fragen wollen, wann Evita heimkommen werde, aber diese suchte bereits nach ihren Schlüsseln und schien über die Verspätung so bekümmert, dass Elodie ihr die Frage ersparte.

Noch am Nachmittag zuvor hatte sie mit Imaneona auf dem Bahnsteig gestanden. Seit dem Begräbnis des Bruders hatten die beiden Schwestern einander kaum aus den Augen gelassen; nun sollte Evita allein in die große Stadt zurückfahren, in eine Wohnung, die so weit von der Familie entfernt lag. Als sie sich zum Abschied umarmten, hielt Imaneona die Schwester lange fest. Dann wandte sie sich Elodie zu und fragte leise, ob sie mit Evita reisen wolle, damit am Abend jemand bei ihr sei.

Elodie hatte Evita angesehen und war zu ihr getreten. Imaneona, die sie Masche für Masche erschaffen, ihr das ruhige Gesicht, das geordnete Haar und zuletzt das kleine Buch gegeben hatte, strich noch einmal den Kragen an Elodies senffarbenem Kleid glatt. Es gab daran nichts zu richten, doch sie ließ sich Zeit damit. Erst als Evita nach dem Gepäck griff, nahm sie die Hand fort und küsste Elodie zum Abschied.

Während der Zug langsam anfuhr, suchte Elodie am Fenster nach Imaneona. Sie stand noch an derselben Stelle und hob die Hand, als hätte sie gewusst, dass Elodie sich nach ihr umwenden würde. Imaneona wurde kleiner, bis Elodie sie zwischen den Wartenden nicht mehr erkennen konnte. Sie blieb am Fenster, bis Evita sich neben sie setzte. Deren Hand war kühl, als Elodie danach griff, und umschloss ihre so fest, dass sie den eben aufgestiegenen Wunsch, wieder auszusteigen, nicht auszusprechen wagte.

In den ersten Wochen blickte Elodie zuweilen zur Tür, wenn Schritte im Stiegenhaus stehen blieben. Sie wusste, dass Imaneona nicht unangekündigt die lange Reise auf sich nehmen würde, und stellte sie sich dennoch draußen vor, müde von der Fahrt, mit jenem Lächeln, das schon eine Begrüßung gewesen wäre. Am Telefon erzählte sie ihr von der großen Stadt und suchte nach etwas Erfreulichem, das sie hinzufügen konnte. Was sie am liebsten gesagt hätte, hätte Imaneona traurig gemacht; deshalb fragte sie lieber nach dem Haus und hörte so aufmerksam zu, als könnte sie an den vertrauten Dingen noch für eine Weile teilhaben, wenn sie nur den Hörer nicht aus der Hand legte.

Evita bemerkte das Heimweh. Eines Morgens fand sie Elodie angekleidet im Vorzimmer, das Buch auf den Knien, und setzte sich zu ihr. Sie dürfe Imaneona jederzeit anrufen, sagte sie, auch mehrmals am Tag. Elodie dankte ihr und hätte gern erklärt, dass sie manchmal gar nichts erzählen wollte. Sie vermisste es, neben Imaneona zu sitzen, während diese arbeitete und gelegentlich aufsah, ohne dass dafür ein Anlass nötig gewesen wäre. Doch Evita war eigens bei ihr geblieben und sah nun auf die Uhr; da stand Elodie auf, damit sie nicht ihretwegen zu spät kam.

An manchen Abenden wartete sie lange auf Evita und nahm sich vor, wenigstens ihr von dieser Einsamkeit zu erzählen. Kam Evita dann die Stufen herauf, langsam und mit einer Müdigkeit, die schon in der Art lag, wie sie den Schlüssel ins Schloss schob, ging Elodie ihr entgegen und fragte nach dem Tag. Einmal legte Evita den Mantel ab, blieb vor ihr stehen und strich ihr über das Haar, ehe sie in die Küche ging. Elodie folgte ihr, ohne ihre Klage vorzubringen. Sie war so froh über die Zärtlichkeit, dass sie später, als Evita nach ihrem Tag fragte, nur lächelte und sagte, es sei ein schöner Tag gewesen.

Der Winter verging, und allmählich entstanden auch in der fremden Stadt kleine Vertrautheiten. Beim Bäcker wusste man, welches Brot sie holte; die Inhaberin des Papiergeschäfts legte ihr schlichte Hefte zurück und ließ sie in Ruhe auswählen. Am Nachmittag fiel ein mildes Licht durch das Westfenster in Evitas Wohnung, und dort begann Elodie zu schreiben. Zuerst hielt sie fest, was sie sehen konnte: eine Hand, die einen Blumentopf vom Sims nahm, den Regen im gegenüberliegenden Hof, ein Kind, das an einer geschlossenen Tür wartete und immer wieder die Klinke versuchte. Was sie über die Menschen nicht wusste, erfand sie nicht hinzu. Sie kannte nun selbst die Abende, von denen ein Vorübergehender nur das erleuchtete Fenster sah.

Manchmal las sie Evita einige Seiten vor. Evita lehnte sich dann im Sessel zurück und schloss die Augen; wenn Elodie verstummte, weil sie sie für eingeschlafen hielt, bat sie um den nächsten Absatz. An solchen Abenden vergaß Elodie, wie oft sie fortgewollt hatte. Erst später, allein in ihrem Zimmer, dachte sie wieder an Imaneona und empfand ihre Freude beinahe als Untreue. Sie schrieb ihr am folgenden Morgen einen besonders langen Brief, in dem sie von dem gemeinsamen Abend nur wenig erzählte.

Die Inhaberin des Papiergeschäfts ermunterte Elodie schließlich, einen Text an eine kleine Zeitschrift zu schicken. Sie hatte sich in der Erzählung über ihren Laden wiedererkannt und war erstaunt gewesen, dass Elodie so vieles aufgefallen war, was sie selbst im Lauf eines Arbeitstages kaum noch bemerkte. Elodie fertigte eine saubere Abschrift an und setzte ihren vollständigen Namen darunter; als die Antwort kam, nahm sie den Brief zum Westfenster mit, ehe sie ihn öffnete.

Die Redaktion lobte ihre genaue Beobachtung, schlug jedoch eine traurige Vorgeschichte für die Ladenbesitzerin vor. Sie könnte eine Witwe sein, die vergeblich auf ihren Sohn warte; davon würde, so hieß es, die stille Erzählung gewinnen. Elodie las die betreffende Stelle mehrmals. Sie dachte an die wirkliche Besitzerin, die einem Kind einen zerknitterten Bogen glättete und dabei ebenso sorgfältig vorging wie beim Verpacken ihres kostbarsten Papiers. Gerade diese Sorgfalt hatte Elodie zum Schreiben gebracht. Sie wollte kein fremdes Unglück hinzufügen, um die Aufmerksamkeit für ein Leben zu gewinnen, das ihr schon ohne dieses Unglück lieb war.

Den Text zog sie zurück, erklärte ihren Entschluss aber nur mit wenigen höflichen Worten. Als Evita sie zu trösten versuchte, ließ Elodie sie glauben, die Antwort der Zeitschrift habe ihr den Mut genommen. Sie hätte sich zu lange erklären müssen, und vor dem Unverständnis, das auch dann noch möglich gewesen wäre, zog sie sich lieber zurück. Die Erzählung kam in die unterste Lade. Elodie schrieb weiterhin, und gelegentlich half sie jemandem aus der Nachbarschaft bei einem schwierigen Brief. Sie konnte lange an einer Bitte arbeiten, die ein anderer nicht auszusprechen wagte, ohne dabei ungeduldig zu werden.

Aus den Monaten wurden Jahre. Elodie kannte nun Evitas Schritte und hörte daran, ob sie ihr entgegengehen oder sie erst den Mantel ablegen lassen sollte. Evita wiederum kam, wenn am Westfenster noch Licht brannte, oft zuerst zu ihr und blieb einen Augenblick hinter ihrem Stuhl stehen. Es gab gemeinsame Morgen und Abende, an denen eine von beiden etwas erzählte, das der anderen während des Tages ebenfalls aufgefallen war. Daneben blieben die Stunden, in denen Elodie allein aß und Imaneona so heftig vermisste wie am Anfang. Dann erschrak sie über die Sehnsucht, weil Evita ihr inzwischen lieb geworden war, und verschwieg beiden, was ihr fehlte.

An einem Sonntag musste Evita unerwartet in die Praxis. Die zweite Tasse stand noch auf dem Frühstückstisch, als Imaneona anrief, und diesmal brachte Elodie die gewöhnlichen Versicherungen, es gehe ihr gut, nicht über die Lippen. Sie fragte nach dem Haus und nach den Fensterläden, die noch immer im Wind klapperten; erst als Imaneona sich verabschieden wollte, sagte sie, wie sehr sie sie vermisse. Während sie sprach, betrachtete sie Evitas leeren Platz.

Imaneona fragte, ob sie zu Besuch kommen wolle. Elodie antwortete so rasch, dass sie gleich darauf stockte und hinzufügte, sie könne doch nicht einfach fortfahren. Aber Imaneona hatte bereits begonnen, sich zu freuen. Sechs Wochen könnten sie miteinander verbringen; sie würde Elodie abholen, damit sie die lange Reise gemeinsam machten. Elodie versprach, mit Evita zu sprechen, und nahm nach dem Anruf ein Heft aus der Lade, das sie Imaneona zeigen wollte. Sie hielt es noch in der Hand, als ihr einfiel, dass sie ihr bald wieder gegenübersitzen würde.

Am Abend kam Evita spät heim. Elodie wartete, bis sie gegessen hatte, und begann dann von dem Besuch zu erzählen, doch noch während sie sprach, läutete das Telefon. Evita musste ein zweites Mal fort. Im Vorübergehen legte sie ihre Hand auf Elodies Schulter und versprach, am nächsten Tag in Ruhe zuzuhören; Elodie nickte und räumte danach den Teller weg, von dem kaum etwas gegessen worden war.

Als sie am folgenden Abend miteinander sprachen, hatte Imaneona bereits angerufen. Evita wusste von den sechs Wochen und freute sich, dass die beiden einander wiedersehen würden. Sie hatte sich den Vormittag der Abreise freigehalten, um sie zum Bahnhof zu begleiten, und Elodie sah sie erleichtert an. Dann fügte Evita hinzu, sie müsse nicht nach sechs Wochen zurückkommen, falls sie bei Imaneona bleiben wolle.

Elodie fragte, ob sie wirklich länger fortbleiben könne. Evita nickte und sagte, sie habe nie vergessen, wie unglücklich Elodie anfangs gewesen sei; sie solle nicht aus Rücksicht auf sie zurückkehren. Während sie das sagte, glitt ihr Blick zu dem Buch auf dem Tisch. Elodie wollte es nehmen und Evita an die vielen Abende erinnern, an denen sie daraus vorgelesen hatte. Stattdessen fragte sie, ob sie den kleinen Koffer benutzen dürfe. Die Freundlichkeit, mit der Evita ihr das Bleiben bei Imaneona anbot, ließ sie fürchten, sie könne mit ihrem Wunsch zurückzukommen nur lästig werden.

Später versuchte sie, Evita zu schreiben. Sie erwähnte die sechs Wochen, Imaneonas Freude und den Tag, an dem sie zurückfahren könnte. Als sie die Seite las, fand sie daran nichts Unrichtiges und doch keinen Satz, der Evita hätte sagen können, weshalb ihr die Rückkehr so wichtig war. Sie hätte schreiben müssen, dass sie wieder zu ihr wollte, auch wenn die Wochen bei Imaneona schön würden, und dass sie gehofft hatte, Evita werde sie vermissen. Lange saß sie vor der begonnenen Seite; schließlich schob sie sie unter ihr Heft und löschte das Licht.

In den nächsten Tagen half Evita ihr bei den Vorbereitungen, und jede freundliche Frage schien Elodie zu bestätigen, wie leicht Evita die Trennung fallen werde. Als Evita anbot, vergessene Sachen später nachzuschicken, nahm Elodie auch die übrigen Hefte aus der Lade. Sie wollte ihr keine Mühe machen und konnte zugleich die Vorstellung nicht ertragen, Evita werde eines Tages in das leer gewordene Zimmer treten und ihre Dinge zusammensuchen. Zu dem Koffer kamen zwei Taschen, die Evita ansah, ohne etwas zu sagen.

Am Mittwoch hielt Elodie sie im Flur zurück. Evita hatte die Tasche bereits über der Schulter, doch Elodie fürchtete, auch am Abend wieder schweigen zu müssen, wenn sie es jetzt nicht versuchte. Ob Evita froh sei, bald wieder allein zu wohnen, fragte sie. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, erschrak sie über deren Klang. Evita nahm die Hand von der Türklinke und blieb stehen; einen Augenblick lang schien sie antworten zu wollen, dann sagte sie nur, Elodie dürfe ihretwegen nicht auf die Reise verzichten. Sie wartete noch, aber Elodie brachte nichts mehr hervor. Als Evitas Schritte auf der Treppe verklangen, setzte sie sich auf den Stuhl im Vorzimmer, auf dem sie früher auf Imaneona gewartet hatte.

Imaneona kam am Freitag; am nächsten Morgen wollten sie gemeinsam abreisen. Elodie hatte sich vorgenommen, ihr schon an der Tür von der Verwirrung der letzten Tage zu erzählen, doch als sie sie sah, legte sie nur den Kopf an ihre Schulter. Imaneona hielt sie fest und strich ihr über das Haar. Erst als Elodie sich wieder aufrichtete, bemerkte sie, dass auch Imaneonas Augen feucht geworden waren. Sie nahm ihr die Tasche ab und führte sie in die Küche, wo sie während des Teekochens immer wieder zu ihr hinübersah, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich da war.

Imaneona erzählte von der Fahrt. Dann erkundigte sie sich nach den vielen Sachen im Flur und fragte, ob Elodie sie alle für sechs Wochen brauche. Elodie antwortete, dass sie vielleicht länger bleiben werde; Evita habe es ihr ausdrücklich angeboten. Sie versuchte dabei den unbeschwerten Ton, in dem sie früher am Telefon von der großen Stadt gesprochen hatte, aber Imaneona stellte ihre Tasse ab und sah sie aufmerksam an.

Evita habe gefragt, ob Elodie denn wiederkommen wolle, erzählte sie. Imaneona hatte der Schwester die sechs Wochen genannt und geglaubt, damit sei die Frage beantwortet. Nun fragte sie Elodie, ob sie selbst etwas anderes wünsche. Elodie schüttelte den Kopf und zog nach einer Weile den begonnenen Brief unter ihrem Heft hervor. Imaneona las ihn, ohne nach dem Bleistift zu greifen, der auf dem Tisch lag. Sie hatte Elodie oft beim Finden eines Wortes geholfen; diesmal wartete sie nur, bis Elodie von sich aus weitersprach.

Sie wolle zu Imaneona, sagte Elodie, und zugleich fürchte sie jeden Tag mehr, dass Evita sie nicht zurückerwarte. Am Telefon habe sie sich so auf den Besuch gefreut; nun wisse sie nicht mehr, wie sie am nächsten Morgen abreisen solle. Imaneona nahm ihre Hand und blieb bei ihr sitzen, bis sich der Schlüssel im Schloss drehte.

Evita umarmte die Schwester und erkundigte sich nach der Reise. Dann wollte sie die Sachen aus dem Flur räumen, damit niemand darüber stolperte. Elodie trat zu ihr und sagte, sie habe mehr eingepackt, als sie brauche, weil sie nicht gewusst habe, ob sie wiederkommen dürfe. Evita ließ den Griff der Tasche los. In Elodies Hand war das gefaltete Blatt schon ganz weich geworden. Evita sah, wie fest Elodie es hielt, und wartete, während diese noch nach Worten suchte.

„Ich möchte wieder bei dir wohnen“, sagte Elodie. „Möchtest du das auch?“

Evita antwortete nicht gleich. Elodie wandte sich bereits zur Küche, als könnte sie der Antwort entgehen, indem sie eine Tasse holte; dann blieb sie stehen und sah Evita wieder an. Imaneona rückte am Tisch einen Stuhl zur Seite. Sie setzten sich, und Evita legte die Hände vor sich hin, während Elodie auf einen Satz wartete, den sie so lange nicht zu erbitten gewagt hatte.

Evita sagte, dass sie Elodie schon jetzt vermisse. Sie hatte es verschwiegen, weil sie fürchtete, Elodie werde dann nur ihretwegen zurückkommen. Nach dem Tod des Bruders war sie abends manchmal vor ihrer Wohnungstür stehen geblieben und hatte den Schlüssel noch eine Weile in der Hand behalten. Erst wenn sie drinnen Elodie hörte, hatte sie aufgesperrt. Das erzählte sie nun zögernd, ohne Elodie dabei anzusehen. Sie hatte gewusst, dass Elodie Heimweh hatte, und dennoch jeden Abend gehofft, sie werde noch da sein.

Elodie erinnerte sich an die Geräusche im Stiegenhaus, auf die sie damals gelauscht hatte. Sie hatte auf Imaneona gewartet, während Evita draußen vor der Tür stand und nach einem Laut von ihr horchte. Sie rückte näher an sie heran, doch Evita sprach noch weiter. Als Elodie später ruhiger geworden war, hatte Evita nicht gewagt, sie zu fragen, ob sie nun gern bei ihr lebe. Sie war zu froh gewesen, sie bei sich zu wissen, und hatte das Schweigen schließlich für eine Antwort genommen. Nun hatte sie gehört, wie sehr Elodie sich nach Imaneona sehnte, und glaubte, ihr wenigstens diesmal das Fortgehen leicht machen zu müssen.

Elodie erzählte ihr von den Abenden beim Vorlesen. Sie habe immer gern weitergelesen, sagte sie, wenn Evita noch um einen Absatz bat; manchmal habe sie eine besonders schöne Stelle sogar für den nächsten Abend aufgehoben. Evita sah sie an und erinnerte sich an ein Heft, das tagelang geschlossen auf dem Tisch gelegen hatte, während sie immer erst nach zehn Uhr heimgekommen war. Sie fragte, ob Elodie damals auf sie gewartet habe, und Elodie nickte. Mehr konnte sie zunächst nicht sagen.

Imaneona saß still neben ihnen. Als Elodie sich zu ihr wandte, begann Imaneona von jenem Nachmittag am Bahnhof zu erzählen: wie sie Evita nicht hatte allein fahren lassen wollen und doch ihre eigene Hand kaum von Elodie lösen konnte. Auf dem Heimweg hatte sie sich mehrmals nach ihr umgewandt, obwohl sie wusste, dass der Zug längst fort war. Elodie hatte sich Imaneona stets in dem unveränderten Haus vorgestellt, während sie selbst sich an alles Neue gewöhnen musste. Nun hörte sie, dass Imaneona am ersten Abend mit der Arbeit aufgehört hatte, weil ihr etwas eingefallen war, das sie Elodie erzählen wollte, und ihr erst beim Aufstehen wieder bewusst geworden war, wie weit diese schon weg sein musste.

Elodie nahm ihre Hand. Eine Weile saßen sie so beieinander, ehe sie Evita sagte, dass sie in sechs Wochen zurückkommen wolle. Noch während sie sprach, sah sie zu Imaneona, aber diese erwiderte den Druck ihrer Hand. Evita fragte nach dem Tag, damit sie zu Hause sein könne. Elodie nannte ihn und blieb noch sitzen; erst später stand sie auf, nahm mehrere Hefte aus der Tasche und brachte sie zum Westfenster zurück.

Am nächsten Morgen begleitete Evita die beiden zum Bahnhof. Als Imaneona bereits eingestiegen war, blieb Elodie noch bei Evita stehen. Diese zog sie an sich und sagte ihr leise, dass sie ihr fehlen werde. Elodie hielt sie fest, ohne zu versprechen, früher zurückzukommen. Vom Fenster aus sah sie ihr nach, bis der Zug an den ersten Häusern vorüberfuhr; dann setzte sie sich neben Imaneona, die ihr den Platz freigehalten hatte.

Die Wochen bei Imaneona waren schön, und manches war anders, als Elodie es in ihrer Sehnsucht bewahrt hatte. Imaneona arbeitete oft bis spät am Abend, während Elodie inzwischen früh müde wurde; Elodie erzählte von Wegen, die Imaneona nicht kannte, und vermisste morgens die Geräusche der großen Stadt. Sie mussten einander fragen und manches neu voneinander erfahren. Wenn Elodie Evita anrief, blieb sie dafür im Zimmer, und Imaneona erinnerte sie gelegentlich an etwas, worüber sie am Nachmittag gemeinsam gelacht hatten.

Auch die zurückgezogene Erzählung hatte Elodie mitgenommen. Imaneona las sie und fragte nach dem Kind im Papiergeschäft. Elodie erzählte, wie behutsam die Besitzerin seinen zerknitterten Bogen geglättet hatte; davon stehe noch zu wenig im Text, meinte Imaneona. Am nächsten Morgen begann Elodie zu überarbeiten. Sie fügte kein fremdes Unglück hinzu, beschrieb aber genauer, was sie an der Besitzerin gesehen hatte. Im Brief an die Zeitschrift erklärte sie diesmal, weshalb sie bei dieser Geschichte bleiben wollte. Die Zusage kam noch vor ihrer Heimreise, und Elodie legte sie zwischen die Seiten, die sie Evita vorlesen würde.

Am vereinbarten Tag kehrte sie zurück. Im Flur standen ihre Schuhe, beim Westfenster lagen die zurückgelassenen Hefte. Evita nahm ihr den Koffer ab und fragte, ob sie müde sei. Elodie nickte, blieb aber noch in der Tür stehen. Dann begann sie von Imaneona zu erzählen, erst zögernd, weil ihr der Abschied naheging, und bald mit jener Freude, die sich beim Erinnern wieder einstellte. Evita hörte zu; als das Telefon läutete, ließ sie es läuten, bis Elodie ihren Satz beendet hatte.

Ende